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CHIO 2021: Der lange Weg von Dressurreiter Juan Matute Guimón

Dressurreiter Juan Matute Guimón : Der lange Weg von der Intensivstation zum CHIO Aachen

Der spanische Dressurreiter Juan Matute Guimón lag 25 Tage im Koma. Über Monate kämpfte sich der 23-Jährige zurück ins Leben – und in den Sattel. Beim CHIO Aachen freut er sich auf ein „absolutes Highlight“.

Wann er das erste Mal beim CHIO Aachen war, kann Juan Matute Guimón heute nicht mehr genau sagen, „2007 oder 2008 muss das gewesen sein“, neun oder zehn Jahre war er damals alt. An die „beeindruckende Kulisse“ in diesen „riesigen Stadien“ erinnert sich der Spanier aber noch ziemlich gut. Und an Totilas, das Wunderpferd, vom niederländischen Dressurreiter Edward Gal geritten.

Aus dem Traum wurde schnell eine Vision: „Hier will ich unbedingt reiten.“ So wie sein Vater und Trainer, Juan Matute, ein dreifacher Olympia-Teilnehmer und mehrfacher CHIO-Starter. 2016 war es für den Sohn so weit, in den nächsten Jahren wurde er zu einem Dauergast im Sportpark Soers. 2020 hätte aber nicht nur die Karriere des Filius, sondern auch dessen Leben enden können. „Glücklicherweise hatte mein Schutzengel andere Pläne“, sagt Matute Guimón heute. Der muss ziemliche Superkräfte haben, wenn man bedenkt, was dem spanischen Nachwuchsstar am 5. Mai des vergangenen Jahres widerfahren ist.

Denn was als ganz normaler Trainingstag begann, endete mit einem Krankenhausaufenthalt. „Ich habe schnell gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Mein Vater hat gesagt, dass ich aus dem Sattel kommen soll – und kurze Zeit später bin ich ohnmächtig zusammengebrochen.“ Schon an den Helikopterflug ins Universitätsklinikum Madrid erinnert der 23-Jährige sich nicht mehr. Dort wurde ein angeborener Defekt im Gehirn festgestellt, der zu einer Hirnblutung geführt hatte, Matute Guimón wurde direkt operiert. „Die Ärzte haben meinen Eltern nicht viel Hoffnung gemacht, dass ich überlebe“, sagt er. „Und sie haben sogar gefragt, ob ich Organspender sei.“

Die Eltern wollten sich aber nicht mit dem Tod ihres Sohnes abfinden und brachten ihn in ein anderes Krankenhaus in Madrid. „Auch dort hat man ihnen gesagt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass mein Leben nach einer Operation normal weitergeht und ich keine bleibenden Schäden zurückbehalte, bei einem Prozent liegt.“ Da der letzte Funke Hoffnung aber noch nicht erloschen war, glaubte seine religiöse Familie an das Wunder. „Und nach 25 Tagen im künstlichen Koma begann mein zweites Leben.“ Er erwachte auf der Intensivstation, umgeben von unzähligen piependen Maschinen. „Ich habe am Anfang nur geweint.“

Richtig sprechen konnte er anfangs noch nicht, „nur flüstern, mehr war nicht möglich“. Im Krankenhaus kämpfte er sich Schritt für Schritt ins Leben zurück. Mit dem Ziel vor Augen, an den Olympischen Spielen in Tokio teilzunehmen. „Das hat mir die Kraft gegeben, weiterzukämpfen.“ Die schnelle Genesung übertraf alle Erwartungen, am 31. Juli saß er erstmals wieder im Sattel. „Das war ein unglaubliches Gefühl“, sagt Matute Guimón. „Ich bin all den Leuten so unfassbar dankbar, die mich auf meinem Weg unterstützt haben.“

Alle motorischen Fähigkeiten hatte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht zurückerlangt, auch bei seinem ersten Turnierstart nach dem schweren Schicksalsschlag – bei den spanischen Meisterschaften Mitte Oktober 2020 – war „ich erst bei 70 Prozent“. Mit viel harter Arbeit schaffte es der frühere Junioren-Europameister wieder auf 100 Prozent, die beim „Horses and Dreams“ in Hagen Anfang April erreicht waren. Und damit noch rechtzeitig, um seinen Traum von den Olympischen Spielen wahr werden zu lassen. Er schaffte es sogar auf die spanische Shortlist, die Reise nach Tokio trat er aber nicht an, da er „nur“ als Reservereiter nominiert wurde. „Mein nächstes Ziel sind die Weltmeisterschaften 2022 im dänischen Herning“, sagt Matute Guimón, dessen Fernziel die Olympischen Spiele 2024 in Paris sind. „Aber vorher möchte ich noch so erfolgreich wie möglich sein.“

Mit seinem ersten Auftritt beim diesjährigen CHIO Aachen war der 23-Jährige durchaus zufrieden, am Donnerstagmorgen startete er im Sattel von Galactico im Prix St. Georges. „Es war total cool, als die Richter die Wertungen bekannt gegeben haben, auch wenn uns ein paar Flüchtigkeitsfehler unterlaufen sind.“ Am Ende landete das Paar mit 69 Prozent auf Platz elf, „was absolut in Ordnung ist, wenn man bedenkt, dass die besten Dressurreiter der Welt hier gegeneinander antreten. Es ist ein großes Privileg für mich, dass ich hier in Aachen sein darf“, sagt Matute Guimón.

Rollentausch in der Soers

Früher, als kleiner Junge, reiste er nach Aachen, um in der Nähe seines Vaters zu sein, „heute unterstützt mein Vater mich. Es ist schon lustig, wie die Rollen in den vergangenen zehn Jahren getauscht wurden.“ Juan Matute leistet aber nicht „nur“ moralischen Beistand, er ist als Trainer und Besitzer der Pferde seines Sohnes auch kritischer Wegbegleiter. „Das kann manchmal zu hitzigen Diskussionen führen“, sagt der Sohn und lacht. Zumal auch noch die Schwester Paula eine durchaus erfolgreiche Dressurreiterin ist.

Der Freitag wird in dieser Woche zum Freutag, Matute Guimón tritt beim Preis der Familie Tesch an, ein Fünf-Sterne-Grand-Prix. „Das wird ein weiteres absolutes Highlight.“ Davon dürften in den nächsten Jahren noch einige vor ihm liegen.