1. Sport

Aachen: Arnd Zeigler, sein Wohnzimmer und der Fußball

Aachen : Arnd Zeigler, sein Wohnzimmer und der Fußball

Die eigene Fußball-Karriere begann in der C-Jugend des ETSV Kirchweyhe und sie endete nach zwei Jahren, „weil ich damals immer und überall der Kleinste war. Ich war einerseits sehr schmächtig, aber die Natur hat das ausgeglichen und mich andererseits dafür auch sehr langsam gemacht.“

Die Natur hat dann aber dafür gesorgt, dass sich Arnd Zeigler seinem Lieblingssport von einer anderen Seite, vom Schreibtisch aus — nähern konnte. Seit zehn Jahren läuft im WDR jeden Sonntag — mit viel zu später Anstoßzeit — „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“. Zum Dienstjubiläum zeigt das WDR ausnahmsweise schon ab 22.15 Uhr morgen eine halbstündige Highlight-Sendung. Unser Redakteur Christoph Pauli unterhielt sich mit Arnd Zeigler.

Krisenstimmung nach einem 4:0-Sieg: Der damalige Dortmunder Trainer Jürgen Klopp (l.) und Arnd Zeigler bei ihrem Interview im Jahr 2010, das sogar für den Grimme-Preis nominiert wurde.
Krisenstimmung nach einem 4:0-Sieg: Der damalige Dortmunder Trainer Jürgen Klopp (l.) und Arnd Zeigler bei ihrem Interview im Jahr 2010, das sogar für den Grimme-Preis nominiert wurde. Foto: imago/DeFodi

Laufen bereits die Vorbereitungen für die Festsendung?

Arnd Zeigler: Es ist diesmal anders, die Sendung wird ausnahmsweise vorproduziert, aber nicht von mir. Sondern von dem von mir sehr verehrten Filmemacher Tom Theunissen, der bei uns der Fußballgott ist. Wir haben ein paar Szenen vorab gedreht, aber letztlich wissen wir nicht, aus welchem Material er die Sendung zusammensetzt. Unser Team sitzt dann am Sonntag zusammen und lässt sich überraschen.

Kommt die Sendung immer noch aus Ihrem Bremer Wohnzimmer?

Zeigler: Damals habe ich das Angebot von WDR-Sportchef Steffen Simon nur unter der Voraussetzung angenommen, dass die Sendung aus Bremen kommen kann. Ein ganz wichtiger Grund war: Mein damals sechsjähriger Sohn spielte gerade bei Werder Bremen in der Jugend. Ich habe ihm kurz vor dem Gespräch mit Steffen Simon hoch und heilig versprochen, dass ich bei jedem seiner Spiele dabei sein werde. Deshalb war dem WDR klar: Ich konnte nicht jedes Wochenende nach Köln fahren.

Wenn man sich die vollgepackten Regale in der Kulisse ansieht, wird man eher an ein Jugendzimmer eines fanatischen Fußballfans erinnert. Sind die Parallelen gewollt?

Zeigler: Ich hätte das Zimmer schon mal gerne fertig eingerichtet. Aber bei jeder Sendung gibt es Requisiten, die am Ende des Abends in einer Kiste verschwinden. Inzwischen besteht die komplette Wohnung aus Kisten, die ich als Rentner mal irgendwann sortieren muss. Die Kulisse ändert sich ständig. Sie ist ein Mittelding aus einer Rumpelkammer, einem Fußballmuseum und einem Jugendzimmer.

Es wirkt ein bisschen museal, sind Sie auch ein Sammler?

Zeigler: Ich habe alle Bundesliga-Sammelalben seit 1963, alle Sonderhefte. Als buchaffiner Mensch hole ich mir viele Nachschlagewerke. Es gibt einen ganzen Schrank voller historischer Trikots. Solche Dinge bedeuten mir ganz viel. Und dann gibt es ganz viele Devotionalien, die nur als Requisite für die Sendung wichtig sind.

Sind das nur die Fußball-Junkies, die Ihnen zuschauen?

Zeigler: Es gibt keine präzise demos­kopische Entschlüsselung. Wir zählen im WDR zu den Sendungen mit den jüngsten Zuschauern und liegen auch in den sozialen Netzwerken weit vorn. Ansonsten bekommen wir oft die Rückmeldung: „Ich mag die Sendung ja, aber sie kommt mir immer zu spät.“ Deswegen schauen sich viele Leute die halbe Stunde am nächsten Tag in der Mediathek an. Das schönste Kompliment, das ich bekommen kann ist: „Eigentlich interessiere ich mich nicht für Fußball, aber die Sendung schaue ich trotzdem gerne.“ Das ist unser Anspruch: Einerseits Fußballfans zu erfreuen und andererseits andere Besucher anzuziehen, die sich an den skurrilen Dingen erfreuen.

