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Unicef-Spendenaktion: Große Fortschritte und drängende Probleme in malawischen Schulen

Unicef-Spendenaktion : Große Fortschritte und drängende Probleme in malawischen Schulen

Seit vielen Jahren investiert das Kinderhilfswerk Unicef in die Bildung der knapp neun Millionen Kinder in Malawi. Vieles hat sich zum Positiven verändert, doch noch immer gibt es große Probleme an den Schulen: vor allem die Rate der Schulabbrecher gilt es zu senken.

„Die Corona-Zeit war sehr schlimm. Ich hatte große Angst, dass ich meine schulischen Ziele nicht erreichen würde”, sagt Chimwemwe Yunus, während sie in ihrer blau-gelben Uniform auf dem staubigen Boden der Mchoka Grundschule in Salima sitzt. Die Zwölfjährige konnte acht Monate lang die Schule nicht besuchen. Dabei liebt sie das Lernen genauso wie das Gärtnern. Chimwemwe steht auf und zeigt uns den Schulgarten, den sie mit Mitschülern pflegt.

Jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn füllen sie eine Gießkanne nach der anderen, um Tomaten, Kohl, Kürbisse und vieles mehr zu bewässern. Ein Garten als Aushängeschild für eine Schule - das klingt für Menschen der westlichen Welt zunächst vielleicht  profan. Doch im heißen und trockenen Malawi, wo Wasser eines der kostbarsten Güter und Mangelernährung ein riesiges Problem ist, ist ein Schulgarten alles andere als gewöhnlich. Im Gegenteil: Er ist für viele Schüler ein Grund, überhaupt regelmäßig zu kommen.

Wenige Schritte weiter hängen die Wände im Gebäude des Schulleiters bis oben voll mit handgeschriebenen Plakaten, die das Schulleben dokumentieren. Wie viele Schülerinnen und Schüler besuchen die Schule? Wie viele Lehrer sind hier angestellt? Welche Vision gibt es, welche wurden schon erreicht? Und vor allem: Wie hat sich die Zahl der Schulabbrecher entwickelt? Diese letzte Zahl auf dem Plakat ist besonders relevant. Hier an der Mchoka Grundschule ist sie rückläufig, und das ist eine gute Entwicklung.

 Chimwemwe Yunus hat bei ihrer Arbeit im Schulgarten viel gelernt. Auch bei ihrer Familie baut sie mittlerweile Gemüse an.
Chimwemwe Yunus hat bei ihrer Arbeit im Schulgarten viel gelernt. Auch bei ihrer Familie baut sie mittlerweile Gemüse an. Foto: Thoko Chikondi

Klara Chindime ist Bildungsexpertin von Unicef und kennt die Problematik: „Fast ein Drittel aller Erwachsenen in Malawi kann nicht lesen und schreiben.” Sie können der Spirale der Armut kaum entkommen. Deshalb hat Unicef jahrzehntelang einen großen Fokus auf das Thema Bildung gesetzt, Schulen gebaut, Lehrer ausgebildet und Informationskampagnen für ein Umdenken in der Bevölkerung gestartet.

Zu viele Kinder brechen die Schule ab

Mittlerweile werden immerhin fast 90 Prozent aller Kinder eingeschult. Doch damit ist es nicht getan: „Denn mehr als die Hälfte von ihnen kommt nur sporadisch oder bricht die Grundschule ganz ab, weil ihre Familien oft in Armut leben und auch die Kinder (mit)arbeiten müssen, um Geld für Essen zu verdienen”, sagt Klara Chindime. In anderen Fällen seien es oft Mädchen, die plötzlich nicht mehr zur Schule gehen, weil sie schwanger werden oder als Kinder schon heiraten.

Die Herausforderungen für Schulen, die Schüler bis zum Abschluss zu führen, sind also enorm: Und der Kern der Probleme ist oft die Armut.

An der Mchoka-Schule läuft einiges anders: Immer wieder sieht man Kinder zu den Waschbecken flitzen, ihre Hände ausgiebig mit Seife waschen, die Teller vom Frühstück abspülen oder einen großen Schluck Wasser direkt vom Hahn trinken. Keine Selbstverständlichkeit, denn noch immer haben etwa 3,6 Millionen Mädchen und Jungen in Malawi nicht die Möglichkeit, sich in der Schule die Hände zu waschen.

Dass es hier anders ist, verdankt die Schule dem riesigen Solarpanel, das sich mitten auf dem Hof in Richtung Himmel streckt. Es ist Teil des Unicef-Projekts „WASH”, das malawische Schulen mit sauberem Wasser für Toiletten, zur Hygiene und zum Trinken versorgt.

