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Unicef-Aktion „Nie wieder Moria“: Samira hat das Lachen fast verlernt

Unicef-Aktion „Nie wieder Moria“ : Samira hat das Lachen fast verlernt

Ein Gespräch mit einer Achtjährigen aus Afghanistan. Statt in die Schule zu gehen durchlitt sie eine jahrelange Flucht und Todesängste auf einem Schleuserboot im Mittelmeer.

Ihre hellen Augen wirken fast verzaubernd, der Körper zerbrechlich, der Pferdeschwanz verspielt, die Ohrringe mädchenhaft. Aber ein Lachen huscht diesem Kind selten übers Gesicht. Und dafür hat die achtjährige Samira viele Gründe, allem voran Verlust- und Todesängste, „die ein Mädchen in diesem Alter vielleicht nie verarbeiten wird“, sagt Judith Wunderlich-Antoniou, Leiterin des „Elix Learning Center“, das unsere Zeitung mit Unicef unterstützt.

In dessen vierter Etage mitten in Athen lernen 300 geflüchtete Kinder überwiegend aus Afghanistan, Irak, Iran, Bangladesch und Syrien Griechisch, Englisch, Mathematik, Chemie oder Naturwissenschaften. Hier begegnen wir Samira. In diesem geschützten Raum erzählt sie uns mit ihrer Mutter Bib Najia (29) von ihrem jungen Leben, das ihr Kinderlachen erstickt hat. Sechs Jahre wächst sie in der afghanischen Hauptstadt Kabul auf, „es ging uns dort eigentlich gut, mein Mann hat gut verdient“, berichtet Bib, die auch Samir (8) mitgebracht hat, Samiras Zwillingsbruder, sowie den älteren Sohn Muyib (11) und den kleinen Muir (10 Monate alt).

Es war 2018, als die Familie einen hohen Preis für den Job des Vaters zahlen musste: „Er hat für die US-Soldaten in Kabul als Maler die Militärbasen von innen gestrichen, manchmal auch deren Privathäuser in Kandahar von außen“, erzählt Bib Najia. Die Repressalien und Drohungen der Taliban wurden immer schlimmer. Schließlich misshandelten sie ihn so, dass er an den Folgen bis heute leidet und sein rechtes Ohr taub ist. „Uns blieb nur die Flucht“, sagt Bib, zumal sich die Amerikaner für die Familie nicht verantwortlich fühlten.

Letzter Ausweg: Lesbos

Erste Station war der Iran, erzählt Samira. Ein Leben in Notunterkunft ohne Arbeit und Schule. Nach einem halben Jahr war die Verzweiflung so groß, dass dem Vater die Schleuserfahrt in die Türkei 1000 Euro pro Person Wert waren – insgesamt 5000 Euro.

Noch ahnte niemand von ihnen, dass dies der Preis für das nächste Martyrium war. „Meine Tante haben wir damals verloren“, berichtet Samira. Sie müsse viel an sie denken: „Ich mache mir so große Sorgen.“ Am Bosporus fasste die Familie keinen Fuß, „wir wurden nicht akzeptiert“, sagt die Mutter. Letzter Ausweg: Lesbos, der Hotspot gescheiterter EU-Flüchtlingspolitik. Weitere 800 Euro pro Kopf waren jetzt für den nächtlichen Schleusertransfer nach Griechenland fällig – insgesamt 4000 Euro. Die siebenstündige Überfahrt wurde zu einem Alptraum für 77 Menschen, die ihr Leben riskierten – in Finsternis, bei schwerer See und in Angst vor den griechischen Grenz-Patrouillen, die auch vor „Push backs“, dem Abdrängen, zuweilen nicht zurückscheuen. Mit leiser Stimme und spürbar auf sich konzentriert lässt Samira diese traumatischen Bilder wieder zu: „Das Boot riss in der Mitte auf. Ganz viel Wasser kam rein. Die Menschen schrien. Die Schleuser schmissen unser gesamtes Gepäck, sogar die Mobiltelefone, ins Meer. Ich hatte große Angst, und es war sehr dunkel und kalt.“

Die Odyssee endete – in Moria, geplant für 2800 Menschen. Tatsächlich zusammen gepfercht mit bis zu 20.000 Insassen. „Es war schlimm, viel Gewalt, keine Elektrizität, keine Heizung, zu wenig Wasser“, berichtet die Mutter. Eine Nacht habe man vor Kälte im Zelt Feuer gemacht. „Dabei bin ich ohnmächtig geworden“, sagt Samira. Eine Woche musste sie ins stets überfüllte Krankenhaus der Hafenstadt Mytillini. Auf Umwegen gelang der Weg zum Festland, nach Athen, wo das UNHCR die Familie mit 450 Euro monatlich unterstützt. In einer kleinen Wohnung wohnt sie zusammen mit einer anderen Familie. Das Interview zum Asylantrag wurde vor eineinhalb Jahren geführt. „Seitdem haben wir nie mehr etwas gehört“, erzählt Mutter Bib.

„Mein größter Wunsch ist es, zur Schule zu gehen“, sagt Samira, die eine starke Präsenz ausstrahlt. Judith Wunderlich lobt ihr „großes Potential“, viele Kinder würden nach solch traumatischen Bootsfahrten mit Aggression, Depression bis zu Selbstverletzungen reagieren: „Da bietet unser Zentrum ihnen Sicherheit, Freundschaft, Gespräche und Aufmerksamkeit.“ In Samiras Fall mit großem Erfolg. 

Die Kleine ordnet am Ende des Gespräches ihren Pferdeschwanz und schenkt uns ein verstecktes Lächeln. Nach und nach wird sie zutraulich – und erzählt von ihrer Puppe Setayesh mit den gelben Haaren. Die sei ihre Vertraute. „Manchmal spielen wir auch Asylinterview“, verrät Samira. Dann stellt sie eine Szene nach. Und fragt die Puppe: „Hast du Gründe zu fliehen?“