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Akkar: Unicef-Aktion: Mehr als drei Jahre auf der Flucht

Akkar : Unicef-Aktion: Mehr als drei Jahre auf der Flucht

Und wieder ist das Gedränge vor der Deutschen Botschaft in Beirut groß. Früher wurden dort 5000 Asylanträge jährlich bearbeitet, derzeit sind es knapp 4000. Im Monat. Fast eine Verzehnfachung. Familien wollen zusammengeführt werden.

Es ist die Bildungselite unter den syrischen Flüchtlingen, die in der langen Menschenschlange steht. Die Leistungskriterien sind streng: „Wer zum Beispiel in seiner Bachelor-Arbeit nur mit 75 Prozent benotet wurde, hat keine Chance“, wissen Insider.

Die Versorger der Familie al Mohammed: Amare (10) und Shahade (8) sammeln und sortieren Müll und Flaschen. Zwei Dollar bekommt jeder der beiden Jungen pro Tag für die schmutzige Arbeit. Die beiden Kinder können sich im Land noch frei bewegen. Ihr Vater würde als illegaler Flüchtling am nächsten Checkpoint festgenommen. Foto: Silke Fock-Kutsch

Menschen wie Khaled al Mohammed kämen nie auf die Idee, in der Botschaft vorstellig zu werden. Der einstige Lkw-Fahrer könnte nur seinen Führerschein vorweisen. Wir sitzen auf dem Boden seines „Zuhauses“ im nördlichen Bezirk Akkar, in einem Lager mit rund 20 Behausungen, teils Baracke, teils Zelt.

Familie Suweid: Um sie zur ernähren, verkauft Vater Ahmad von seinem Moped aus heißen Mokka (kleines Bild). Er zählt zu den legalen Flüchtlingen und hat eine Arbeitserlaubnis. Foto: Silke Fock-Kutsch

Der 39-Jährige hat mit Zakia (33) sieben Kinder, darunter Amare (10) und Shahade (8), die beiden Versorger der Familie. „Sie sammeln und sortieren Müll und Flaschen“, sagt Khaled. Hintergrund: Kinder können sich im Land frei bewegen, er selber würde als illegaler Flüchtling am nächsten Checkpoint festgenommen. Zwei Dollar Lohn pro Kind und Tag plus 13 Dollar UN-Hilfe bis zum fünften Familienmitglied, macht 65 Dollar. Allein 70 Dollar beträgt die Miete für die private Unterkunft, weil der Staat nichts zur Verfügung stellt. Welch ein Druck von allen Seiten. Wie lange schon?

Familie Suweid: Um sie zur ernähren, verkauft Vater Ahmad von seinem Moped aus heißen Mokka (kleines Bild). Er zählt zu den legalen Flüchtlingen und hat eine Arbeitserlaubnis. Foto: Silke Fock-Kutsch

Jeder Zentimeter seines stämmigen Körpers scheint sich anzuspannen, als der Vater die Frage präzise beantwortet: „Heute sind es drei Jahre, drei Monate und 13 Tage.“ Damals flohen sie vor dem Bombenhagel in ihrer Heimatstadt Homs, die inzwischen nahezu komplett zerstört ist. Viel mitnehmen konnten sie nicht: „Etwas Bargeld, Wäsche, mehr nicht.“

Zakia hat schwarzen syrischen Mokka gezaubert, der mit viel Zucker die Lebensgeister weckt. Wir sitzen mit den Kindern im Kreis und lauschen dem entmachteten Familienoberhaupt, das vor Tatkraft geradezu strotzt, aber zur Ohnmacht verurteilt ist. Auch kulturell eine Demütigung. „Wissen Sie, was es bedeutet, Tag für Tag ohne Aufgabe, schlimmer noch ohne jede Möglichkeit, zu verbringen?“ Kurze Atempause. „Von der Zukunft erwarte ich nicht mehr, aber auch nicht weniger, als in Würde leben zu können“, sagt Khaled al Mohammed. Und im Übrigen: Moslems und Christen sollten „auf beiden Seiten Teil des Friedens sein“.

Drei Jahre, drei Monate, 13 Tage ein Leben ohne jede Würde. Das Leid hat sich ins Gesicht des Mannes eingegraben. Wir brechen auf und erfahren, dass ein paar Hütten weiter eine Trauerfeier ansteht. Amar ist tot, der 20-jährige Sohn von Khaleds Nachbarin Anna. Vergeblich hatte die Mutter ihn vor einem Jahr angefleht, mit ihr und den kleinen Geschwistern Ahmed (10) und Heba (5) aus Homs in den Libanon zu fliehen. „Er wollte das Haus nicht ungeschützt lassen, er wollte es verteidigen“, weint die Mutter. Vor drei Tagen, berichten Augenzeugen, sei eine Rakete eingeschlagen. Amar habe es nicht überlebt.