Eine Solaranlage, die Wasser spendet

Die Idee ist simpel: Weil herkömmliche Handpumpen nur eine gewisse Tiefe erreichen, laufen sie in Dürrephasen oft trocken. Deshalb baut Unicef klimaresistente elektrische Pumpen, die in tiefere Erdschichten vordringen und das Wasser nach oben fördern. Das funktioniert mithilfe von Solarenergie. Das Wasser wird dann in einem Tank gespeichert, der sowohl angrenzende Gesundheitszentren als auch die Dorfbevölkerung mit Trinkwasser versorgt - so entsteht Konkurrenz. „Bevor Unicef die Grundschule unterstützte, gab es häufig Streit um Wasser. Die Gemeinde, das Gesundheitszentrum und die Schule haben sich den Zugang teilen müssen. Das war ein Dauerkonflikt“, erinnert sich der stellvertretende Direktor Levison Simba. „Dieses Problem ist nun gelöst.“

Insgesamt wurden so schon 157 Schulen mit der solarbasierten „WASH”-Infrastruktur ausgestattet – finanziert zu großen Teilen übrigens von Unicef-Geldern aus Deutschland.

Durch die autarke Wasserversorgung dank „WASH” ist die Mchoka-Grundschule auch eine von 106 „Living Schools“ in Malawi geworden: Zu den „lebendigen Schulen” gehört Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit, aber auch E-Learning und Mitbestimmung. 1000 Mangobäume wurden bereits gepflanzt, sie werden gepflegt und vor den hungrigen Ziegen geschützt. Ziel sei, dass die Schülerinnen und Schüler das Thema Umwelt anschaulich lernen.

 Der Schulgarten ist ein wichtiger Bestandteil einer „Living School“. An der Mchoka-Grundschule wird ein Teil der Ernte verkauft, um mit dem Erlös Schulmaterial zu finanzieren.
Der Schulgarten ist ein wichtiger Bestandteil einer „Living School“. An der Mchoka-Grundschule wird ein Teil der Ernte verkauft, um mit dem Erlös Schulmaterial zu finanzieren. Foto: Thoko Chikondi

Dazu gehört der Schulgarten, den Chimwemwe mit ihren Mitschülern pflegt. Auch er ist Teil der „Living School”. Zwei Mal pro Woche trifft sich die AG, gemeinsam besprechen die Schülerinnen und Schüler, wie sich die Pflanzen entwickeln und was sie als nächsten anbauen wollen. Denn sie haben eine große Verantwortung an der Schule: Teile der Ernte werden verkauft, um wiederum Schulmaterialien wie Flipcharts und Kreide anzuschaffen. Den anderen Teil des Gemüses verspeisen die Kinder morgens um 7.30 Uhr mit ihren Mitschülern.

Noch vor Schulbeginn bekommen die Kinder eine warme Mahlzeit, damit niemand hungrig lernen muss. Auch das Schulessen ist ein Grund, warum weniger Kinder die Schule abbrechen. Denn arme Familien schicken ihre Mädchen und Jungen manchmal schon allein für diese warme Mahlzeit zum Lernen. Dann ist zumindest ein Magen schon mal gefüllt.

Als dieses Angebot durch die Schulschließungen wegen der Pandemie wegfiel, wurde die Ernährungssituation für viele Familien deshalb wieder prekär. Doch nicht nur in Sachen Essen war Corona problematisch: Während des Lockdowns fielen auch andere Programme aus, zum Beispiel solche, die speziell auf die Förderung junger Mädchen zugeschnitten sind.

 Wasser zum Trinken und Händewaschen ist an Schulen in Malawi noch immer keine Selbstverständlichkeit. Unicef hat sich zum Ziel gesetzt, alle Schulen des Landes mit der „WASH“-Infrastruktur auszustatten.
Wasser zum Trinken und Händewaschen ist an Schulen in Malawi noch immer keine Selbstverständlichkeit. Unicef hat sich zum Ziel gesetzt, alle Schulen des Landes mit der „WASH“-Infrastruktur auszustatten. Foto: Thoko Chikondi

Mentorinnen für junge Mädchen

In der „Müttergruppe” treffen sich rund zehn erwachsene Frauen regelmäßig mit Schülerinnen, hören sich ihre Sorgen und Nöte an und motivieren sie, an sich und ihrer Zukunft zu arbeiten: „Lange Zeit dachten die Menschen hier, dass Lernen nichts für Mädchen ist, sondern nur für Jungs”, sagt Dunia Muli (45), die Leiterin der Müttergruppe. Sie zeigt uns eine Papp-Schablone, die die Frauen angefertigt haben. Damit werden selbstgenähte Binden konfektioniert, die die Mädchen geschenkt bekommen und wiederverwenden können. Das Thema Menstruationshygiene wird in Malawi vielfach noch tabuisiert, deshalb blieben viele Mädchen bislang während ihrer Periode dem Unterricht fern.

