Aachen: „Der Soerser Sonntag ist ein echtes Volksfest”

Aachen: „Der Soerser Sonntag ist ein echtes Volksfest”

Am Nachmittag mussten die mitgebrachten Schirme aufgespannt werden. Denn der gewiefte Besucher des Aachener Reitturniers hat stets einen Schirm zur Hand. Meist einen Stockschirm. Flanieren wird nämlich groß geschrieben. Am liebsten bei Sonnenschein, aber im Falle eines Falles ist man gegen die Tropfen von oben gewappnet.

Und: Es regnet traditionell auf dem CHIO, das gehört sich so, dass wissen der Aachener und der Bewohner der Region.

Schon am Freitag hat der CHIO begonnen. CHIO steht für Concours Hippique International Officiel. Und das ist die höchste Klasse im Profireitssport. Jedes Land auf dieser Erde hat nur einen CHIO - Deutschland hat Aachen und Aachen ist darauf besonders stolz. Bevor das Spektakel mit der Eröffnungsfeier morgen Abend richtig beginnt, nehmen regelmäßig rund 33 000 Menschen aus Aachen und der Region die Gelegenheit wahr und pilgern zum Soerser Sonntag. Dem Tag der offenen Tür des Turniers. Die Menschenmassen strömen dann nur so durch die exklusive Ladenstadt in der alles rund ums Pferd und mehr angeboten wird.

Exklusive Sättel, Reitstiefel und Reiterröcke können erworben werden, aber auch Limousinen der Luxusklasse sind ausgestellt und stehen in direkter Nähe von landwirtschaftlichen Großmaschinen. Energieversorger lassen sich ebenso sehen wie die Sparkasse, die eine Geschäftsstelle anbietet. Und auch der Zeitungsverlag präsentiert sich im doppelstöckigen Zelt mit seinen Zeitungen, den Aachener Nachrichten und der Aachener Zeitungen, mit den Wochenzeitungen, den Internetauftritten und den Rundfunkbeteiligungen. auf der Bühne geben sich bekannte und weniger bekannte Gäste sprichwörtlich die Klinke in die Hand, Informationen und Verzäll wechseln sich ab im Gespräch mit den beiden Moderatoren Martina Rippholz und Achim Kaiser. Neben dem Medienzentrum des Zeitungsverlags steht der „Rundochser”, ein Zelt mit kreisrunder Theke, die seit jeher die Menschen anzieht, auch am Sonntag fließt das Bier in Strömen. Am Rundochser ist die oberste Devise „sehen und gesehen werden”.

Auf den „Hauptstraßen”, vor der Hauptribüne beispielsweise, knubbeln sich die Menschenmassen am Soerser Sonntag. Handwerksfirmen werben hier für ihre Professionen und zeigen, zu welchen Höchstleistungen sie imstande sind. Das kommt an, da bleibt der CHIO-Flaneur stehen und schaut zu. Damen können sich die Haare legen lassen, Installateure stellen, die Engegiewende lässt grüßen, ihre neuesten Angebote in Sachen Energieerspanis vor.

Aber auch die „Fressmeile” ist ausgesprochen gut besucht, dort ist von der Currywurst mit Fritten bis zur Languste und dem dazu gehörenden Champagner alles im Angebot was ein Event die CHIO ausmacht. Schließlich wird das Aachener Reitturnier unter Kennern auch das „Wimbledon” des Reitsports und genannt.

Mehr und mehr Leute strömen auf das weitläufige Gelände in der Aachener Soers. Schon der erste Höhepunkt, der Eröffnungsgottesdienst im Deutsche-Bank-Stadion, - in dem in dieser Woche edle Rösser mit Reitern und Reiterinnen im Frack, die mit Zylindern gut behütet sind, ihre Piaffen und Pirouetten zeigen - zieht eine Menge Menschen an.

