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Mönchengladbach: „Breuers Welt“: Die Saison im Rückspiegel

Mönchengladbach : „Breuers Welt“: Die Saison im Rückspiegel

„Warum machen wir das Interview nicht im Bus?“, fragt Marcus Breuer. Der Mann scheint seinen Arbeitsplatz zu lieben. Hat er ihm womöglich auch einen Namen vergeben? „Ne, ne — so weit ist es nicht.“ Dabei ist das aktuelle MAN-Getüm durchaus ein positiv beladenes: Fünf Jahre fährt ihn Breuer nun, und das Premierenjahr 2012 war zugleich die Wiederkehr ins interntionale Fußballgeschäft.

„Aber das lag natürlich nicht am Bus, sondern an der guten Arbeit der Verantwortlichen und der Spieler“, grinst der Rautenfahrer. Seit dem 3. Januar 1994 fährt der 47-Jährige den Mannschaftsbus von Borussia Mönchengladbach, zudem arbeitet er als Zeugwart. Seine Memoiren wären guter Lesestoff. „Klar, Breuers Welt“, flachst der Borussen-Chauffeur. Bei jedem Test- und Pflichtspiel in dieser Saison war Breuer dabei. Und hat wie die Mannschaft eine Menge erlebt. Deshalb nahm unser Redakteur Bernd Schneiders gerne seine Einladung zum Busgespräch an.

Alles im Blick: Marcus Breuer an seinem Arbeitsplatz, dem Mannschaftsbus von Borussia Mönchengladbach. Foto: Christian Verheyen

Haben Sie schon einen Kleinbus bestellt?

Breuer: Kleinbus — wieso?

Max Eberl hat angekündigt, dass der Kader verkleinert werden soll.

Breuer: Kein Problem: Mit meinem Führerschein kann ich auch den fahren.

Wie viele Kilometer haben Sie denn abgerissen in dieser Saison?

Breuer: Rund 37.000. Das ist nicht so viel. Ein Reisebus kommt locker auf mehr als 100.000.

Sie fuhren schon zur Bökelbergzeit den Mannschaftsbus. Der hat sich wahrscheinlich stark vom aktuellen Gefährt unterschieden, oder?

Breuer: Klar, dass ist mit dem Wandel von den ersten Handys zu den modernen Smartphones zu vergleichen. Heute haben wir W-Lan an Bord, einen Kaffeeautomaten, Klimaanlage, vier Monitore, Sky-Empfang, lenkende Hinterachse und Spurwechsel-Warner.

Und früher mussten Sie im Winter laut Hans Meyer auf dem Weg vom Bökelberg zum Trainingsgelände Rönneter die Wölfe mit langen Stangen abwehren.

Breuer (lacht): Es waren auf jeden Fall lustige Zeiten. Ich habe alles gerne gemacht.

Der Bus hat sich geändert, die Spieler auch?

Breuer: Das ist normal. Menschen verändern sich, es ist heute eine andere Generation. Geblieben aber ist, dass es für mich ein Super-Job ist, und dass wir trotz aller Entwicklung nach wie vor ein sehr, sehr familiärer Klub sind.

Haben sich denn auch die Spieler wie der Mannschaftsbus technisch weiterentwickelt?

Breuer: Klar, das Spiel ist viel schneller geworden, die Zweikämpfe werden viel athletischer geführt, und auch das Torwartspiel hat sich komplett geändert.

Und jenseits der Technik?

Breuer: Unsere aktuellen Spieler sind vorbildlich. Nach einer Fahrt sammeln sie selbstständig den Müll zusammen, verstauen ihn in den Plastiksäcken — dann muss nur noch der Innenraum gesaugt werden. Mit schlagzeilenträchtigen Erfahrungen à la verwöhnte Fußballmillionäre kann ich nicht dienen.

Dennoch stellt man sich die Touren immer noch gerne wie Klassenfahrten vor. Geht‘s nicht rund, besonders nach einem Sieg?

Breuer: Natürlich ist die Atmosphäre dann ausgelassener als nach einer Niederlage. Wenn ich das Spiel nicht gesehen hätte und sozusagen blind für die Rückfahrt in den Bus steigen würde, würde ich sofort merken, wie das Ergebnis ausgefallen ist.

Wenn‘s ne Polonaise gibt, war‘s ein Sieg?

Breuer: Nee, die Zeiten sind lange vorbei. Das war 1995 nach dem Pokalsieg, auf der Heimfahrt nach dem Aufstieg bei Greuther Fürth oder der Relegation in Bochum natürlich anders.

Hört sich ja fast so an, als ob es heuer recht langweilig zugeht. Ohne Highlights?

Breuer: Auf keinen Fall. Natürlich war es durch die Unzahl an Englischen Wochen auch sehr stressig. Aber die Erlebnisse waren unvergleichlich. Etwa in Glasgow bei Celtic oder nach dem Derbysieg in Köln. Normalerweise gehe ich immer rund sieben Minuten vor dem Abpfiff in die Kabinen, um alles vorzubereiten. Aber da bin ich bis zum Schluss sitzengeblieben und habe es genossen.

