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Tod der Basketball-Legende Kobe Bryant: Berühmt. Und auch berüchtigt.

Tod der Basketball-Legende Kobe Bryant : Berühmt. Und auch berüchtigt.

Der tödlich verunglückte Superstar Kobe Bryant hinterlässt nicht nur im Basketball tiefe Spuren – obwohl seine angebliche Bilderbuchkarriere phasenweise deutliche Brüche hatte. Ein Rückblick.

Mit der grenzenlosen Liebe eines Vaters sprach Kobe Bryant über seine Tochter Gianna. Ob er sich keinen Sohn gewünscht habe, der sein Vermächtnis auf dem Parkett fortsetzen könne? „Ey, ich kümmer’ mich darum“, würde Gianna diese Frage von Fans unterbrechen, berichtete Bryant vor zwei Jahren voller Stolz in einer Fernsehshow. Er und seine Tochter teilten die Leidenschaft und Hingabe für den Basketball, in dem Bryant zu einer der größten Ikonen der Sportgeschichte aufstieg.

Nicht nur die wackligen Internetaufnahmen, wie der Vater mit seiner Tochter trainierte, rühren nach dem Unfalltod der beiden weltweit Menschen zu Tränen. Bryant gehört zu der Kategorie von Sportlern, bei denen nur ein Name reicht, um Erinnerungen zu erzeugen: Kobe. Wie Pele. Ali. Magic.

„Kobe Doin‘ Work“ überschrieb der afro-amerikanische Regisseur Spike Lee seine Dokumentation über Bryant. Ein treffender Titel. Wenn Michael Jordan scheinbar mühelos durch die Luft schwebte, wenn Magic Johnson die Menschen mit seinem breiten Lächeln verzauberte, war Basketball für Bryant vor allem harte Arbeit. „Er war ein leidenschaftlicher Wettkämpfer, einer der Größten dieses Spiels und eine kreative Kraft“, sagte Jordan über seinen früheren Kontrahenten, der am Sonntag mit seiner Tochter Gianna und sieben weiteren Insassen eines Hubschraubers bei einem Absturz in Kalifornien ums Leben kam.

Seinen unbändigen Ehrgeiz zog Bryant – von seinen Eltern nach dem Steak aus der gleichnamigen japanischen Stadt benannt – häufig aus dem Vergleich mit anderen. Aus dem Wunsch, seinem Vater Joe nachzueifern, der einst selbst in der NBA spielte. Aus dem Konkurrenzkampf mit dem eigenen Teamkollegen Shaquille O‘Neal, mit dem er sich einmal im Training beinahe prügelte und aus dessen Schatten er nach drei Titeln heraustreten wollte. Und vor allem aus der Jagd nach Jordans Rekorden.

Eine ganze Generation von Basketballern wollte im neuen Jahrtausend wie der größte Spieler der Geschichte sein. Und die „Black Mamba“, wie Bryant genannt wurde, kam diesem Ziel bislang am nächsten. Teile seiner Kindheit und Jugend verbrachte er in Italien, weil sein Vater dort zum Ende seiner Karriere aktiv war. Schwierige Zeiten für Kobe. Seinen Status als Außenseiter nutzte er allerdings als Antrieb für eine 20-jährige Karriere in der NBA, die er komplett bei den Los Angeles Lakers verbrachte.

Fünf Meisterschaften – eine weniger als sein Vorbild – gewann der Flügelspieler mit den Kaliforniern. Er wurde 18 Mal zum All-Star-Showtreffen berufen, erhielt 15 Nominierungen in die All-NBA-Teams der besten Spieler der Liga, holte zwei Mal Olympiagold. Seine 33.643 Zähler in regulären Saisonspielen werden nur von Kareem Abdul-Jabbar, Karl Malone und LeBron James übertroffen. Als Bryant am 22. Januar 2006 sagenhafte 81 Punkte in der Partie gegen die Toronto Raptors erzielte – nur der legendäre Wilt Chamberlain schaffte mit 100 Punkten mal mehr –, fühlte sich Mitspieler Lamar Odom an Überirdisches erinnert: „Du kannst Gottes Willen nicht stoppen.“

Ein Oscar nach der Karriere

Bryant war hart zu anderen, härter zu sich selbst. Mit dem Hang zur Besessenheit: Selbst eine gerissene Achillessehne konnte ihn nicht aufhalten, noch zwei Freiwürfe zu versenken, um dann erst vom Feld zu humpeln. „Wir lagen zurück, ich musste ausgleichen“, sagte er Jahre später. Und sein Arbeitsethos endete nicht auf dem Parkett. Am Morgen nachdem er im goldenen Konfettiregen mit 60 Punkten gegen die Utah Jazz im April 2016 ein Karriereende wie aus dem Bilderbuch gefeiert hatte, war Bryant zwei Stunden vor seinen Mitarbeitern von Kobe, Inc. bereits wieder im Büro. Die Leidenschaft für den Sport ging nahtlos in die Begeisterung für das Geschichtenerzählen über. Mit seinen Storys wollte Bryant an den Broadway. 2018 gewann er einen Oscar für „Dear Basketball“, einen animierten Kurzfilm, der auf einem Gedicht von ihm zu seinem Karriereende basierte.

Dass in allen Würdigungen durch Prominente von Barack Obama über Dirk Nowitzki bis Lionel Messi, das Bild eines vorbildlichen Athleten und Familienvaters gezeichnet wird, erschien dabei zeitweise fast ausgeschlossen. Vergewaltigungsvorwürfe einer Hotelangestellten im Jahr 2003 zerstörten vorerst das makellose Image, auch wenn die Staatsanwaltschaft die Anklage fallen ließ, als die Frau nicht mehr am Prozess teilnahm.

Und auch sportlich gab es Negativschlagzeilen: Einen erbitterten Machtkampf mit O‘Neal entschied Bryant 2004 für sich; sein Mannschaftskamerad musste gehen, die Lakers waren nun sein Team, der Erfolg blieb aber zunächst aus. Bryant war nicht immer ein Sympathieträger. Sportlich erfand sich der Shooting Guard neu, wurde plötzlich Teamplayer, holte noch zwei weitere Titel. Im Gegensatz zu Nowitzki nahm er aber auch gegen Ende seiner Karriere keine großen Gehaltseinbußen in Kauf. Selbst im letzten Jahr seiner Karriere strich er noch 25 Millionen Dollar ein, limitierte damit den personellen Spielraum der Lakers, mit denen er gegen Ende seiner Laufbahn im Niemandsland der NBA herumdümpelte.

Seinem Ansehen tat dies allerdings auch nach der Karriere keinen Abbruch. Als Bryant bei der Weltmeisterschaft 2019 in China einige Worte auf Mandarin sprach, rasteten die Fans komplett aus. Wichtiger als der Ruhm waren ihm am Ende aber seine Familie mit Frau Vanessa und den insgesamt vier Töchtern. Bei dem tragischen Hubschrauberflug am Sonntag befand sich Bryant an der Seite von Gianna – auf dem Weg zu einem Basketballspiel seiner Tochter.