Aachen: André Schnitker: „Volleyball ist für mich gelebte Fairness“

Aachen: André Schnitker: „Volleyball ist für mich gelebte Fairness“

Die „Ladies in Black“ Aachen gehen in ihre zehnte Saison in der Volleyball-Bundesliga in Folge. Was nach dem Aufstieg im März 2008 als großes Abenteuer begann, hat sich zum sportlichen Aushängeschild Aachens gemausert. Mann der ersten Stunde ist André Schnitker. Mit ihm, der heute noch bei allen Heimspielen als Hallensprecher dabei ist, sprach Roman Sobierajski.

Herr Schnitker, von Ihnen ist das Zitat überliefert, Sie seien in einer anderen Welt gelandet, als der Aufstieg der „Ladies in Black“, damals noch Alemannia Aachen, nach dem dramatischen 26:24 im vierten Satz gegen Emlichheim feststand.

Tränen im Moment des größten Erfolges der Vereinsgeschichte: „Die Ladies in Black“ Aachen verloren dramatisch das Pokalfinale gegen Stuttgart in Halle/Westfalen. Foto: Wolfgang Birkenstock

André Schnitker: Ich hatte wirklich dieses Gefühl ‚Kneif mich, bitte‘. Ich bin losgetobt, als der Matchball am Boden war, bin mit Trainer Luc Humblet durch die Halle getanzt, habe spontan Alemannia-Präsident Horst Heinrichs in den Arm genommen. Plötzlich war ich wieder da und dachte, was passiert hier gerade? Das war ein großer Moment.

Mit wie viel Respekt vor dem, was da kommen würde?

Schnitker: Mit ganz viel Respekt und keiner großen Hoffnung auf eine lange Historie. Vielleicht wäre es ja auch nur ein einjähriges Abenteuer geworden.

Es fehlte noch der Präsidiums-Beschluss von Alemannia Aachen.

Schnitker: Richtig. Aber wir hatten schon Signale erhalten, dass wir Grünes Licht bekommen würden.

Trainer Humblet hatte prophezeit, dass man den drei- bis vierfachen Etat brauchen würde, um im Oberhaus zu bestehen. Erinnern Sie sich noch, wie hoch der Gesamtetat in der Aufstiegssaison war?

Schnitker: Das dürften rund 200 000 Euro gewesen sein, wobei ein Großteil für Lizenzbestimmungen und Kosten für Auswärtsspiele aufgebracht werden musste. Aber auch heute noch müssen Aufsteiger aus der Zweiten Liga ihr Budget verdrei- bis verfünffachen, um sicher die Klasse halten zu können. Deshalb gehen leider nur noch wenige Teams dieses Abenteuer ein.

In der ersten Bundesliga-Saison wurden die Aachenerinnen nur Vorletzte, blieben aber in der Liga . . .

Schnitker: Richtig, abgestiegen ist damals Chemnitz. Von Anfang an war klar: die oder wir. In Chemnitz hatten wir knapp verloren, ich war total frustriert. Dann kam unsere Kapitänin Esther Stahl zu mir und versprach mir: „Die hauen wir im Rückspiel weg und bleiben drin.“ Und so kam es dann auch.

Wie entstand der Begriff von den „Ladies“ eigentlich?

Schnitker: Der tauchte zuerst in ihrer Zeitung auf. Die Alemannia-Fußballer hatten sich als ‚Men in Black‘ etabliert und liefen auch zu dieser Titelmusik ins Stadion ein. Da erfolgte irgendwann die Übertragung auf unsere Spielerinnen und hat sich langsam etabliert. Uns hat das natürlich gut gefallen, wir fanden das cool als Marke.

In den ersten Bundesliga-Jahren haben die „Ladies“ eine Reihe von Trainern verschlissen. Auf Humblet folgten schnell Reinhard Strauch und Stefan Falter. Wie kam es dazu?

