Aachen: Die gute Seele des Turniers zählt 541 Haustiere

Aachen: Die gute Seele des Turniers zählt 541 Haustiere

Yana Goddards Vater hat immer gesagt, seine Tochter habe ein besonderes Gefühl für Pferde. Augenscheinlich auch für „Quality Time”. Der Holsteiner Schimmel von des niederländischen Springreiters Jeroen Dubbeldam mag der Stallmeisterin zum ersten Mal in seinem neunjährigen Leben gesehen haben und lässt sich doch bereitwillig von der Stallmeisterin herzen.

„Die Pferde lieben Yana, hat mein Vater immer gesagt”, sagt Yana Goddard. Und sie liebt die Pferde.

In diesem Fall kann man mit Fug und Recht behaupten, dies war schon immer so. Es gibt ein Foto, auf dem ist Yana neun Monate alt und sitzt auf einem Schimmelpony. Es ist auf dem Hof der Familie entstanden, irgendwo in Südwales, wo die Orte putzige Namen haben und nur von Einheimischen fehlerfrei ausgesprochen werden kann. Der Hof der Goddards lag in Carmathen. Ihr Vater hält sie fest und Yana sieht aus, als fühle sie sich auf dem Rücken des Ponys wohl. Sehr wohl. Das Foto hängt nun in ihrer Wohnung an der Wand, die Liebe zu ihren Pferden aber trägt Yana Goddard in ihrem Herzen.

„Yana kennt jeder”

Mittlerweile ist sie 56 Jahre alt und seit 1991 arbeitet in den Stallungen des weltgrößten Reitturniers. Mittlerweile ist sie die Stallmeisterin und gehört zum CHIO wie Ross und Reiter. „Yana kennt jeder”, sagt Turnierdirektor Frank Kemperman. Hunderte Mitarbeiter gebe es beim CHIO, jeder einzelne sei unverzichtbar, aber ein paar gehörten einfach zu dieser Stadt und diesem Turnier, erzählt Kemperman. „Die Ordner an der Schranke etwa. Und Yana.”

Ihr Platz ist abseits der Springarena und des Dressurstadions ein kleines Büro zwischen den Ställen. Ein paar Quadratmeter groß. Es gibt eine Kühltruhe, eine Kaffeemaschine und einen Fernseher. Nur so kann die Stallmeisterin das wichtigste Reitturnier der Welt verfolgen, in den Stadien ist sie selten bis nie. Auf dem Bildschirm wird der Nationenpreis übertragen. Das Flutlicht inszeniert den Mannschaftswettbewerb als einen der Höhepunkte des CHIO. Wenn sie den Kopf reckt kann sie es nicht nur im TV sondern auch im Aachener Nachthimmel leuchten sehen, wie vier Fackeln. Ludger Beerbaum und sein Pferd „Gotha” sind im Parcours. Goddard verfolgt jeden Galoppsprung, lehnt sich zurück und greift nach der Kaffeekanne, während Gotha auf den Wassergraben zu reitet. „Klein aber fein ist es hier”, sagt sie und schaut, wie Beerbaum und Gotha in dem 124 mal 145 Meter großen Springstadion unterwegs sind.

Goddard ist nie in diesem Stadion geritten. Sie hatte frühzeitig einen anderen Weg eingeschlagen. Natürlich hat sie auf dem Hof der Familie immer wieder im Sattel gesessen. Mit jungen Pferde ist sie kleine Turniere geritten. Aber ihre Liebe zum Pferd ging weiter. Sie wollte nicht bloß im Sattel sitzen. Sie wollte für ein Pferd da sein. Nun ist sie als Stallmeisterin irgendwie für alle 541 Pferde des CHIO da. Sie war 18, als sie nach Paris ging und die Pferdepflegerin der französischen Dressurreiterin Marietta Almasy wurde. Es waren tolle Erfahrungen, die sie ein Jahr später wieder auf den elterlichen Hof brachte. Von dort zog sie weiter nach Cheshire, die Heimat der Whitakers, aber auch ihres Vaters und eines Onkels, auf dessen Hof sie wieder mit jungen Pferden arbeitete.