Und ich weiß noch, wie ich zusammen mit meinem Kollegen Rolf Hülswitt im Nou Camp in Barcelona gesessen, wir uns angeschaut und es genossen haben: Jahrelang hatten wir immer nur dienstags oder mittwochs Champions League zu Hause im Fernsehen geschaut. Und jetzt saßen wir mittendrin. Einfach nur überragend.

Die Bundesliga-Fahrten in der Hinrunde aber müssen traurig gewesen sein.

Breuer: Natürlich tanzte da nicht der Bär im Bus. Und nach solchen Negativerlebnissen muss man die Spieler einfach in Ruhe lassen. Aber wir alle, vom Zeugwart bis zum Geschäftsführer waren überzeugt: Da kommen wir raus!

In der Rückrunde gab es dafür um so mehr zu feiern?

Breuer: Klar, mit Wasser und Apfelschorle. Oder glauben Sie etwa, wir servieren Alkohol, und dann müssen die Spieler mit ihren Autos noch vom Borussia-Park nach Hause fahren? Aber Spaß hatten wir trotzdem.

Und die Spaßmacher sitzen zumindest wie auf Klassenfahrten auf der hintersten Bank?

Breuer: Klar, Ibo Traoré und Thorgan Hazard. Wenn die was raushauen, dann liegt schon mal der ganze Bus flach.

Was kommen da für Sprüche?

Breuer: Etwa „Breuer, der Stausucher“ oder „fehlt nur noch der Aufguss“, wenn ich die Klimaanlage vergessen habe einzuschalten.

Traoré ist also der Spitzenkomiker?

Breuer: Der sorgt immer für Stimmung. Ich erinnere mich noch genau, wie er lange Zeit beim Afrika-Cup war. Ich war im Borussia-Park in der Zeugwart-Kabine. Nebenan, bei den Spielern, war es mucksmäuschen still, und plötzlich wackelten die Wände vor lauter Lachen. Da wusste ich: Ibo ist zurück und hat grade seine erste Ansprache gehalten.

Favre, Schubert und Hecking: Trainer sind womöglich als Passagiere auch sehr unterschiedlich, oder?

Breuer: Gar nicht so sehr. Die sind zumeist beschäftigt. In den Englischen Wochen gibt es nicht viel Zeit zur Vorbereitung. Da wurde die Spielnach- und -vorbereitung meist schon im Bus auf dem Laptop erledigt.

Aus Zeitgründen wird oft das Flugzeug dem Bus vorgezogen, in der Champions League sowieso. Wann machen Sie Ihren Pilotenschein?

Breuer: Das wäre optimal. Aber dann für einen Truppentransporter mit Doppel-Rotoren: Wir könnten dann direkt zum Hotel statt erst zum Flughafen fliegen.

Am vergangenen Samstag hätten Sie nach dem 34. Bundesligaspiel eine nette Saison-Abschiedstournee unternehmen können.

Breuer: Wohin?

Mit dem Teambus und den Spielern zum Autokorso auf den Kölner Ringen.

Breuer: Wir haben gemeinsam gegrillt — das war schöner.

Greift die Rivalität mit dem FC denn auch auf Busfahrer oder Zeugwarte über?

Breuer: Alle in der Bundesliga kennen sich. Und wir stehen in Kontakt. Wenn der Bayern-Kollege einen Stollensatz vergessen hat, helfen wir ihm gerne aus.

Selbst dem 1. FC Köln?

Breuer: Erinnern Sie sich an das witzige Video der Kölner kurz vor Karneval? Dafür brauchten sie die Champions-League-Embleme und zehn Königsklassen-Bälle. Die haben wir sofort zur Verfügung gestellt.

Wie war es, als das Attentat auf den Teambus in Dortmund geschah?

Breuer: Ich habe mich natürlich bei meinem BVB-Kollegen gemeldet wie alle anderen auch. Wir halten zusammen.

Und wie war die erste Fahrt nach dem Bombenanschlag?

Breuer: Das war nach Hoffenheim. Ich habe versucht, das auszublenden, genauso wie die Kollegen. Konzentration ist immer die oberste Pflicht. Und am Ende der Saison alle immer sicher zu den Stadien und zurückgebracht zu haben: Das ist das Wichtigste für mich.

In der Spielzeit 2017/2018 wird es weniger Fahrten, weniger Stress geben. Freuen Sie sich darauf?

Breuer: Nein, wir wollen wieder zurück nach Europa. Alle müssen sich verbessern. Ich will auch meinen Beitrag dazu leisten, ist er auch noch so klein, vielleicht 0,01 Prozent. Ich werde den ein oder anderen zusätzlichen Scherz einstreuen, um die Jungs aufzuheitern — und die Trikots vielleicht noch etwas sorgfältiger parat legen.