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Aachen: Arbeitspferde werden als Showstars bejubelt

Aachen : Arbeitspferde werden als Showstars bejubelt

Wieso klatscht es nicht, das angeblich beste Publikum der Welt? Schließlich vollbringen die Männer auf ihren riesigen Stelzen doch wahrlich sportliche Höchstleistungen. Für eine knappe halbe Stunde sind sie sicher die herausragendsten Repräsentanten des diesjährigen CHIO-Partnerlands Flandern.

Die belgische Region präsentierte am Dienstag bei der Eröffnungsfeier des Reitturniers in der Aachener Soers beeindruckende Bilder von Menschen und Tieren.

Flämisches Merchtem

Dabei fing das große Spektakel erst einmal klein an: 35 Mini-Traber-Gespanne fegten durch das Springstadion, jede der kleinen Kutschen hinter den kleinen Pferden war mit der Flagge einer der am CHIO teilnehmenden Nationen geschmückt. Danach wurde es gleich ein paar Nummern größer.

Neben den Stelzenläufern aus dem flämischen Merchtem, die der Überlieferung nach von Regengüssen überflutete Bereiche mit ihren gigantischen Krücken durchquerten, zogen drei Riesen ins Stadion ein. Die Figuren, neben denen sogar Kaltblutpferde klein und zierlich wirken, bereichern üblicherweise einen mittelalterlichen Umzug in Dendermonde.

Auf Masse folgte dann Klasse. Spitzenpferde aus dem belgischen Gestüt Zangersheide konnte das Aachener Publikum bewundern, darunter auch alte Bekannte. So gab es ein Wiedersehen mit der legendären Ratina Z, die als erfolgreichstes Championatspferd überhaupt im Springreiten gilt und vor zehn Jahren beim CHIO mit allen Ehren aus dem Sport verabschiedet wurde.

Inzwischen ist die Pferdedame rüstige 27 Jahre alt, entsprechend drehte sie ihre Ehrenrunde gemessenen Schrittes und in Begleitung ihres Sohnes Crown Z und ihres Enkels Chicago Z, die ihren Auftritt etwas unruhiger absolvierten. Vielleicht waren sie ein bisschen irritiert wegen des Beifalls, den das beste Publikum der Welt der Mutter und Großmutter spendete, während im Hintergrund die Stelzenläufer immer noch um Haltung bemüht waren.

Pferde weiß man in Flandern allerdings nicht allein aus sportlichen Gründen zu schätzen. Welche Rolle die Tiere als Arbeitskollegen spielen, demonstrierte eindrucksvoll eine Gruppe von Garnelenfischern aus Oost-Duinkerke.

Ihren kräftigen Kaltblütern steht in der Regel das Wasser bis zur Brust, wenn sie ihrem Tagwerk an der Nordseeküste nachgehen. Die Fischer tragen dabei entsprechend wetterfeste Berufskleidung, die allerdings am Dienstag in der Aachener Soers zwar ein stimmiges Bild hergab, aber nicht recht zur drückenden Hitze passte. Unter ihrem schweren Ölzeug dürften die Garnelenfischer ebenso geschwitzt haben wie die Stelzenläufer bei ihren anstrengenden Balanceakten.

„Korkenzieher-Quadrille”

Gut im Gleichgewicht musste aber auch die Pyramide sein, bei der immerhin zehn Menschen auf vier Kaltblutpferden sich zu einer beachtlichen Höhe auftürmten. Und eine ebenso gute Koordination verlangte auch die „Korkenzieher-Quadrille” des Ländlichen Reiterverbands Flanderns.

Gottlob übertrug eine Stadionkamera Bilder aus der Vogelperspektive auf die Leinwand. So konnte das Publikum die Choreographie von Kreisen und Spiralen besser erkennen und musste nicht befürchten, dass sich das Knäuel aus zahlreichen Pferden und Reitern wohl nie mehr aufdröseln würde.

Sie schafften es aber, erstens elegant und zweitens auch noch so rechtzeitig, dass Klaus Pavel, der Präsident des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV) mit nur zweiminütiger Abweichung vom Zeitplan seine Eröffnungsansprache halten konnte. „Wir freuen uns auf fairen und sauberen Sport”, sagte Pavel, wohl wissend, dass der CHIO am Thema Doping nun auch nicht vorbeikommt. Doch der ALRV-Präsident wünscht sich und allen Besuchern „fröhliche und spannende Tage und viel Vergnügen hier in der Soers”. Das Aachener Reitturnier sei immerhin ein „einmaliges Ereignis”.

Dem hohen Anspruch gemäß wurde bei der Eröffnungsfeier dann noch eine Weltpremiere geboten. 20 der weltbesten Vierspänner-Fahrer zeigten erstmals gemeinsam eine große Quadrille. Was die Gespanne mit insgesamt 90 Pferden an fahrerischem Können im Parcours präsentierten, quittierte das beste Publikum der Welt mit frenetischem Beifall und stehenden Ovationen. Da waren die Stelzenläufer schon weg.