Es war eine aufregende Zeit, Goddard suchte immer wieder nach neuen Herausforderungen und fand Diavolo - bei Peter Schmitz. Der erfolgreiche Aachener Springreiter, „Pit” wurde 1965 Deutscher Meister, engagierte Goddard als Pflegerin - oder „Groom”, wie es im Englischen heißt - für den sensiblen Wallach und seine anderen Turnierpferde. 1977 führte sie diese Arbeit das erste Mal in die Soers. „Alles sah ganz anders aus”, erinnert sie sich. Es gab eine überdachte Haupttribüne und ein paar Stahltribünen für das Springstadion, ein altes Richterhaus und die Musikmuschel mit der Kapelle, die die Hymnen spielte.

Das Dressurstadion eigentlich noch kein Stadion, das war kaum mehr als ein Platz mit einer kleinen Holztribüne und im Stall gab es kaum 200 Boxen, dafür ein paar Zelte für die Pferde. Doch eigentlich erzählt Goddard lieber von Diavolo, mit dem sie sich so prächtig verstand. Und von dem Miteinander der Pflegerinnen. Es gab noch einen sogenannten Pflegertreff, in dem abends auch mal gefeiert wurde. Damals schlief sie noch im Stall, mittlerweile fährt sie nach Hause, wenn es Nacht wird und die Sieger des Nationepreises gefeiert werden. Und sie berichtet von den Freundschaften, die unter den Pflegerinnen damals entstanden sind, und die sie noch heute pflegt.

Mittlerweile gibt 400 feste Boxen in 13 Stallgebäuden. Als Yana Goddard 1991 ihren Dienst beim ALRV antrat, waren es weit weniger. 1986 wurden für die Weltmeisterschaft im Springen die Stallungen auf 261 Boxen ausgebaut, in den 1990ern dann auf 317.

Für die Weltreiterspiele 2006 wurden drei neue Stallgebäude errichtet und die aktuelle Kapazität erreicht. Und mit jedem Ausbau wurde für Yana Goddard und ihr Team die logistische Leistung größer, wenn Anfang der Turnierwoche die Transporter mit den Tieren vorfahren. Dann heißt es nämlich Einchecken im Pferdehotel und zwischen all den Pferden, Pflegern und Lastwagen den Überblick zu behalten. Goddard lacht, wenn sie vom Einzug berichtet. „Jaja, da ist schon ganz schön was los”, sagt sie. „Es ist alles immer mehr geworden. Mehr Pferde, mehr Aufwand.” Aber letztlich haben alle Pferde ihre Box bezogen. Wie jedes Jahr. „Am Anfang hat sie immer zu wenig Platz. Aber sie bekommt immer alle Pferde unter”, sagt Kemperman.

Damit ist die Arbeit natürlich nicht getan. Denn die Pferde wollen versorgt werden. Jedes Jahr werden rund 18.000 Kilogramm Hafer und genauso viel Heu und 2100 Ballen Stroh ausgegeben. Die Pflegerinnen (in der Regel sind es junge Frauen) kommen zu Goddard und ihrem Team, suchen nach Futter und Startzeiten und finden Ruhe und Herzlichkeit. „Yana spricht die Sprache der Grooms”, sagt Kemperman. Der Niederländer versteht sich prächtig mit der Waliserin. „Wir sprechen beide ein schönes, krummes Deutsch - herrlich”, sagt der Niederländer und lacht. In den Stallungen wird ohnehin vornehmlich englisch gesprochen.

Goddard hat ihr kleines Büro verlassen und beobachtet die Tiere auf den Abreiteplatz. Dort, wo „Quality Time” auf seinen Reiter wartet. Goddard erzählt, wie sich die Bedingungen für die Tiere jedes Jahr verbessert haben. Das ist ihr wichtig. Sehr wichtig. Sie schaut nach „Quality Time” und dessen Pflegerin Ilona Scholten. „In Aachen muss immer alles super sein. Und es ist immer alles super”, sagt die Pflegerin. Die junge Niederländerin sieht wiederum Yana Goddard zu, wenn sie „Quality Time” über die Nüstern streicht. Das Pferd sieht irgendwie zufrieden aus. „Die Leute hier sind alle so nett, der Stall ist schön, die Leute machen eine sehr gute Arbeit”, sagt Scholten.

