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Aachen: Beerbaum siegt im Adrenalin-Rausch

Aachen : Beerbaum siegt im Adrenalin-Rausch

Goldfever tänzelte. Zwei Schritte nach hinten, drei zur Seite, dann eine übermütige Pirouette zu den Klängen der Nationalhymne. Vermutlich hat der 12-jährige Hengst, gezogen in Hannover, dazu auch gelacht, na mindestens gegrinst.

Sieger im Großen Preis von Aachen. Wiederholungstäter, Titel souverän verteidigt. Da kann man schon mal stolz die Nüstern aufblasen.

„Mein Pferd ist heute außergewöhnlich gut gesprungen”, befand auch Ludger Beerbaum. Das Paar des Tages ritt mit 76.000 Euro nach Hause. „Es hört sich ja etwas flach an, aber diesen Sieg kann ich wirklich genießen, weil es ein ganz besonderes Springen ist”, sprudelte Beerbaum über.

Der 39-Jährige gewann nach (1996 auf Ratina Z und 2002) das dritte Mal die größte Herausforderung, die die Turnierplätzen weltweit bieten. Und so steht Beerbaum nun in der Siegertafel am Richterhaus gleichberechtigt mit Paul und Alwin Schockemöhle, Nick Skelton, Hans-Günther Winkler und Fritz Thiedemann. Die Großen unter sich.

Natürlich wurde auch die letzte und schwerster aller Prüfungen, die den Reitern in Aachen auferlegt wird, im Stechen entschieden.

Fünf Reiter qualifizierten sich für den letzten großen Showdown 2003. Lokalmatadorin Helena Weinberg scheiterte nur mit den Zehenspitzen am letzten Durchgang, belegte am Ende Platz 11, und war dennoch zufrieden. „Schade, aber ,Gavi ist doch noch ein wenig zu jung.” Ehemann Peter ergänzte: „Aber er ist ein absolutes Traum-Nachwuchspferd. Der kann alles.” Hört sich gut an, denn bislang gibt es auch nach 66 „CHIOs” noch keinen Heimsieg.

Franke Sloothaak, der auf Joly Coeur eine richtig gute Turnierwoche hinter sich hat, verzichtet nach fehlerfreien ersten Umlauf auf die nächste Runde. Sein 17-Jahre alter Fuchswallach litt unter der Hitze „und hat sich am Freitag noch eine Zerrung zugezogen”.

Die anderen hoch gehandelten Favoriten, die allesamt in der Ahnengalerie hängen, waren da schon längst beim Koffer packen. Jean-Claude Vangeenberghe (Sieger 1993 und 1995) und Richebourg kamen vom rechten Pfad ab und wurden disqualifiziert. Otto Becker (2000) auf Cento beendete eine mäßige Woche mit zwei Abwürfen vorzeitig, und Rodrigo Pessoa (1994) und Baloubet scheiterten etwas unaufmerksam an einem Steilsprung.

Also Stechen mit fünf Paaren. Adrenalin pur für Zwei- und Vierbeiner. „Das ist der ganz einfache Grund für so sensationelles Stechen in dieser Woche”, bemerkte der Sieger.

45.000 Zuschauer können einen unglaublichen Lärm veranstalten. 45.000 Zuschauer können aber so gebannt die Luft anhalten, dass man jedes Nießen in der Gegenkurve wahrnehmen kann. Oder einen verbal ausgetragenen Ehestreit würden zwangsläufig tausende Menschen mitbekommen.

„Dieses unglaubliche Knistern beflügelt”, sagt Beerbaum. Wird eine Stange nur leicht angeschlagen, beginnt ein Raunen, Sekunden später diszipliniert sich das Publikum zur Ruhe, - „pssst” - leidet still weiter - bis zur Eruption. Ludger Beerbaum im Ziel. Linke Faust geballt, und Warten in der hintersten Ecke des Abreiteplatzes auf den letzten Starter.

Chris Kappler (USA) löste früh die Spannung, „kegelte” in der Kombination. Platz 4 in der Endabrechnung vor Soeren von Rönne auf Chandra.

Zweiter wurde Marcus Ehning, erfolgreichster Reiter in der gesamten Turnierwoche. Das schwierigste in diesem Stechen hatte er schon hinter sich. „Dachte ich mir wenigstens.” Da war der Borkener auf dem Weg zum „Warsteiner-Oxer” und zu einem verhängnisvollen Irrtum.

Er ließ „For Pleasure” etwas zu viel laufen, kam zu dicht ans Hindernis - und „patsch”. Leise kullerte die Stange aufs Grün. Mit der Hinterhand hatte der Hannoveraner die Tür zum ganz großen Tresor zugeschlagen.

Ehning geriet in inneren Wettstreit zwischen Freude und Enttäuschung. „Ich hätte den Ludger gerne noch etwas mehr geärgert”. Es wurde nur noch ein taktisches Rennen. Das schnellste Paar hatte einmal gepatzt, „da konnte ich es etwas ruhiger angehen lassen”, so Beerbaum.

Das war dann am Warsteiner-Oxer noch einmal zu beobachten, als der Riesenbecker seinem Hannoveraner alle Zeit der Welt gab.

Dritter wurde Michel Robert auf dem noch blutjungen Galet dAuzay. Der Franzose wurde zudem als bester Stylist ausgezeichnet.

So endete der Große Preis von Aachen vor dem Großen Preis im Tücherwinken. Goldfever hat es gefallen, aber viel Zeit für ein ausgedehnteres Siegestänzchen blieb nicht. Noch am Abend verließ der stolze Hengst die Stätte des Triumphes.