Schnitker: In der Endphase der Saison stellte sich die Frage: Schaffen wir den Klassenerhalt oder nicht? In allen Partien fehlte eigentlich nicht viel. Ich war als Manager zum Rapport beim Alemannia-Präsidium, und Reinhard Strauch war mitgekommen. Es gibt ja den bekannten Effekt der neuen Besen. Die Trainerfrage kam auf, ich zeigte auf Reinhard Strauch, und der hat tatsächlich genickt und zugesagt. Und tatsächlich haben wir in der nächsten Partie Bayer Leverkusen mit 3:1 geschlagen und haben mit insgesamt sechs Punkten den Klassenerhalt geschafft.

Einige gegnerische Mannschaften aus Liga zwei hatten den Aufstieg der Aachenerinnen bedauert wegen der guten Stimmung und dem fairen Umgang mit den Auswärtsteams und deren Anhang. Eine große Leistung war, diese bundesweite Sympathie mit in die Erste Liga zu nehmen.

Schnitker: Ich behaupte mal, hätten wir nicht so ein gutes Standing bei den anderen Klubs, hätten wir wegen der Hallensituation schon ganz andere Restriktionen durch die Liga aufgebrummt bekommen. Das ist ein großes Pfund für uns. Aber das dürfte dauerhaft nicht reichen.

Mit dem Aufstieg war auch der Umzug vom „Wohnzimmer“ an der Bergischen Gasse hin in diese unbekannte Großhalle Nord verbunden, heute bekannt als „Hexenkessel“. War das damals unproblematisch?

Schnitker: Als Manager hatte ich davor Riesenrespekt. Es war klar, dass wir das aus Lizenzgründen tun müssten, daran führte kein Weg vorbei. Der erste Spieltag gegen Dresden rückte immer näher. Wir haben dann sogar einen Satz gewonnen und haben die Stimmung vom ersten Moment an komplett mitgenommen, wie aufgesogen und ausgespuckt. Ich war stolz wie Holz.

Es folgte das auf drei Jahre angelegte Projekt mit Trainer Marek Rojko. War das ein Quantensprung?

Schnitker: Dahinter steckte ein Strategiewechsel von Reinhard Strauch, der zu der Zeit Sportdirektor war. Wir wollten jemanden holen, der Erfolge vorzuweisen hatte und sich im internationalen Jugendvolleyball auskannte. Natürlich haben wir auch gehofft, dadurch Spielerininnen nach Aachen holen zu können. Der Dreijahresvertrag war sehr mutig. Direkt im ersten Jahr feierten wir 2014 Bronze in der Meisterschaft. Ich sagte bei der Feier zu ihm, Dritter im ersten Jahr lässt bei einem Dreijahresprojekt nur auf eines schließen. Es gab großes Gelächter.

Der ganz große Durchbruch kam dann im nächsten Jahr, allerdings nicht in der Meisterschaft, sondern mit dem Einzug ins Pokalfinale 2015, dass die „Ladies“ nur knapp gegen Stuttgart verloren. War das der Höhepunkt dieser zehn Jahre bislang?

Schnitker: Wir hatten etwas Losglück und sind bis ins Endspiel gekommen. Es geht nicht besser, außer zu gewinnen. Unsere Fans haben so viel Begeisterung ausgelöst, dass sich sogar die neutralen Fans uns angeschlossen haben. Was das Aachener Publikum da veranstaltet hat, war einmalig und wird wohl auch einmalig bleiben.

Kam der Erfolg zu plötzlich? Davor lag ja keine stetige Entwicklung.

Schnitker: Den Erfolg nimmt man gerne mit. Das Problem war, dass wir durch diese tolle Leistung Begehrlichkeiten geweckt haben, sowohl bei den anderen Klubs, als auch bei unseren eigenen Spielerinnen. Deshalb ging es nach einem Jahr bereits schon etwas auseinander.

Liegt auch die Ursache für die folgende Insolvenz darin, dass zu hohe Erwartungen geweckt wurden?

Schnitker: Wir hatten nicht die Bedingungen, die wir jetzt haben, ein professionelles Controlling durchzuführen. Wir haben ständig eine Summe mit einer roten Farbe vor uns her geschoben. Hätten wir uns kleiner gestellt, hätten wir wieder gegen den Abstieg gespielt, das wollte eigentlich auch niemand. Es gibt also ein Konglomerat von Gründen. Das ist nicht entschuldbar, aber die Übernahme einer Profisport-GmbH hat auch den PTSV Aachen viele Ressourcen gekostet. Die sind jetzt da, im letzten Jahr haben wir eine schöne schwarze Null geschafft.

