1. Sport

Omdurman/Aachen: Alemannias Ex-Coach Michael Krüger sammelt Titel im Sudan

Omdurman/Aachen : Alemannias Ex-Coach Michael Krüger sammelt Titel im Sudan

Eine bizarre Szene im wilden Straßenverkehr von Omdurman, einer Millionenstadt im Sudan: Ein Polizist stoppt auf der Vorfahrtsstraße alle Autos, damit der Fußballtrainer seiner Lieblingsmannschaft einbiegen kann.

„Der hat mich in meinem Wagen erkannt und dachte bestimmt, der Mann muss jetzt zum Training“, berichtet Michael Krüger in seiner lakonischen Art, später räumt er dann aber doch ein, dass „die Achtung und der Respekt unfassbar sind“, die ihm von den Menschen hier entgegengebracht werden.

Der Niedersachse, der von September 2009 bis Juni 2010 Alemannia Aachen trainierte, wird regelrecht verehrt in der mit Temperaturen um die 40 Grad sehr heißen Metropole, die nur durch den Nil von der Hauptstadt Karthum getrennt wird. Bereits zum dritten Mal ist Krüger mit dem SC Al-Merreikh Omdurman erfolgreich: Am Dienstag feierte er wie schon 2008 die Meisterschaft, seinen sechsten Titel in Afrika. Den Pokal des Sudan holte er 2008 und 2010, gewann mit dem ägyptischen Klub Arab Contractors 1996 den Afrikapokal der Pokalsieger und 1998 mit Port Said den Landespokal in Ägypten.

Der Kontinent liegt ihm also: „Afrika scheint irgendwie mein Schicksal zu sein. Egal wo ich war, meist ist irgendein Titel dabei herausgesprungen.“ In Deutschland dagegen kam der 59 Jahre alte Fußball-Lehrer über die 2. Bundesliga nicht hinaus — vor Aachen trainierte er dort Hannover 96 und Eintracht Braunschweig.

Scheinbar hat Michael Krüger ein besonders gutes Gespür für die Menschen in Afrika: „Generell kennt die afrikanische Mentalität nur himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt.“ Doch dafür hat er seine Strategien entwickelt. Den FC St. George aus Addis Abeba führte er im Frühjahr als erste äthiopische Mannschaft in die Zwischenrunde der afrikanischen Champions League und in die Endrunde des afrikanischen Confederations Cups, dem Pendant zur Europa League. Dafür feierten die Fans den Coach; beim Empfang am Klubheim herzten ihn auch Frauen jeden Alters. „Nach drei oder vier Minuten hätte ich normalerweise duschen müssen von den ganzen Küssen auf die Wangen und die Hände.“

Vor allem als Motivator war Michael Krüger gefordert, besonders nach unglücklichen Niederlagen, die viele Spieler in tiefste Trauer versetzten. Krüger: „Das ist für manche, als ob ein naher Familienangehöriger gestorben wäre — zumindest für ein paar Tage.“

Auch die Arbeitsbedingungen waren selbst beim seriösesten Verein Äthiopiens wenig professionell: Im Trainingszentrum gibt es nicht mal richtige Duschen. Seine Erfolge dort aber brachten Krüger lukrative Jobangebote aus anderen afrikanischen Ligen; deshalb löste er seinen Vertrag in Äthiopien im August vorzeitig auf und wechselte wieder zu Al-Merreikh, einem der ältesten Fußballklubs Afrikas, der schon seit Wochen um ihn gebuhlt hatte.

Nur vier Tage Pause zu Hause nahe Hannover nutzte er vor allem, um die Kleidung zu wechseln. Im 1700 Meter hoch gelegenen Addis Abeba ist das Klima gemäßigt, jetzt braucht er „eigentlich nur kurze Hosen, T-Shirts und Badelatschen“.

Mit Al-Merreikh (zu Deutsch: Mars) siegte Krüger zuletzt neun Mal nacheinander, auch in der Kleinstadt Al Hashisa. Er berichtet: „Das war ein Fußballplatz, da würden sie nicht mal die Kühe drüber treiben, aus Angst, die könnten sich verletzen.“ Seine dennoch unverletzten Mars-Männer sind neben dem Rivalen Hilal, ihrem Gegner im Pokalfinale am Montag, Hauptthema in den 15 Sportzeitungen des Sudan; die Spiele beider Rivalen werden alle live im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt.

Deshalb treten beide außer zu den Derbys nie am selben Tag an, nicht einmal im Saisonfinale. Am Tag nach dem Triumph übrigens gab‘s keinen freien Tag für die Sieger. Im Bus reiste die Mannschaft ins 200 Kilometer entfernte Medani zum Vereinspräsidenten, um ihm nach dem Tod seiner Mutter zu kondolieren und „um ihm den hässlichen Pott zu zeigen“, wie Krüger gewohnt ironisch erklärt.

Trotz der üblichen afrikanischen Widrigkeiten ist es in Omdurman weniger chaotisch als in Äthiopien, seine Spieler seien disziplinierter, und dass er mit Carsten Kruse einen deutschen Assistenztrainer hat, erleichtere seine Arbeit. Das arabische Fernsehen zeigt häufig Bundesliga-Fußball, und deutsche Programme empfängt der Weltenbummler auch. So kommt Krüger fern der Heimat bestens klar: „Es mangelt hier an nichts — außer an Bier.“ In dem muslimischen Staat ist zwar mancher Polizist ganz nett, Alkohol aber verboten.