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Beirut: Unicef-Aktion: Ein langer Weg zurück in die Kindheit

Beirut : Unicef-Aktion: Ein langer Weg zurück in die Kindheit

Es ist einer jener Tage, die im Libanon Endzeitstimmung verbreiten. Hinter der syrischen Grenze steigt Rauch über der umkämpften Stadt Zabadani auf. Das Staatsfernsehen wie auch der Sender der Hisbollah-Miliz vermelden, dass „dutzende Terroristen getötet oder verwundet“ wurden. An den schwer bewachten Checkpoints ist die Anspannung spürbar hoch.

Derweil reißt hier, im benachbarten Saadnayel auf libanesischem Boden, heftiger Regen Müllberge mit sich. Seit Schließung der alten Deponie im Juli dieses Jahres türmen sich die Müllberge an den Straßenrändern.

Auch das gehört zur Krise: Viele junge Mädchen werden aus purer Not verheiratet. Für ihre Familien ist Brautgeld eine verlockende Einnahmequelle.

In diesem Umfeld begegnen wir einem Mädchen, das dem Krieg in Syrien ein Gesicht gibt: Sie heißt Amira, ist sieben Jahre alt und eines von 800.000 Flüchtlingskindern im Libanon. Vor einem halben Jahr begegnete Paula Harika dem Kind erstmals im sozialtherapeutischen Zentrum Beyond, das von Unicef unterstützt wird.

Therapeutisches Malen: Mit Zettel und Stift verarbeitet die siebenjährige Amira die erlebte Gewalt.

Die Ärztin erinnert sich an ihre erste Begegnung mit Amira: „Sie saß in einem Rollstuhl, sie hatte den Krieg gesehen.“ Amira sah in ihrem noch kurzen Leben mehr als viele Erwachsene in ihrem ganzen Leben. So musste sie etwa aus nächster Nähe den tödlichen Unfall ihres Vaters mit ansehen. Der Onkel übernahm dessen Beschützerrolle — und starb ein halbes Jahr später bei einem Bombenangriff. Auch diesen Anblick trägt das Mädchen in sich.

Flucht in die Bekaa-Ebene

Mit ihrer Mutter, dem elfjährigen Bruder und anderen Familienmitgliedern war Amira monatelang immer weiter vor dem Krieg in Syrien geflohen — vom umkämpften Homs über Al Koseir bis in den Libanon in die Stadt Arsal. Als auch dort die Gewalt um sich griff, retteten sie sich weiter in die Bekaa-Ebene. Dort hatten schon andere Menschen Zuflucht gesucht. Das landwirtschaftlich geprägte Gebiet bietet viele Möglichkeiten der Selbstversorgung.

„So viele dieser Kinder kennen nur noch Angst und Tod, sie haben keinerlei Vertrauen mehr, wollen nichts an sich heranlassen“, sagt Harika. Doch Amira fand mit Hilfe des von Unicef geförderten Projekts einen Weg zurück in ihre Kindheit. Auch den Rollstuhl konnte sie irgendwann hinter sich lassen. „Wir haben mit Malen angefangen, da konnte sie ihren Gewalterfahrungen Ausdruck verleihen und sie ein Stück weit verarbeiten“, beschreibt die Ärztin den Therapieansatz.

Der Wille zur Bewegung, zum Ausdruck, Tanzen, zum Schauspielern, all das folgte nach und nach, behutsam angeleitet von Pädagogen. „Ich tanze besonders gerne indisch und Macarena“, erzählt Amira schüchtern, aber stolz. Sie lebt inzwischen mit ihrem Bruder bei der verwitweten Tante. Ihre Mutter fand weiter entfernt Arbeit als Rosenpflückerin. Jeden zweiten Tag fährt ein Nachbar Amira zu ihrer Mutter, damit die beiden Zeit miteinander verbringen können.

Den Libanon zu verlassen, auf den Gedanken käme Amiras Familie nicht — allein schon aus finanziellen Gründen. Die Flucht nach Europa würde für drei Personen inklusive Schleuser rund 7500 Dollar kosten.

Andere Familien nehmen das Risiko und die Kosten mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf sich. Amira musste sich jüngst von ihrer Freundin Taimaa verabschieden. „Mein Vater will, dass ich mit Mama und meinen Geschwistern von Tripoli in die Türkei gehe“, erzählte die 13-jährige Taimaa ihren Freundinnen. „Wir sind noch dreimal beim Vater gewesen, um das zu verhindern“, berichtet Beyond-Pädagogin Maria Assi — vergeblich. „Das Familienoberhaupt selber ist hier geblieben, um nahe der Heimat zu sein. Aber für seine Frau und die Kinder ist ihm die Lage hier zu unsicher und perspektivlos“, erzählt Assi und zuckt mit den Achseln.