Hilfe vor Ort und Perspektiven

In einem großen Wäschebottich nimmt Anna rund 20 Hähnchen aus und wäscht sie — Vorbereitungen für den traditionellen Leichenschmaus. „Begraben können wir ihn nicht“, sagt Anna. Und das Foto ihres Sohnes verlor sie auf den Irrwegen ihrer Flucht.

Wie die Familien von Khaled oder Anna haben die meisten Vertriebenen weder Mittel noch Chancen, Europa anzusteuern, sei es offiziell über einen Asylantrag (mit Vorauszahlung von 8000 Euro auf ein deutsches Konto) oder über die gefährliche Balkanroute (ca. 2500 Euro pro Person, inklusive Schlepper). „Deshalb geht es uns darum, den Menschen vor Ort in ihrem eigenen Kulturkreis zu helfen und den Kindern Perspektiven zu geben“, sagt Claudia Graus, stellvertretende Vorsitzende von Unicef-Deutschland.

Unicef folgt in dem Fall auch der politischen Linie Berlins, das 1,15 Milliarden Euro bis 2017 für die Flüchtlingskrise in Syrien und den Nachbarländern freigestellt hat. 250 Millionen für den Libanon wurden bereits ausgezahlt. „Unicef ist einer unserer wichtigsten Partner in der Region. Uns geht es darum, dass die Hilfe professionell koordiniert wird und humanitäre sowie langfristige Hilfe eng verzahnt sind“, sagte jüngst Bundesentwicklungsminister Gerd Müller in Beirut. Kernhilfen des Kinderhilfswerkes sind Wasser und Sanitäres, Gesundheit und Bildung.

Profitieren sollen unversorgte Familien wie die von Hossein (37), der in demselben Lager wie Khaled und Anna lebt — mit seiner Frau Nofa (34) und den fünf Kindern Faraj (15), Haraa (11), Fatima (10), Ezzedine (6) und Nour El Houda (1). Der einstige Landwirt hat die Tage nicht gezählt, aber das Datum seiner Ankunft in dieser trostlosen, feuchten Unterkunft neben einer Bachkloake ist ihm sofort präsent: 27. Juli 2014.

Die Familie kommt aus Hamma, nahe der zerstörten Metropole Homs. Immer stärker wurde die Gegend zum Ziel von Assads Fassbomben, Hals über Kopf verließen sie Haus und Hof und fanden eine neue Bleibe bei Verwandten in Salamiyya, 45 Kilometer nordöstlich der alten Heimat. Doch dort tauchte der nächste Feind auf — die Terrormiliz IS. „So kam es, dass unsere neue Bleibe ebenfalls bombardiert wurde — durch den IS“, berichtet Hossein von diesem Alptraum.

„Mein Großvater und mein Onkel starben bei dem Angriff. Ich habe meine Frau und die Kinder ins Auto gesetzt und bin in den Libanon geflohen. Ich war traumatisiert, hatte große Angst, dass meine ganze Familie getötet wird. Wir gehören einer kleinen Religionsgemeinschaft an, den Ismaelis. Der IS wollte mich gezielt töten“, sagt Hossein.

Auch hier fühlt er sich nicht sicher: „Die IS-Leute hatten meine Telefonnummer. Sie haben mich angerufen und bedroht. Ich habe mir eine neue Nummer besorgt, aber ich weiß, dass sie mich weiter suchen.“ Natürlich räumt Hossein ein: „Am liebsten würde ich nach Europa flüchten, um in Sicherheit zu leben. Die Kinder sollen zur Schule gehen, sie haben alle große Träume. Hier können wir sie nicht verwirklichen.“

So geht es vielen Flüchtlingen, die von Deutschland oder Europa träumen. Sie wollen, aber können nicht weiter. Sie stecken fest in der Sackgasse des Libanon, es gibt kein Zurück, und der Schritt nach vorne führt übers Mittelmeer.

Damit abgefunden hat sich Ahmad Suweid (31), den wir in Tripoli mit seinem Moped treffen, auf dem er mit heißem Mokka und Plastiktassen unterwegs ist. „Von dem Verkauf kann ich gerade einmal das Nötigste für meine Familie besorgen, aber keinen Dollar sparen.“ Der Vater von vier Kindern zählt zu den legalen Flüchtlingen im Land, die immerhin arbeiten dürfen.

Anders als Amal Hussein Khalef (33), Mutter von neun Kindern, deren Mann seit drei Jahren im heimischen Aleppo verschwunden ist. Die Familie schleppte sich mit letzten Kräften über die Grenze hierher nach Akkar, wo sie illegal in einer Lager-Behausung untergekommen ist. „Doua arbeitet manchmal in der Landwirtschaft, Mohammed hilft ihr dabei, sonst könnten wir nicht überleben“, berichtet die Mutter über die 13-jährige Tochter und den sechsjährigen Sohn. Und die Zukunft? Amal zuckt die Schultern — und lächelt bitter: „Ich habe zwar Hoffnung, aber keinen Grund dafür.“