Wobei das Projekt mit Trainerin Saskia van Hintum auch ein Neustart auf niedrigerem Niveau war.

Schnitker: Absolut. Aber da ist auch wieder etwas Besonderes passiert: Van Hintum hatte uns schon ihre Zusage gegeben, als wir noch in der Insolvenz steckten und keine einzige Spielerin hatten. Sie hing wochenlang in der Luft und ist ein Risiko eingegangen. Im Nachhinein: Chapeau, Saskia.

Der größte Einschnitt in der Bundesligazeit dürfte der Wechsel von der Alemannia hin zum PTSV Aachen gewesen sein. Wie haben Sie das erlebt?

Schnitker: Es gab damals viel emotionale Kritik, wir würden die Alemannia im Stich lassen. Tatsächlich war die Alemannia für uns der richtige Verein, zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten. Aber dann folgte eine Zeit mit den falschen Leuten und der unsäglichen Rede von Erik Meijer, in der klar wurde, dass einige uns nicht haben wollten. Da war der Zeitpunkt gekommen, den Verein zu verlassen. Wir hätten gar keine Bundesliga-Lizenz mehr beantragen dürfen, niemand hätte das unterschrieben bei der Alemannia. Und es gab einen Verein, der uns und unsere Sportart am Leben halten wollte. Wir hatten keine Alternative.

Ein weiterer großer Bruch war die Trennung von der langjährigen Kapitänin Karolina Bednarova. Die Tschechin war fünf Jahre lang Gesicht und Aushängeschild der Mannschaft.

Schnitker: Karolina hat fünf Jahre lang einen geilen Job gemacht, immer alles gegeben. Das kann man nicht anders sagen. In ihrem letzten Jahr waren ihre statistischen Werte in Annahme und Angriff schon nicht mehr so gut. Es ist ja legitim, auch als Verein den Schlussstrich ziehen zu wollen, zumal sie in der laufenden Saison Signale gegeben hatte, ihre Karriere zu beenden. Als sie doch weitermachen wollte, war die Entscheidung schon gefallen. Das Nachkarten war dann eine der unschöneren Erfahrungen in den Jahren.

Noch ein Blick in die Zukunft statt zurück in die Vergangenheit: Wie sehen Sie die Aussichten für die kommende Saison?

Schnitker: Ich vertraue unserer Trainerin, die gesagt hat, wir brauchen die ersten drei Partien, um uns einzufinden. Zudem haben wir die einmalige Situation, dass acht Spielerinnen verlängert haben. Davon werden wir profitieren, dass wir nur drei Spielerinnen integrieren müssen. Unser Ziel in dieser Spielzeit ist, die Play-offs zu erreichen.

Dann geht es wieder in die Halle ins belgische Maaseik?

Schnitker: Ja, voraussichtlich. Unser Gastspiel da in der vergangenen Saison war sehr herzlich und freundlich. Alles Notwendige wurde zur Verfügung gestellt. Darauf bin ich in unserer Sportart sehr stolz, dass es ist, wie es ist. Und man sich nicht mit Menschen beschäftigen muss, die Fahnen von anderen verbrennen und die gegnerischen Fans verprügeln. Volleyball ist für mich gelebte Fairness.

Die gemeine Frage zum Schluss: Wie sieht Ihr Allstar-Team der „Ladies in Black“ aus?

Schnitker: Nein, schöne Frage. Also, als Zuspielerin Femke Stoltenborg und Lucy Wicks, als Libera Dominika Valachova und Kirsten Knip, auf Diagonal Esther Stahl, Aachens erste Nationalspielerin, und Jordanne Scott in der Hinrunde. Auf Außen würde ich Rita Liliom/Jana-Franziska Poll und McKenzie Adams/Karolina Bednarova benennen. In den Mittelblock würde ich Ci Michel/Jeanine Stoeten und Anna Rönnbäck/Alex Preiß stellen.