Aachen/Münster: Auf dem heimischen Sofa wird‘s langsam eng

Aachen/Münster: Auf dem heimischen Sofa wird‘s langsam eng

Helen Langehanenberg ist verliebt. Ihre Augen leuchten. Sie spricht über „Days of joy“. Zur Enttäuschung aller CHIO-Verantwortlichen meint sie allerdings nicht die Turnier-Woche in Aachen, auch wenn sie sich auf diese riesig freut. Die Dressurreiterin schwärmt von ihrem jüngsten Fohlen.

Spross zweier Erfolgspferde: Vater Damon Hill, Mutter Responsible, von der Münsteranerin aber nur liebevoll Dami und Resi genannt. „Er ist etwas ganz Besonderes“, sagt die 31-Jährige. Und dieses „Bauchgefühl“, wie Helen Langehanenberg es nennt, ist buchstäblich zu nehmen: Die Westfälin war sich ihrer Einschätzung bereits sicher, als „Days of joy“ es sich noch im Bauch von Resi wohl ergehen ließ. Nun weiß die gelernte Pferdewirtin, dass verheißungsvolle Zutaten nicht per se ein sportlich überragendes Produkt ergeben. Doch Helen, die sich 2003 mit ihrem Mann Sebastian selbstständig gemacht hat, ist weit mehr als eine Weltklasse-Reiterin und Züchterin. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Pferdeliebhaberin. Den jungen Hengst erwarten „years of joy“ (Jahre der Freude), unabhängig von seiner Sportkarriere. Es gilt ihr Wort: „Er bleibt.“

In vielen Sätteln zu Hause: Helen Langehanenberg. Foto: Jacques Toffi

Vermutlich wird’s langsam eng auf dem heimischen Sofa. Denn dort würde es sich am liebsten auch Damon Hill gemütlich machen. Auch mit ihrem dunkelfuchsigen Hengst, der wie seine Reiterin einst von Ingrid Klimke ausgebildet wurde, verbindet die zierliche Amazone eine innige Beziehung. Auch diesmal nicht nur, weil er sie zum olympischen Silber mit der Mannschaft in London und im Frühjahr zum Weltcup-Sieg getragen hat. Die Dressurreiterin ist fasziniert von „Damis“ inneren Werten. „Ich nenne ihn eine kleine Rampensau“, beschreibt Helen L. den Sohn von Donnerhall. Der 13-Jährige liebt Turniere, seine Auftritte. „Je mehr Zuschauer da sind, um so lieber.“ Und da sie so beeindruckt von seiner Intelligenz ist, dass sie ihm Lese- und Schreibfähigkeiten zuschreibt, verwundert es nicht weiter, dass er auch seine natürliche Kommunikationsmöglichkeit kräftig einsetzt: „Er wiehert richtig ins Publikum.“ Das wiehert nicht unbedingt zurück, sondern antwortet lieber mit Applaus und Begeisterungsstürmen.

Denn wenn der außerhalb des Vierecks eher unscheinbar wirkende Hengst in seine Arena einzieht, vollzieht sich eine spektakuläre Metamorphose: Dami scheint auch körperlich über sich hinauszuwachsen. Er wirkt größer, eindrucksvoller, „er weiß genau, wie er seinen Körper einsetzen muss“. Bestechend dabei die Leichtigkeit, mit der der Hengst seine Übungen absolviert. Und auch wenn das Credo von Helen Langehanenberg lautet „ein Reiter ohne Pferd ist nichts“, ihr Einfluss und ihre Arbeit drücken sich genau in dieser Qualität aus. „Gewaltfrei, im Sinne des Pferdes“, definiert sie ihre Philosophie. Auch wenn sie einschränkt, dass mitunter Situationen entstehen, in denen auch mal Kraft eingesetzt werden muss. Das traut man dem Leichtgewicht kaum zu. Bis man eine Frage etwas grob formuliert, Helen L. wie ihr Hengst plötzlich größer und kräftiger wirkt und mit blitzenden Augen die Wiederholung entgegenschleudert: „Ich mache keinen Sport?!?!?!“

