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Tripoli: Unicef-Aktion: Ein Besuch bei Flüchtlingen in Tripoli

Tripoli : Unicef-Aktion: Ein Besuch bei Flüchtlingen in Tripoli

Es sind die letzten Stunden, in denen Samaa Saoudi (31) ihr Baby im Arm hält. Er hat noch keinen Pass, deshalb muss Khitam zurückbleiben, hier in der grellen Mittagssonne am Beginn der Sicherheitszone des streng kontrollierten Hafens von Tripoli, wo die libanesische Regierung Polizei, Armee und Geheimdienste postiert hat. Ihre Aufgabe: Das Abfangen illegaler Flüchtlinge — und ausreisender Terroristen.

Wir sitzen an einem Kiosk auf Plastikstühlen, gleich an einer 600 Meter langen, mit Stacheldraht bewehrten Mauer, nur 50 Meter entfernt von der Kontrollstelle zum Hafenkai. An uns vorbei führt eine vielbefahrene Ausfallstraße der Küstenmetropole. Unsere Stimmen sind angesichts des Verkehrslärms und der Rufe eines Muezzins kaum zu hören.

Das letzte Familienfoto vor der Trennung: Baby Khitam besitzt keinen Pass für die Flucht über die Türkei nach Deutschland. Mutter Samaa (links) muss es zurücklassen. Samaas Cousine Nur (rechts) will sich um den Jungen kümmern.

Die 24-jährige Nur begleitet ihre Cousine Samaa in der schwersten Stunde ihres Lebens als Mutter, sie wird den zehn Monate alten Jungen übernehmen, wenn später das Schiff ins türkische Mersin ablegt. Der nahende Abschied von ihrem Baby schnürt Samaa die Stimme zu — an ihrer Entschlossenheit ändert das nichts: „Hier haben wir keine Chance. Ich muss meine anderen fünf Kinder in Sicherheit bringen“, sagt die Frau mit dem schwarzen Kopftuch.

Skeptisch blickt Fatida in ihrer neuen Heimat in die Kamera, der kleine Bruder versteckt sich hinter ihr. Die Kinder kommen aus der 20 Kilometer entfernten, schwer zerstörten syrischen Stadt Homs.

Das endgültige Aus

Geflügel, Müll und eine Wäscheleine: Blick ins Innere eines der rund 1900 trostlosen Lager im Libanon.

Ayat (14), Novana (10), Batoul (9), Sondous (6) und Mays (4) hören ihr mit leeren Blicken zu. Sie alle sind aus der südsyrischen Rebellenhochburg Daraa geflohen, wo der Krieg — gerade so, als ob der Schrecken noch gesteigert werden müsste — von einer langjährigen Dürre begleitet wurde. Das endgültige Aus in der alten Heimat folgte für die Familie vor zwei Jahren, als die Fassbomben des Präsidenten und Massenmörders Baschar al-Assad auch ihr Haus trafen.

1000 US-Dollar hat Samaa nach monatelanger Flucht im eigenen Land und über die Grenze des Libanon für die Tickets der Familie bezahlt, ihr letztes Hab und Gut dafür verkauft — darunter sogar ihr Smartphone. „Mein Mann Farid und unser Sohn Laed sind schon vor drei Monaten los, sie haben Deutschland erreicht“, erzählt sie. Farid war ein gut bezahlter, leitender Angestellter bei einem Unternehmen, Samaa kümmerte sich um die Kinder und den großen Garten. Eine ganz normale Familie im syrischen Mittelstand. Das war einmal.

Die letzten Minuten mit dem Sohn

Warum sind Vater und Sohn so viel früher gegangen, fragen wir Samaa. „Wir hatten das Geld noch nicht zusammen. Und Lead hatte durch die Bombardierung schwere Verbrennungen erlitten, er musste dringend behandelt werden.“ In welcher Stadt sind die beiden in Deutschland gelandet? „Weiß ich nicht. Aber sie haben ein sicheres Haus gefunden.“ Wie wollen Sie ihnen folgen? „Tickets für die Türkei habe ich. Dann mit dem Boot nach Lesbos, dafür brauchen wir einen Schleuser, und schließlich zu Fuß weiter.“ Mit dem Boot? Das ist gefährlich, vor allem im November. Achselzucken bei Samaa. Fatalistisch antwortet sie: „Wenn es passiert, dann passiert es. Hier im Libanon sterben wir auch — nur langsamer.“ Wie viel Geld haben Sie dabei? „50 Dollar.“ Damit kommt man nicht weit. „Erst einmal müssen wir weg von hier.“

Die letzten Minuten mit ihrem Baby verrinnen. Der Gestank der Abgase und des 20 Meter hohen Müllbergs auf der anderen Straßenseite sticht uns in die Nase. Der Muezzin hat seinen Gebetsaufruf beendet. Wir schweigen. Die Kinder nuckeln am Strohhalm ihrer Trinkpäckchen, sie wirken verstört, verängstigt, Ayats Blick geht ins Leere. Samaa krempelt wortlos das Hemdchen ihres Babys hoch und zeigt uns seine Haut, die voller kleiner Wunden ist. „Sehen Sie diese Bisswunden auf dem Rücken?“, sagt sie. „Die zwei da? Das waren Ratten“, berichtet die Mutter von der vergangenen Nacht in einem Trümmergrundstück.

