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Peking: Chinas Umgang mit Behinderten ist grenzwertig

Peking : Chinas Umgang mit Behinderten ist grenzwertig

Wang Xinxian vermeidet Vorhersagen. Im Sport sei vieles möglich, findet der Chef de Mission der chinesischen Paralympics-Mannschaft. Deswegen ergebe es keinen Sinn, bereits vor dem Beginn der Paralympischen Spiele die Zahl chinesischer Goldmedaillen zu prognostizieren.

Fakt jedoch ist, dass vor vier Jahren in Athen 63 Mal die chinesische Hymne gespielt wurde, und dass Athen eigentlich nur der Anlauf war für den Auftritt im eigenen Land.

„Wir wollen gute Wettkämpfe liefern und uns das Auftreten der Olympiamannschaft zum Vorbild nehmen”, sagt Wang.

Das klingt wie eine Drohung. Denn die Olympioniken hatten im August 51 Mal Gold geholt und damit ihre Siegesbilanz im Vergleich zu Athen um fast 60 Prozent in die Höhe geschraubt.

Tröstlich ist für den Rest der Welt, dass es auch nach der Reduzierung der Startklassen immer noch 472 Entscheidungen gibt bei den Paralympics, 170 mehr als bei den Olympischen Spielen.

Es bleibt also einiges Edelmetall übrig, selbst wenn die Gastgeber abräumen sollten wie keine andere Nation zuvor in der Geschichte des Behinderten-Sports. Und danach sieht es aus. Jahrelang wurde das Projekt Paralympics in China akribisch vorbereitet.

Vor 2001 investierte China umgerechnet rund drei bis vier Millionen Euro in den Behindertensport. Seitdem fließen rund zehn Millionen Euro Grundförderung pro Jahr, sagt Jia Yong. Das ist mehr als dreimal soviel wie in Deutschland.

Chinas setzt auch finanziell gigantische Anreize für seine Rekordteilnehmerzahl von 332 Athleten. Umgerechnet rund 25.000 Euro kassiert ein Goldmedaillengewinner.

In 18 Trainingszentren wurden die Sportler auf die Heimspiele vorbereitet. Allein die Schwimmer wurden zehn Monate lang in Shunyi im Nordosten Pekings zusammengezogen, weil im Becken des Schwimmstadions eine riesige Ausbeute winkt. Insgesamt schwimmen die Paralympioniken um 140 Goldmedaillen.

Alle deutschen Medaillengewinner werden sich dagegen 180.000 Euro Prämie teilen. Jede Goldmedaille könnte das bislang mäßige Interesse der Chinesen an den Paralympics steigern und damit auch die Akzeptanz der offiziell 83 Millionen behinderter Menschen in China.

Es gibt ein Gleichstellungsgesetz, das Unternehmen dazu verpflichtet, behinderte Menschen einzustellen. „Es gibt dieses Gesetz, aber es funktioniert in der Praxis nicht sonderlich gut”, gibt ein Mitarbeiter des chinesischen Sozialministeriums hinter vorgehaltener Hand zu.

Andererseits dringt das Signal der verordneten Gleichberechtigung längst nicht in alle Winkel des riesigen Reiches. In einem Land mit Ein-Kind-Politik, wo selbst gesunde Mädchen nach der Geburt aus wirtschaftlichen und sozialen Zwängen ausgesetzt, manchmal sogar getötet werden, weil sie langfristig mehr Geld kosten als ein Junge, ist die Hemmschwelle im Umgang mit Behinderten keineswegs geringer.

Die Ausgrenzung in dem Entwicklungsland nimmt manchmal auch deshalb extreme Züge an, weil die Medizin in China viele Jahrzehnte nicht in der Lage war, Krankheits- oder Missbildungsprozesse zu stoppen, geschweige denn umzukehren. Mancher deutsche Arzt hat in China Krankheitssymptome gesehen, die er in Deutschland nur aus Büchern kannte.

Chinas Chef de Mission, Wang Xinxian, möchte die Paralympics als Wende zum Besseren nutzen. Er selbst ist einst an Kinderlähmung erkrankt und seitdem gehbehindert. Und eine dreistellige Ausbeute bei den Goldmedaillen würde sicherlich auch seine Landsleute für die Paralympics begeistern. Auch wenn er nicht darüber sprechen will.