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Unicef-Aktion „Nie wieder Moria“: „Ohne Sicherheit ist alles nichts“

Unicef-Aktion „Nie wieder Moria“ : „Ohne Sicherheit ist alles nichts“

Nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria harrt Hussein Hiwaza mit seiner Familie jetzt im neuen Camp-Zelt auf Lesbos aus. Es fließen viele Tränen – und die Zeit drängt.

In den 1070 hellen Zelten des neuen Flüchtlingslagers Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos staut sich die Mittagshitze, und in Zelt Nr. 289 der ganze Frust der einjährigen Aisha. Ihre ältere Schwester Nor (3) mag das Blatt Papier nicht herausrücken, auf dem sie gerade malt. Die Kleine will es haben, zerrt daran, Nor zerrt zurück, Aisha zetert und weint, Nor stößt sie, da zerreißt das Papier. Das Kinderdrama ist perfekt, beide vergießen Tränen und beschweren sich bei den Eltern.

Doch die sind gerade mitten im Interview mit Unicef-Mitarbeiterin Claudia Berger und dem Reporter unserer Zeitung. Die Eltern Hussein Hiwaza und Yamaia Elgatif werfen ihren Kindern strafende Blicke zu, denn der 27-jährige Familienvater zeigt uns gerade auf dem Smartphone Videoaufnahmen seines zerstörten Elternhauses im syrischen Heimatort Dir Alzor. Auch er weint. Sein Klagen scheint jede Ritze des Zeltes zu erfassen – ein Schluchzen purer Verzweiflung: „Alles kaputt, alles kaputt“, sagt Hussein.

Momentaufnahme des Lebens junger Menschen im „Wartesaal Europas“ auf den griechischen Inseln, wo rund 40.000 Migranten ausharren, darunter ein Drittel Kinder. Hussein Hiwaza erzählt von seinem extremen Druck: „Ich bin geflüchtet mit dem Versprechen, mich um meine Eltern und meine Schwester zu kümmern. Das kann ich nicht mit 290 Euro, die wir pro Monat vom UNHCR im Lager bekommen. Ich muss hier raus. Ich werde so lange weiterziehen, bis ich Geld verdienen kann.“

Unicef-Reporter im Gespräch

Im eigenen Land war die Stadt Idlib, letzte Domäne der syrischen Rebellen, die erste Fluchtstation. Die Türkei war die zweite, aber nirgendwo fand Hussein Arbeit. Ehefrau Yamaia wurde erneut schwanger, Tochter Aisha ist auf der Flucht ein Jahr alt geworden. „Wir wollten eigentlich gar nicht nach Europa“, beteuert Hussein. Aber dann kam sie doch – die letzte Hoffnung.

Die Überfahrt nach Lesbos kostete die Familie 5000 Euro. Es folgten sieben Monate Überlebenskampf in Moria, dann der Brand, jetzt das Leben im neue Lager Kara Tepe – auf etwa sieben Quadratmeter in einer Zelthälfte.  Der Asylantrag ist gestellt, der Ausgang offen. Die Bearbeitung kann bis zu zwei Jahre dauern.

„Ich hatte keine Ahnung von dem, was mich hier erwartet. Oder ich wollte es nicht wahrhaben“, flüstert der Vater fast schamhaft. Hussein hatte einen festen Job als Fabrikarbeiter, mit den Eltern wohnten sie unter einem Dach: „Dann aber wurde die Situation in unserem Ort, der direkt an der irakischen Grenze liegt, immer gefährlicher. Da mischen so viele Leute mit, Russen, Iraner, Söldner aus aller Welt, völlig unkontrollierbar“, berichtet er. Einmal sei die gesamte Familie einem Kugelhagel ausgesetzt gewesen. Husseins Todesangst um Frau und Kinder wurde stärker als seine Liebe zur Heimat. „Ohne Sicherheit ist alles nichts“, sagt der Vater.

Zur Finanzierung der Schleuserkosten musste er ein Grundstück verkaufen. „Fast verschleudern, für nur 4000 Euro“, berichtet der junge Mann: „Meine Familie zu Hause hat kaum noch Geld, um einfache Dinge wie Mehl und Zucker zu bezahlen.“

Die Zeit ist verronnen. Die Besucher erheben sich von den ausgelegten Decken, ziehen ihre Schuhe wieder an und verabschieden sich mit einem mulmigen Gefühl. Hussein greift beim Aufstehen intuitiv zu seinem Smartphone. Es wirkt wie seine dritte Hand.

Das Handy ist für jeden Migranten ein absolutes Muss. „Das erste Geld, das Flüchtlinge bekommen, geben sie dafür aus“, weiß Judith Wunderlich-Antoniou, Leiterin des Lerninstituts Elix, das in Athen und jetzt auch auf Lesbos Hunderte Kinder ausbildet, die im staatlichen Schulsystem keinen Platz finden. Nicht nur der Kontakt nach Hause macht das Smartphone für diese Menschen so unentbehrlich. „Über WhatsApp-Gruppen können sie sich auch selber organisieren und informieren“, weiß die Pädagogin.

Als etwa 406 unbegleitete Kinder nach dem Brand in Moria nach Thessaloniki transferiert werden sollten, „haben sie diese Information in Windeseile digital erfahren und in Gruppen einen gemeinsamen Treffpunkt vereinbart“, erzählt Unicef-Mitarbeiter Antonius Alexandridis.

Kehrseite des Wertes eines Smartphones in einem Flüchtlingslager ist die kriminelle Energie, die das Gerät anzieht. Nur ein Beispiel ist das Erlebnis des jungen Syrers Ouasim Alahmad, dem in Moria ein Zeltnachbar mit Gewalt das Handy abnahm und ihn anschließend um 200 Euro erpresste. Wie er das Geld zusammengebracht hat, mag Ouasim nicht erzählen – aber er hat es geschafft. Wochen ist das her. „Aber auch im neuen Lager muss ich dem Typen ständig noch begegnen“, erzählt er.

Für Ouasim ist das Handy besonders existenziell. Er ist allein auf der Flucht. Sein Vater wurde vom IS erschossen. Mit der Mutter, die unweit von Damaskus lebt, steht er in Kontakt – täglich. Ihre Stimme ist ihm ein Stück weit Zuhause.