600 gegen 48 Kilo

600 Kilo Pferdestärke zu bändigen und zu kanalisieren braucht mehr als Einfühlsamkeit. Und auch von bescheidenen Äußerungen wie „ich habe nichts Neues erfunden“ darf man sich nicht täuschen lassen. Hinter der zierlichen Gestalt der Münsteranerin (48 Kilo) verbirgt sich eine Menge Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen. Der ist auch ihrer Mutter Maria nicht verborgen geblieben. Noch immer erinnert sich die Münsteranerin an jenen Moment, in dem quasi die Würfel für die Zukunft ihrer damals erst sechsjährigen Tochter fielen. Nach ersten Ponyhof-Erlebnissen brachte sie Klein-Helen zu einer Anlage, auf der ihre neue Freundin Annika ihr Pony Schneewittchen untergebracht hatte. Nach einigem Suchen fanden sie die Adresse, und Mutter Maria sah im Rückspiegel, wie Helens Augen aufleuchteten: Hindernisse, Stallungen, Ponies, Pferde: „Da wusste ich, es war um sie geschehen.“

Glück auf vier Beinen

In den kommenden Monaten empfing Schneewittchen doppelte Zuneigung, doch dann fühlten sich Helens Eltern immer unwohler mit der Partizipation am eigentlich fremden Glück. Die Gymnasiastin bekam ihr erstes eigenes Pony: Flummi. Das Glück nahm seinen Lauf, auf vier Beinen. „Die hätten uns alles andrehen können. Wir hätten ja nicht mal gesehen, wenn Flummi gelahmt hätte. Wir hatten keinen Hänger, nichts.“ Ein untergejubelter Dreibeiner blieb der Pferde-unerfahrenen Familie und vor allem Helen erspart. Ebenso wie der Ballettunterricht, zu dem ihre Mutter sie zuvor gebracht hatte. „Wie die Kleinen da behandelt und gedrillt wurden! Ne, das wollten wir nicht“, erinnert sich die gelernte Arzthelferin. Die Einfühlsamkeit scheint in den Genen zu liegen. Und so überrascht es nicht, wenn die Tochter sich bedankt: „Was meine Eltern für mich getan haben, kann ich gar nicht genug honorieren.“

Die Unterstützung war da, den Weg aber bestimmte Helen selbst. Und der war schon früh nach vorne gerichtet. Der Kindheits-Traum, einmal bei den Olympischen Spielen eine Medaille zu gewinnen, ist „wirklich wahr“, beteuert sie — 24 Jahre später ging er mit Silber in Erfüllung. Eine Zielstrebigkeit, die weitere erträumte Erfolge ahnen lässt. Da wird sie doch sicherlich auch die aktuellen Träume mitteilen? „Nein, mache ich nicht“, erstickt die Münsteranerin energisch aufkommende Neugier. Und bittet — schon wieder etwas einfühlsamer — um Verständnis. „Natürlich habe ich sie, aber ich bin auch abergläubig.“

Deshalb muss vor ihrem Einsatz auch alles seinen ritualisierten Gang nehmen. „Mein Mann legt die Sachen raus, alles hat seine Ordnung.“ Diese Zusammenarbeit ist seit 2000 gewachsen. Damals lernte sie Sebastian Heinze kennen, der seinen Zivildienst in Münster absolvierte. Das Gespann geht also ins 13. Jahr — „aber nicht das verflixte“, beteuert Helen Langehanenberg. „Wir ergänzen uns hervorragend. Wir sind ein Spitzen-Team.“ Auch wenn Sebastian seit 2008 Jahren etwas verloren hat — seinen Namen. Ein weiterer Beleg für das Durchsetzungsvermögen der jungen Frau. „Das war von vorneherein klar. Ich mag meinen Namen, und Helen Heinze hätte sich nicht gut angehört. Zudem mag ich keine Doppelnamen.“ So „konvertierte“ Sebastian mit der Hochzeit zur Langversion. Helens inniges Verhältnis zu Damon Hill wird von der menschlichen Partnerschaft nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil. Der Hengst hat einen Narren am Ehegatten seiner Reiterin gefressen. Zwar rast Damon Hill nicht mehr wie früher zurück in den Stall, um seinen „Kumpel“ Sebastian zu treffen. Die Kekse aber bekommt er immer noch. Und so sitzen sie abends wahrscheinlich immer noch gemeinsam und einträchtig auf dem Riesen-Sofa: Helen mit „Dami“, „Basti“ und „Joey“ — days of joy, schöne Tage eben.

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