Mönchengladbach: Borussias Nachwuchsdirektor Virkus und der Umgang mit den Top-Talenten

Mönchengladbach: Borussias Nachwuchsdirektor Virkus und der Umgang mit den Top-Talenten

Seit 1989 arbeitet Roland Virkus für Borussia Mönchengladbach. Heute ist der 47-Jährige als Direktor Jugend und Amateure verantwortlich für die traditionell gute Ausbildung des Nachwuchses.

Warum hat ein talentierter Spieler wie „Chance“ Simakala Schwierigkeiten, in der U 23 Fuß zu fassen?

Virkus: Im Jugendfußball reicht eine herausragende Eigenschaft, um den Unterschied zu machen. Bei den Senioren aber hast du nicht nur deinen, sondern alle Jahrgänge. Und da reicht diese eine Fähigkeit nicht mehr. Da müssen auch die Basics stimmen. Dazu gehört das Laufen, sowohl quantitativ als auch qualitativ — plus die individuelle Stärke. All das muss Chance auf den Platz bringen.

Wird er das schaffen?

Virkus: So langsam erkennt er, was von ihm verlangt wird. Aber dieser Sprung ist nicht ohne: In der A-Jugend hast du in den Spitzen auch ein hohes Tempo, in der U 23 aber hast du es das gesamte Spiel lang. Auf diesen Level müssen wir ihn bringen. Und dann kommt seine ungewöhnliche Fähigkeit dazu. Diese Grundlagen sind genauso wichtig wie seine Individualität, die den Unterschied macht.

Was zeichnet ihn aus?

Virkus: Er kann den entscheidenen Pass spielen, er ist torgefährlich, er kann Pässe spielen, die sehr schwierig sind — wenn alles zusammenkommt, werden wir noch viel Freude an ihm haben. Bei ihm kam erschwerend hinzu, dass er zu Beginn der Saison angeschlagen war. Im Laufe der Spielzeit dann reinzukommen, ist nicht einfach.

Diese Probleme besitzt er aber nicht exklusiv?

Virkus: Nein, da haben alle dran zu knabbern. Er muss nur Geduld haben. Dazu gehört auch, sich selbst zu reflektieren. Julian Korb und Nico Elvedi ist das in der U 23 hervorragend gelungen. Sie waren selbstkritisch, haben genau erkannt, an welchen Schrauben sie noch drehen mussten. Die U 23 bietet dafür eine großartige Spielwiese, auf der man vieles sehr gut ausprobieren kann. Es gibt natürlich auch Beispiele, die es über die Basics und ohne Top-Individualität geschafft haben.

Dazu wird Ihr Sportdirektor gehört haben.

Virkus: Oder auch Tony Jantschke. Obwohl — dessen einmalige Fähigkeit ist im Kopf angesiedelt. Aber in der Regel müssen wir im Jugendleistungszentrum verhindern, dass Jugendliche sich nur über ihre kreativem Eigenschaften definieren.

Die Zeiten sind aber für Talente schwieriger geworden als in der Epoche, als Max Eberl noch die Gegenspieler das Fürchten lehrte, oder?

Virkus: Der Fußball ist wesentlich athletischer, schneller geworden. Und die jungen Spieler haben nicht mehr viel Geduld. Aber die ist nötig. Zum einen gibt es derzeit unglaublich viele Talente, zum anderen ist bei uns die Alterstruktur der 1. Mannschaft ein Problem. Dort gibt es inzwischen viele 19-, 20, 21-Jährige. Da bleibt nur Geduld zu haben oder deutlich besser zu sein. Das ist nicht einfach.

Und auch die generelle Situation im Fußball nicht.

Virkus: Nein, der Markt ist schwieriger geworden. Heute stürzen sich alle auf die Top-Talente. Inzwischen auch wieder die Engländer, gegen deren Verlockungen die Spieler einmal weitgehend resistent waren. Heute aber arbeiten sie zum Teil mit unmoralischen Angeboten . . .

In Mönchengladbach hat Talentsichtung und -förderung Tradition.

Virkus: Ja, aber heute haben wir viel mehr Konkurrenten. Einige Topklubs haben diesen Ansatz sogar als Geschäftsmodell entdeckt. Die Talente zum Spielen zu bringen, darum geht es ihnen dabei weniger.

Müsssen Sie da Ihre Arbeitsweise überdenken?

Virkus: Wir haben vieles bereits angepasst. Heute muss die Ausbildung wesentlich individueller gestaltet werden. Dabei müssen wir natürlich verstärkt an den Schwächen arbeiten, das ist wichtiger als an den Stärken. Das ist sehr personalintensiv, aber weitgehend unbemerkt haben wir bereits unseren Mitarbeiterstamm aufgestockt. Das ist ein Prozess, das Jugendleistungszentrum hat sich entwickelt und wird es weiter tun. Wir beobachten uns selbt intensiv, um zu sehen, wo wir uns noch verbesssern können.

Festzuhalten aber bleibt: Für Spieler aus der Region wie etwa Chance Simakala wird es komplizierter, den Sprung in die Erste Mannschaft zu schaffen, oder?

Virkus: Auf dem Niveau, auf dem wir inzwischen spielen, ist das deutlich schwieriger. Zum Beispiel: Ein Marvin Schulz, der derzeit verletzt ist, hätte vor acht Jahren längst den Sprung zum Bundesligaspieler geschafft. Pauschal aber ist das nicht einfach zu beantworten. Sicherlich muss man bei den gestiegenen Ansprüchen und dem angestiegenen Niveau auch verstärkt andere Wege beschreiten. Ausleihen, um dann gestärkt zurückzukommen, wäre einer davon. Schließlich spielen viele Faktoren eine Rolle. Wie etwa auch die Vakanzen in einer 1. Mannschaft. Auf den Positionen, wo Chance spielen könnte, haben wir internationale Klasse.

Die menschliche Entwicklungsphase, in der sich Ihre Talente qua Alter befinden, macht all das auch nicht leichter?

Virkus: Das stimmt. Deshalb müssen wir sie bei allen Schritten begleiten. Speziell in der Pubertät. Wir müssen ihnen Technik-, Athletiktrainer aber auch Pädogogen und Karriereberater auf Topniveau zur Seite stellen. Und sie benötigen Menschen, die zu ihnen eine emphatische Beziehung aufbauen. Das ist wie in der Schule: Die Lehrer, die einen auf seine Defizite aufmerksam machen und damit wirklich weiterbringen, sind nicht die beliebtesten.

(bsc)