33 Menschen arbeiten in dieser Turnierwoche im Stall - Veterinäre, Stewards und eben Goddards Team von der Stallaufsicht, die rund um die Uhr besetzt ist. Sie ist das, was man eine gute Seele nennt. Für viele junge Pflegerinnen wie eine Mutter. Aber eine, die auch mal ein Machtwort spricht, wenn schnelle Entscheidungen her müssen.

Hinter hohen Zäunen

Man muss Tiere lieben, sonst ist es ein einsamer Job in den Ställen geworden. Denn die Sicherheitsvorkehrungen sind in den letzten Jahren größer und größer geworden. Die Einlasskontrollen sind penibel, hinter den hohen Zäunen wurden die Stallungen zu einer Art Hochsicherheitstrakt. Aber so ist das eben. Der Reitsport hat sich zunehmend professionalisiert. Es geht auch um Doping aber mehr noch um Millionen in den Stadien, die Pferde sind kostbare Wertanlagen. Auch wenn sie für Yana Goddard liebenswerte Tiere bleiben. Nicht mehr und nicht weniger. Egal wie sie heißen und für wie viele Millionen sie möglicherweise den Besitzer gewechselt haben. „Totilas war doch im letzten Jahr auch schon da”, sagt sie.

Als Goddard mit Peter Schmitz und seinen Pferden durch Europa reiste, da war die Turnierwelt kleiner. Überschaubarer. Und weit weniger lukrativ. In diesem Jahren werden beim CHIO allein 1,79 Millionen Euro Preisgeld verteilt. Der Etat beträgt 10,5 Millionen Euro. Irgendwie waren Millionen damals viel größer als heute. Und so konnte Goddard letztlich vom Pferdesport nicht leben. Sie arbeitete dann irgendwann im Stall von Willibert Mehlkopf, sehnte sie sich nach mehr Privatleben und Ruhe.

Die Waliserin wurde in Aachen heimisch. Die Pferde blieben ihre große Liebe, wurden aber vom Beruf zum Hobby. Seitdem ist sie Maschinenführerin in einer Aachener Schokoladenfabrik, für die Stallaufsicht beim CHIO nimmt sie sich Urlaub. Aber einen schöneren Ort als mitten zwischen 541 Pferden gibt es für Yana Goddard auch nicht. „Wir sind alle eine große Familie”, sagt sie. Mit 541 Haustieren.

Wenn Goddard durch die Stallungen geht, dann hat sie immer ein wachsames Auge für das Wohlbefinden von Pferde und Pflegerinnen. Sie hat eine einfache Rechnung, die sich letztlich für das Turnier rechnen soll. „Wenn die Pfleger zufrieden sind, dann sind die Pferde zufrieden, dann sind die Reiter zufrieden, dann sind die Verantwortlichen hier zufrieden”, sagt sie. Und wie sie das sind. „Yana Goddard bekommt auf ihre Weise alles hin. Sorgt dafür, dass Pferde, Pfleger, Reiter und wir, dass alle zufrieden sind”, erklärt Turnierdirektor Frank Kemperman. „Hut ab vor ihr und ihrer Mannschaft, sie weiß, wie man mit Pferden umgeht”, lobt Kemperman. Papa Goddard hat es immer schon gewusst.

Die CHIO-Videos unserer Reporter Martina Rippholz (vor...) und Stephan Kreutz (...hinter der Kamera) erfreuen sich großer Beliebtheit. Jeden Tag machen die Kollegen beim weltgrößten Reitturnier Türen auf und stellen interessante Menschen vor. Heute geht es in den Richterturm, wo nicht nur Glocken, sondern auch sonore Stimmen ertönen.

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