„Richtig viel zu tun”

Einen bunten Showmix kann im Abreiteplatz gesehen werden. Ein Hindernislauf für Mensch und Hund amüsiert die Zaungäste, die nur am Soerser Sonntag Gelegenheit haben, auch vor dem Riders Club einen Platz zu erhaschen. An den kommenden Tagen gilt dort vor dem doppelstöckigen Zelt, in dem sich Reiter und Journalisten auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Promis aufhalten und speisen dürfen der Zugang für den Normal-CHIO-Besucher verboten.

Volker Raulf moderiert gekonnt und mit viel Charme und Witz das Spiel, bei dem das Mann-Hund-Team aus Italien schließlich gewinnt. Teilweise drängen sich die Zuschauer in Fünferreihen vor dem Zaun des Abreiteplatzes. „Hier ist jede Menge los”, freut sich ein Aufseher des ALRV (Aachen-Laurensberger Rennverein) in seinem grünen Rock.

Toni Gries kutschiert wieder jede Menge Passagiere zum Nulltarif mit seiner Burtscheider Pferdeeisenbahn. Hochkonzentriert lenkt der Profi traditionell seit Jahren die Tram auf Reifen, die von zwei prächtigen Kaltblütern gezogen werden, durch die Budengassen und weiter über die Straßen des CHIO-Geländes. Er gehört zum Soerser Sonntag wie die breitrandigen Hüte der Damen, die einen Hauch von Ascot verbreiten. Obwohl die Kopfbedeckungen eher brav sind - eben nicht so überkandidelt wie die der englischen Ladys auf der englischen Pferderennbahn.

Qualifikation für Olympia

Erstmals werden am eintrittsfreien Soerser Sonntag auch echte Wettbewerbe ausgetragen. Einige Springreiter aus Osteuropa und Asien müssen sich noch für die Olypmischen Spiele nächstes Jahr in London qualifizieren. Allerdings, das Springstadion steht nicht zur Verfügung, das Fahrstadion hinter der Haupttribüne muss es tun. Das kleine Springturnier ist für die Besucher eine Sensation, vor den Zäunen drängeln sich die Massen. Echte Springwettbewerbe sind an einem noch so ereignisreichen Soerser Sonntag noch nie geboten worden. Zumindestet kann sich keiner daran erinnern. Auch an den Cafétischen und den Tischen eines Imbisszeltes sind keine Plätze mehr zu bekommen. „Das ist doch cool”, schwärmt ein Knirps und bettelt seine Frau Mama um ein Eis an. Der Weg hinter der Hauptribüne ist am Sonntag zum Boulevard geworden. Viel zu sehen gibt es, die Sanitätsstation ist wieder mit Notarzt und kleinem „Spital” eingezogen, viele Geschäfte bieten wieder ihre Dienste an. Es gibt ein Areal, dass vom eintrittsfreien Soerser Sonntag Ausgeschlossen ist. Das ist die Albert-Vahle-Halle. Dort werden seit Freitag die Voltigier-Wettbewerbe ausgetragen.

Erfolgreiches Voltigieren

Meist sind es junge Damen, die ihre turnerischen Künste auf dem Rücken eines im Kreis an der longe laufenden Pferdes unter Beweis stellen. 1200 Besucher vermerkt die Statistik. Ein großer Erfolg für den Voltigiersport, der längst noch nicht so von den Massen akzeptiert zu werden scheint, wie das Springen, die Vielseitigkeit, das Gespannfahren und die Dressur.

Am Soerser Sonntag scheint sich die ganze Region auf die Beine zu machen, um in der Aachener Soers dabei zu sein. Der designierte Prinz Karneval, Rainer Cohnen stellt schon weit vor dem 11. im 11. sich und seinen Hofstaat vor, der Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp mischt sich unters Volk und überragt dabei mit seinen knapp zwei Metern Körperlänge nahezu alle. Klar, dass auch Städteregionsrat Helmut Etschenberg unter den Besuchern nicht fehlen darf.

Für so manchen Besucher hat der Soerser Sonntag etwas Besonderes. „Hier ist noch richtige Volksfeststimmung”, kommentiert Dieter Gobbele. Und lobt dabei die Atmosphäre, aber auch, dass kein Eintritt zu bezahlen ist. Wobei ihm andere Besucher bei­pflichten.

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