 Mehrere Frauen, die von der Dorfgemeinschaft ausgewählt werden, treffen sich im Rahmen der sogenannten Müttergruppe mit jungen Schülerinnen. Als Mentorinnen hören sie sich Sorgen und Nöten der Mädchen an und bestärken sie in ihren Zielen.
Mehrere Frauen, die von der Dorfgemeinschaft ausgewählt werden, treffen sich im Rahmen der sogenannten Müttergruppe mit jungen Schülerinnen. Als Mentorinnen hören sie sich Sorgen und Nöten der Mädchen an und bestärken sie in ihren Zielen. Foto: Thoko Chikondi

Regelmäßig zur Schule kommen - das setzt immer Vertrauen voraus. Und auch daran arbeitet die Schule. Über einen anonymen Kummerkasten können die Grundschüler von Mobbing berichten, aber auch von sexuellen Übergriffen oder Gewalt durch Lehrer. Die Fälle werden von den Pädagogen, Elternvertretern und auch einem Polizisten besprochen und im Sinne des Kinderschutzes je nach Schwere strafrechtlich verfolgt. „Die Schülerinnen und Schüler sollen wissen, dass sie und ihre Belange ernst genommen werden”, sagt Klara Chindime.

Fortschritte und Baustellen

Fließendes Wasser, ein Schulgarten, die Stärkung von Mädchen und ein Kummerkasten für den Kinderschutz - die Entwicklungen an der Mchoka-Grundschule sind vorbildhaft, das sieht man auf den ersten Blick. Aber auch hier gibt noch immer große Baustellen, wie wir feststellen. Aus einem Gebäude hört man hohe Kinderstimmen im Chor antworten, es ist der Unterricht einer dritten Klasse. 158 Schülerinnen und Schüler sitzen hier dicht an dicht gedrängt auf dem dreckigen Boden. Tische und Stühle sucht man vergebens, die Kinder schreiben auf ihrem Schoß.

 Klara Chindime arbeitet als Bildungsexpertin bei Unicef.
Klara Chindime arbeitet als Bildungsexpertin bei Unicef. Foto: Thoko Chikondi

Unicef-Mitarbeiterin Chindime hat spontan die Aufgabe der Lehrerin übernommen, die sich krankgemeldet hat. Sie steht in einem Meer aus Kindern, singt mit ihnen, tanzt und erzählt ein paar Witze. Die Kinder juchzen und grölen vor Freude. Dann stellt Klara Chindime ein paar inhaltliche Fragen und prompt schießen ungezählte Hände gleichzeitig in die Höhe, um sich zu melden. „Die Klassen sind einfach zu groß“, sagt sie später. Durchschnittlich haben Schulklassen in Malawi etwa 90 Kinder. So zu unterrichten, sei für die Lehrer und Schüler eine Zumutung. Man werde niemandem gerecht, findet Chindime. Sie bezeichnet diese Art des Unterrichts als „preaching not teaching“ - also predigen, nicht lehren. Malawi brauche mehr Schulen, aber auch gut ausgebildete und gut bezahlte Lehrer. „Lehren ist hier für viele die allerletzte Job-Option, wenn sonst nichts mehr geht, weil Lehrer wenig Geld verdienen und nicht sehr angesehen sind”.

Klara ist selbst in Malawi aufgewachsen und arbeitet seit 2008 für Unicef. In ihrer Funktion besucht sie Schulen und sieht viele Mängel: „Es ist teilweise schlimm zu sehen. Wir können leider nicht alles über Nacht ändern, aber kleine Schritte helfen, die Situation zu verbessern.” Sie selbst habe Glück gehabt, Bildung ermöglicht zu bekommen: „Ich liebte es zu lesen und verschlang alles, was ich in die Finger bekam. Einmal las ich ein Buch über Astronauten und genau das wollte ich dann auch später mal werden.”

Kinder in ländlichen Gebieten aber haben gar keinen solchen Zugang zu Büchern, Fernsehen oder anderen Medien. Deshalb wollen viele die Berufe ausüben, die sie kennen: Lehrer, Polizist oder Landwirt. „Sie träumen nicht, weil sie die Welt gar nicht kennen, die da draußen wartet.”

Chimwemwe, die junge Gärtnerin aus dem Living-School-Projekt, träumt übrigens sehr wohl: Sie will Pilotin werden, sagt sie und fährt mit der Hand sinnbildlich eine Fluglinie durch die Luft. Diesen Traum hat ihr die Bildung hier an der Mchoka-Grundschule ermöglicht. Und allein deshalb lohnt es sich für sie, jeden Tag wiederzukommen.