War die Sendung von Anfang an so langfristig angelegt, oder doch eher ein Experiment?

Zeigler: Es war seltsam. Ich habe immer nur Radio gemacht, war ein TV-Neuling. Fernsehen hat mich nie interessiert. Wir haben uns dann mal ziemlich unsicher an die ersten 30 Minuten gewagt. Es hat sehr schnell Spaß mit diesem großartigen Team gemacht, und wir haben auf eine lange Strecke gehofft. Wir sind Freunde geworden, ticken ähnlich, haben viel zusammen erlebt, sind permanent im Austausch. Die Sendung ist uns ans Herz gewachsen.

Funktioniert Ihr Format auch deswegen, weil Sie immer noch die lustige Seite des Spiels zeigen?

Zeigler: Lustigsein ist nicht das einzige Kriterium. Wir mussten zum Beispiel auch drei Tage nach dem Selbstmord von Robert Enke eine angemessene Form finden. Bis heute unsere schwerste und traurigste Sendung. Generell honorieren die Zuschauer, dass sie spüren, dass wir das gerne machen und uns nicht so wichtig nehmen. Es geht nicht so sehr um ein Pointenfeuerwerk, sondern mehr um die Atmosphäre.

Gibt es nicht gerade eine Sehnsucht nach den unbeschwerten Zeiten, als Berti Vogts und Karl-Heinz Rummenigge hübsch geschminkt in Frauenkleidern in der Sendung „Am laufenden Band“ standen?

Zeigler: Das ist so. Wenn man sich so alte Sachen im Archiv anguckt, erkennt man, dass die Branche früher unschuldiger und weniger behütet war. Bei einer solchen Anfrage an Rummenigge würde man heute eine nett formulierte Absage des Mediendirektors erhalten. Das ist schon bedauerlich, dass heute alles chemisch gereinigt ist. Jeder Interviewpartner aus der Bundesliga hat eine rhetorische Schulung durchlaufen und wird noch mal speziell gebrieft.

In Ihrem Rückblick taucht vermutlich als Kleinod ein herrliches Interview mit Jürgen Klopp aus dem Jahr 2010 auf. Der damalige Trainer von Borussia Dortmund geht nach einem 4:0 bei Hannover 96 vermeintlich in Sack und Asche und räumt viele Fehler ein. Ist solch ein Schabernack heute noch möglich?

Zeigler: Damals lief es bei Schalke unter Felix Magath nicht gut, und Dortmund war Tabellenführer. Für uns war das ein Anlass, uns „kritisch“ mit dem BVB auseinanderzusetzen. Natürlich ist es damals so gut gelungen, weil wir es nicht so geplant hatten und weil Jürgen Klopp so ist wie er ist. Wir hatten uns vor dem Gespräch noch nie getroffen, er kannte mich nur aus dem Radio, ich ihn nur aus dem Fernseher. Wir haben schon unterwegs gemerkt, dass es richtig schön wird. Trotzdem waren wir erstaunt, dass das Interview über eine Million mal abgerufen und für den Grimme-Preis nominiert wurde. Ich denke aber, dass es auch heute noch solche Protagonisten gibt, die intelligent sind und einen guten Humor haben (das Interview im internet: bit.ly/Klopp_Zeigler)

Gibt es noch Ihre Musiksendung „Zeiglers wunderbare Welt des Pop“, dienstags auf Bremen Vier?

Zeigler: Die drei Stunden sind mir sehr wichtig. Ich habe mal zwei Jahre da pausiert und hatte beruflich nur noch mit Fußball zu tun. Das war zu monothematisch. Ich bin großer Musikfan und Sammler, bin sehr gerne in meiner Lieblingsstadt: London ist die perfekte Adresse für einen Fußball- und Musikfan.

Vor der letzten WM 2014 haben Sie unter dem Pseudonym Udo Alexander, den verkannten Ohrwurm „Eventuell, vielleicht, bestimmt“ herausgebracht. Sie setzen damit das Werk von Größen wie Udo Jürgens oder Peter Alexander fort, die die Nationalmannschaft in den 70 und 80er Jahren jeweils mit frischen Liedchen auf das Turnier vorbereitet haben. Fällt Ihnen vor der WM in Russland etwas ein?