Das Foto der winkenden, allein davongehenden Taimaa mit weißem Kopftuch, rotem Pullunder und einer blauen Tasche in der linken Hand hängt in einem der Zelte des Beyond-Kinderschutzprojektes. Nicht weit davon entfernt entdecken wir die Zeichnung eines zehnjährigen Mädchens. Die Zeichnung zeigt, wie sich das Mädchen eine Bootsfahrt durch das tosende Mittelmeer vorstellt: Menschen wirbeln auf offener See über einem hölzernen Kahn herum, fallen ins Wasser und ertrinken. Links neben dem Kahn ist das offene Maul eines Haifisches zu sehen, neben dem bereits die Flossen der nächsten Angreifer erkennbar sind.

Wir verlassen schweigend das „Kreativ-Zentrum“ von Beyond und Unicef. Das letzte Winken von Taimaa wirkt nach. Eine unbeschwerte Kindheit ist in Syrien kaum denkbar. Die Vereinten Nationen sprechen von der „größten humanitären Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“.

Auch Kinderhochzeiten gehören zu dieser Krise. Immer wieder werden Mädchen aus purer Not früh verheiratet. Im Libanon sind dies Tausende. Die 14-jährige Mada (Name von der Redaktion geändert) aus Aleppo ist eines von ihnen. Vor zweieinhalb Jahren ist das zierliche Mädchen mit ihrer achtköpfigen Familie in die Bekaa-Ebene geflohen.

Ihre Eltern hatten keine gültigen Papiere. Als Mada das Angebot bekam, zu heiraten, hat sie sich blindlings darauf eingelassen. Mada wollte ihre Eltern mit der Heirat glücklich machen. Sie brachte dem Vater zwei Millionen Libanesische Pfund ein, das entspricht etwa 1200 Euro. Für ihre Eltern bedeutete dies viel Geld — und für Mada ein Martyrium. Der Ehemann fuhr mit ihr in seinen Wohnort, weit ab in den Bergen.

Vergewaltigt, geschlagen, gequält

„Wenn der Mann nach Hause kam, hat er mich vergewaltigt, geschlagen und seelisch gequält“, berichtete Mada der deutschen Unicef-Mitarbeiterin Claudia Berger, der sie sich vorsichtig anvertraute. Irgendwann gelang es Mada, an ein Telefon zu gelangen und ihre Mutter zu verständigen. Mit Hilfe von Unicef wurde das Mädchen nach Hause gebracht. Ihr Ehemann ließ sich davon überzeugen, dass Mädchen freizulassen. Der Vater zahlte das Brautgeld zurück, und Mada hat heute eine Perspektive: Sie wird von Beyond zur Erzieherin ausgebildet. Es ist ein glückliches Ende, wie es leider selten zu finden ist.

Die meisten Kinderbräute sind zwischen 13 und 17 Jahre alt. Nach Angaben von Unicef wurden aber auch neunjährige Mädchen verheiratet. Das Geld für den Vater des Mädchens — umgerechnet zwischen 1000 und 2000 Euro — ist für viele Familien verlockend. Der Armutsdruck erzeugt bei Eltern auch die Vorstellung, ihre Töchter mit einer Freigabe für einen Mann sogar „versorgt“ zu haben — und das mit geringem Aufwand. Im Libanon genügt die Zustimmung eines islamischen Geistlichen für die Eheschließung.

Am Abend nach unserem Besuch des von Unicef unterstützten sozialtherapeutischen Zentrums Beyond kehren wir zurück nach Beirut, jener zugemüllten Millionen-Metropole, die Tag für Tag ein schwer durchschaubares Eigenleben entfaltet. Auf der Hauptgeschäftsader Hamra Street treffen sich Vertreter der globalen Geschäftswelt mit hippen Einheimischen aus der Oberschicht des Libanon. Den oberen zehn Prozent gehört fast das ganze Land. Die Reichen flanieren zwischen Hotels, Restaurants, Kinos, Juwelierläden, Bordellen und Fast-Food-Ketten.

Doch auch Flüchtlingsfrauen- und -kinder finden sich hier. Sie kommen überwiegend aus Syrien und betteln inmitten der Geschäftsleute. Es ist ein grotesker Kontrast. Man sieht ausgelaugte Gesichter. Um sie herum blitzt der Lack von Cabrios im Licht der Geschäfte und Bars — eine bizarre Kulisse für Überlebenskämpfe. „Please, please, please,“, läuft mir ein etwa achtjähriger Junge hinterher.

Auf offener Straße ein Portemonnaie zu zücken ist in Beirut genauso riskant wie aus einer Hosentasche einen Geldschein zu ziehen. Das eine beobachten die Trickdiebe, das andere die Straßenkinder. Einheimische legen sich deshalb Strategien zurecht. Matthias Liermann, Professor an der US-Universität in Beirut, hat beispielsweise immer etliche Trinktütchen dabei. „Wenn die Kinder im Autostau von draußen ans Fenster klopfen, habe ich immer ein Tütchen greifbar.“