Aachen: Spitzenkandidaten stellen sich Fragen der Freien Wohlfahrtspflege

Aachen: Spitzenkandidaten stellen sich Fragen der Freien Wohlfahrtspflege

Konkret werden: Das fordern die Arbeitsgemeinschaften der Freien Wohlfahrtspflege (AGFW) in Stadt und Kreis Aachen von den fünf Spitzenkandidaten für das Amt des ersten, von den Bürgern direkt gewählten Städteregionsrates.

Nicht nur, aber vor allem, wenn es um soziale Fragen geht. Und damit Helmut Etschenberg (CDU), Dr. Thomas Griese (Grüne), Uwe Löhr (Die Linke), Dr. Werner Pfeil (FDP) und Uwe Zink (SPD) erst gar nicht in Versuchung kommen, sich in Allgemeinplätzen zu verlieren, konfrontieren die Verbände sie bei einer Dialogveranstaltung in Aachen mit ihrer alltäglichen Arbeit - anhand von sechs Lebensgeschichten, die exemplarisch für tausende in der Städteregion stehen.

Armut in ihren unterschiedlichen Facetten ist das zentrale Thema. Wobei es nicht nur um Einkommensarmut geht, wie Bernhard Verholen (Caritas-Geschäftsführer und AGFW-Sprecher) betont, sondern um alle wichtigen Lebenslagen wie Arbeit, Wohnen, Gesundheit, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe.

„Wer nur auf Einkommensarmut abzielt, würde zu kurz springen”, sagt er. Es gehe um soziale Gerechtigkeit, um Vertrauen - und darum, Verantwortung zu übernehmen. „Dabei werden Sie die Verbände als verlässlich Partner, gelegentlich auch als kritische Mahner zur Seite haben”, versichert Verholen den Spitzenkandidaten.

Zweieinhalb Stunden lang haben die Politiker Gelegenheit, ihre Positionen anhand der Fallbeispiele aus den Bereichen Überschuldung und Altersarmut, Kinderarmut und Bildungsbenachteiligung, Sucht und psychische Erkrankungen zu erläutern. Dabei werden Unterschiede in der Analyse der Ursachen deutlich, teilweise auch in den Lösungsansätzen, die die Politik auf kommunaler Ebene nicht direkt beeinflussen kann.

Etwa beim Thema Bekämpfung der Kinder- und Bildungsarmut. So unterschiedlich die Ursachenbeschreibung - zu niedrige Löhne, unzureichende Hartz-IV-Leistungen oder zu hohe Steuerbelastung, die die Schaffung von Arbeitsplätzen behindert - sind, so einhellig sind die Aussagen zu ihrer Bekämpfung vor Ort: die frühen Hilfen für Familien intensivieren, mehr Betreuungsplätze für unter Dreijährige schaffen, frühzeitige Sprachförderung nicht nur bei Migrantenkindern, offene Ganztagsschulen, mindestens ein kostenloses Kindergartenjahr einführen. Zur Finanzierung all dessen sagt allerdings keiner etwas.

Ähnlich ist es beim Thema Überschuldung: Die Sozialverbände registrieren, dass die Zahl der Ratsuchenden immer größer wird. Sie bräuchten eigentlich mehr Personal, sonst drohen wieder lange Wartezeiten. Zudem haben sie kaum Luft für Präventionsangebote, etwa in Schulen. Letzteres jedoch halten alle fünf Spitzenkandidaten für wichtig. In Sachen Personalausstattung für die Schuldnerberatung und deren Finanzierung zeigen sich dann wieder Unterschiede: Etschenberg will „erst über Inhalte, dann über Personen” sprechen.

Griese will die Banken, die mit „leichtfertiger Kreditvergabe” zur Überschuldung beitragen, in die Pflicht nehmen, denn bislang leisten nur die Sparkassen einen finanziellen Beitrag. Pfeil meint, die Verbände sollten die Anwaltschaft mit ins Boot holen. Zink setzt vor allem auf Prävention und „Stabilisierung der Familien”. Löhr fordert ganz allgemein mehr Geld für die Schuldnerberatung.

Manch ein Zuhörer hat sich wohl konkretere Aussagen gewünscht. Eines aber hat die Dialogveranstaltung erreicht: Die Politiker haben einen tiefen Einblick in die soziale Arbeit in der Städteregion erhalten.

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