Zeigler: Das will ich nicht ausschließen. Aber ich stecke gerade so im Tagesgeschäft, dass ich noch nicht weiß, was ich überhaupt während der WM mache. Uns ist leider verloren gegangen, dass man sich auf so ein Großereignis freut. Als Kinder habe ich vier Jahre lang der WM entgegengefiebert. Jetzt steht Russland an, es folgt die komische EM in ganz vielen Ländern, dann kommt die bizarre Katar-WM. Mir fällt es leider schwer, mich darauf richtig zu freuen.

Nehmen Sie den Betrieb noch ernst, der Neymar gerade zum wertvollsten Menschen des Planeten macht?

Zeigler: Ich bin zwiegespalten bei diesem Thema: Die Summe ist grotesk und krank, und wir müssen wachsam sein. Aber vor vier Jahren ist Gareth Bale für rund 100 und Cristiano Ronaldo vor acht Jahren für 94 Millionen Euro zu Real Madrid gewechselt. Die Auswüchse sind also nichts Neues. Als ich klein war, haben sich alle das Maul darüber zerrissen, dass ein Megastar wie Franz Beckenbauer 500.000 Mark im Jahr verdient hat. Mein Vater war Volksschullehrer und musste mit seinen vielleicht 1000 Mark eine vierköpfige Familie ernähren. Etwas anderes stört mich mehr, als der Fakt, dass Paris für unfassbar viel Geld einen Megastar kauft. Wenn der Hamburger SV aber einen Verteidiger wie Konstantinos Stafylidis von Augsburg für zehn Millionen kaufen wollte, oder Zweitligastürmer fünf Millionen kosten, eine Summe, die Bremen früher für Miro Klose ausgegeben hat, dann finde ich das schade. Das entwertet und verändert das Spiel.

An den ersten Spieltagen hat es Schmähgesänge gegen den DFB gegeben. Spüren Sie, dass die Liebe zum Fußball gerade erkaltet?

Zeigler: Um es mit Rudi Völler zu sagen: Wer sich jetzt abwendet, hat den Fußball nie geliebt. Ich kann den Verdruss teilweise nachvollziehen, aber gerade vermischen sich ein paar Dinge auf unheilvolle Art und Weise. Mittlerweile entsteht ein Vergnügen daran, „Scheiß DFB“ zu rufen. Ich bin mir nicht sicher, ob alle Leute wissen, wogegen sie gerade protestieren. Haben alle Leute Helene Fischer in der Halbzeit des Pokalfinales ausgepfiffen, weil sie diesem Kommerz kritisch gegenüberstehen oder weil sie in Niedermach-Laune waren? Es sollte um eine Kritik gehen, die den Dialog noch ermöglicht.

Zum Abschluss: Sie gelten als zweibeiniges Fußball-Lexikon. Lust auf ein kleines Quiz?

Zeigler: Das macht mir etwas Angst. Aber mal los.

Wo im deutschen Fußball fand das erste Geisterspiel statt?

Zeigler: War das Alemannia Aachen gegen den 1. FC Nürnberg?

Exakt, am 16. Januar 2004. Welche Bundesliga-Mannschaft hat als erstes Team sein 1000. Heimspiel-Gegentor kassiert?

Zeigler: Das wird ein langjähriges Bundesligamitglied sein, das nicht immer gut war. Ich tippe auf Schalke.

Richtig ist Bremen. Welcher deutsche Trainer wurde europaweit am häufigsten entlassen?

Zeigler: Peter Neururer.

Korrekt. Welcher Spieler bekam die erste Gelb-Rote Karte nach deren Einführung 1991?

Zeigler: Muss ich passen.

Stefan Effenberg beim 3:2 der Bayern über Schalke. Was ist die „Halleluja-Phase“ im Fußball?

Zeigler: Kenne ich nicht.

Um 1870 war es in England erlaubt, die gegnerischen Spieler in den letzten fünf Minuten zu treten.

Zeigler: Muss ich mir notieren. Meine Lieblingsfrage lautet: Welche drei deutschen Städte haben jeweils zwei DFB-Pokalsieger gestellt?

München. Der Rest ist Schweigen.

Zeigler: Rot-Weiß und Schwarz-Weiß Essen sowie Rapid Wien und First Vienna Wien.