Das Gespräch wird von einem Polizisten unterbrochen, der wissen will, wer wir sind und was wir tun. Er nimmt die Pässe an sich und „bittet“ zur Kontrolle aufs Hafenrevier. Knapp zwei Stunden dauert das undurchschaubare Prozedere mit etlichen Telefonaten und Kopien von Ausweisen und Arbeitslegitimationen — danach haben wir Samaa und ihre Familie aus den Augen verloren. Das Schiff ins Ungewisse hatte abgelegt.

Die Lage im Libanon, viermal kleiner als die Schweiz, ist äußerst angespannt. Begrenzt vom in dieser Jahreszeit stürmischen Mittelmeer im Westen, der syrischen Grenze im Nordosten und der israelischen im Süden, bietet diese kleine Region den 1,5 Millionen Flüchtlingen nur scheinbar die Gelegenheit, ein wenig durchzuatmen. Insgesamt gleicht der Libanon einer Falle, aus der es kein Entkommen gibt. „Wir haben hier keine Chance“, sagt Samaa. „Uns will hier keiner.“

In der Tat lässt die Regierung ihre ungebetenen Gäste allein. Sie gibt ihnen keinerlei Sozialleistungen. Sie verbietet große Camps mit Versorgungsstrukturen, und sie lenkt die Flüchtlingsströme zu Verwandten in Wohnungen, Neubauruinen oder in knapp 1900 sogenannte „informal settlements“, Ansammlungen von jeweils bis zu 40 Baracken oder Zelten auf privatem Grund und Boden. Dort leben können sie zudem ohnehin nur gegen eine Mietzahlung an einen „Sawish“, einen vom Eigentümer ernannten „Bürgermeister“. Die klein parzellierte Verteilung der Flüchtlinge macht es Hilfsorganisationen wie Unicef zusätzlich schwer: „Logistisch ist dies eine Riesenherausforderung. Und natürlich ist uns klar, dass wir so nicht alle Kinder erreichen können“, sagt Luciano Calestini, Deputy beim Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen im Libanon.

Sozialer und politischer Sprengstoff

Hintergrund der Regierungsvorgabe: Beirut befürchtet eine dauerhafte Niederlassung der Syrer im eigenen Land, wie es die Palästinenser vor 60 Jahren schafften — die heute unter ärmlichsten Bedingungen so festsitzen, dass sie als Staat im Staate gelten. Was auch für die schiitische Hisbollah-Miliz gilt, die an der Seite des Iran Assad unterstützt und es sogar in die Regierung des sunnitischen Ministerpräsidenten Tammam Salam geschafft hat. Zudem bewegt die Libanesen die nachvollziehbare Frage: Zu welchen weiteren Folgen wird dieses Verhältnis von einem Flüchtling auf drei Einwohner führen?

In der Sackgasse

Die sozialen und politischen Spannungen nehmen zu auf der 1000 Meter hohen Bekaa-Ebene, auf der sich die meisten Flüchtlinge niedergelassen haben. Das fruchtbare Plateau durchzieht das nur 165 Kilometer lange und 85 Kilometer breite Land sattelförmig von Nord bis Süd, ist geprägt von Landwirtschaft und bietet Arbeitsmöglichkeiten, stets grenznah zu Syrien, immer wieder unterbrochen von Gebirgszügen, in denen Zehntausende Vertriebene in diesen Tagen den Winter erwarten: „Schnee und Schlamm blockieren die Straßen. Dabei brauchen die Flüchtlinge in den Bergen täglich Zugang zu Medizin, und sie müssen Benzin für die Öfen erhalten“, so Unicef-Sprecher Salam Abdulmunem.

Das Kinderhilfswerk verteilt in diesen Tagen Winterpakete im Wert von jeweils 40 Euro. Nur die UN und Hilfsorganisationen fühlen sich für das Überleben der entwurzelten Syrer im Libanon verantwortlich, 13 Dollar zahlen die Vereinten Nationen derzeit pro Flüchtling im Monat aus — für bis zu fünf Personen in den Familien. Auf unserer Fahrt durch die Bekaa-Ebene begegnen wir zahlreichen Familien, die bei ihrer Flucht in eine Sackgasse geraten sind.

„Am schlimmsten ist es, so nutzlos den ganzen Tag die Zeit totzuschlagen und nichts machen zu können“, sagt der 39-jährige Khaled Mohammed, Oberhaupt einer siebenköpfigen Familie — ein Mann wie ein Baum. Doch Selbsthilfe ist nur durch Kinderarbeit möglich. Die Männer, traditionell die Ernährer der Familie, fühlen sich ohnmächtig und gedemütigt. Die meisten von ihnen dürfen nicht arbeiten. Denn in der libanesischen Bevölkerung war es zu sozialen Unruhen gekommen, weil sich die Vertriebenen auch mit zwei Dollar Lohn pro Stunde begnügen — landesüblich sind fünf.

Samaas Worte „hier sterben wir nur langsamer“ klingen nach. Immer wieder denken wir an sie und ihre Kinder, an Ayat, Novana, Batoul, Sondous und Mays. Auch an den kleinen Khitam und seinen von Ratten malträtierten Rücken. Eine Woche nach unserer Begegnung am Hafen von Tripoli berichten die Medien über zehn ertrunkene syrische Flüchtlingskinder bei Lesbos. Ihre Namen sind nicht überliefert.