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Aachen: Ein großer Formationstanz mit Zollstock

Aachen : Ein großer Formationstanz mit Zollstock

Für Willkür ist das Stadion gesperrt. Wenn die Nacht über der Soers hereinbricht, läuft auf dem Springplatz alles nach Plan. Nach Frank Rothenbergers Plan. Er ist der Parcourschef des CHIO und gestaltet für jeden Tag ein neues Meisterwerk zwischen den Tribünen. Denn kein Tag ist beim Weltfest des Pferdesports wie der andere - auch in Sachen Parcours, der jeden Tag neu gestaltet wird.

Immer dann wenn die Besucher zu ihren Autos strömen und die Pferde und die Reiter in ihren Boxen und Betten verschwinden, rückt Rothenbergers Team aus Parcoursbauern aus. Morgens, wenn die ersten Besucher auf das Gelände kommen, muss alles aufgebaut sein, während der Prüfungen gibt es nur noch Schönheitskorrekturen.

Die Zuschauer wissen nicht, welche Arbeit hinter den Hindernissen steht. Sie kennen Frank Rothenbergers Masterplan nicht. Sie haben nicht gesehen, wie Stefan Wirth und Andreas Hollmann mit dem Metermaß über den Boden krochen.

Wirth und Hollmann sind Parcoursbauer und ihr Feierabend ist in dieser Woche eher ein Feiermorgen. Nach dem Nationenpreis unter Flutlicht haben die Zeiger der Uhr schon den neuen Tag eröffnet, als die Arbeiten beginnen - und zwei Stunden andauern.

Wirth und Hollmann arbeiten direkt vor der Haupttribüne. Das Hindernis, das so aussieht wie eine dieser Hebebrücken über Amsterdamer Grachten, wurde bereits von den Maltesern beiseite geräumt, Wirth und Hollmann richten nun zwei rote Stangen aus. Hier kommt Hindernis 11 hin.

Die Stangen kommen immer zuerst. Sie müssen zentimetergenau ausgerichtet werden. Deswegen haben die Experten Maßband und Zollstock in der Hand. Alles muss stimmen. Die Abstände der Stangen des Oxers, die Abstände der Stangen verschiedener Hindernisse, die Winkel der Hindernisse.

„Aachen ist einzigartig”, sagt der gebürtige Frankfurter Wirth. Wegen der Größe des Platzes (124 mal 145 Meter), der viele Gestaltungsmöglichkeiten bietet. Nur See, Hügel und Wassergraben können nicht bewegt werden. Dafür reichen auch die Künste der Parcoursbauer nicht.

Nach und nach wächst der Parcours in die Nacht. Wenn alle Stangen liegen, kommen die Seitenteile der Hindernisse, dann die schmückenden Baukörper, die Windmühlen und Mauern darstellen, die bepflanzt sind oder die Logos der Sponsoren tragen. Zweifache und dreifache Kombination sind zu erkennen, Oxer und Steilsprünge.

Dazwischen sind die Parcoursbauer unterwegs. Irgendwie sieht der Aufbau aus wie ein riesengroßer Formationstanz nach einer genau festgelegten Choreographie. „Jeder kennt die Laufwege des anderen”, sagt Wirth.

Kleine Traktoren bringen mittlerweile die letzten Bauteile. Die Nachtschicht in der Soers neigt sich dem Ende entgegen. Pferd und Reiter träumen längst vom Sieg im Großen Preis. Auch heute wieder. Während die Parcoursbauer wieder zu nächtlicher Stunde unterwegs sind und just für diesen Wettbewerb aufbauen.