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Debaga: Geboren in eine Welt, die aus den Fugen geraten ist

Debaga : Geboren in eine Welt, die aus den Fugen geraten ist

Ganz weit reißt der Kleine die Augen auf. Seine Arme sind spindeldürr. Eigentlich müsste Mustafa Mohamed Awal mit seinen sechs Monaten gut sieben Kilo wiegen. Tatsächlich sind es 4,3. Und eigentlich könnte Mutter Rifa Salan nach einem halben Lebensjahr eine erste Beikost zur eigenen oder Pulver-Milch geben.

Doch Mustafa hat noch nie regelmäßig Milch bekommen, in welcher Form auch immer, hier im nordirakischen Flüchtlingslager Debaga mit seinen 35.000 Bewohnern.

Besorgte Mienen rund um den vier Wochen alten Yousif „Der Kleine hat ein Loch im Herzen und eine Schwellung am Kopf“, sagt seine Mutter Shino Zrur (30). Zusammen mit der Schwiegermutter und ihren Söhnen hofft sie, „dass Yousif eine Behandlung erhält und gesund wird“. Foto: Manfred Kutsch

Sein Gesicht wirkt älter als ein halbes Jahr. Mustafa hat Hunger erlebt. Jetzt aber winkt Hoffnung, dank „Plumpy nut“, der „Power-Erdnusspaste“, mit deren Hilfe Unicef weltweit Millionen von unterernährten Kindern das Leben rettet — vorausgesetzt, dass sie schlucken können. Endlich, mit sechs Monaten, kann Mustafa jetzt „Plumpy nut“ zu sich nehmen, trotz immer noch fehlender Gebissbildung.

Sieben Kilogramm müsste der kleine Mustafa mit seinen sechs Monaten wiegen. Tatsächlich sind es nur 4,3. Foto: Manfred Kutsch

Wir treffen seine Mutter Rifa Silan in einem kleinen Gesundheits-Container des Kinderhilfswerkes, in dem es wie in einem Taubenschlag zugeht. Mütter kommen und gehen, ihre Neugeborenen werden gewogen und gemessen. Rund 400 Babys erblicken hier jeden Monat das Licht einer Welt, die aus den Fugen geraten scheint.

„Ich bin derzeit mit meinen acht Kindern nach unserer Flucht aus Mossul ganz auf mich allein gestellt, mein Mann ist krank“, sagt die Mutter — wobei wir den Verdacht haben, dass sie in Wahrheit verbergen will, dass ihr Ehemann Mohamed Awal Salan wie viele andere Männer neu ankommender Familien am beschrankten Eingang des Lagers kaserniert wurde. „Dort überprüfen wir im Zweifel über Wochen IS-Verbindungen. Ein schwieriges Verfahren, vor allem, wenn es keine Papiere gibt“, sagt Campleiter Rizga Obaid. Für die Angehörigen ein oft schambesetztes Thema.

Den meisten Müttern geht es wie Rifa: Die 40-Jährige hatte und hat für ihren kleinen Sohn keine Milch, der Stress der Vertreibung war zu groß. „Blutarmut, schlechte Ernährung und fehlende Hygiene verhindern in den meisten Fällen das Stillen“, wissen die Unicef-Hebammen Maysar Khalat (24), Seher Osama (22) und Mumtaha Kheiry (18). Hinzu kommt: Milchpulver ist im Camp rar und kaum bezahlbar.

Die Hebammen geben jungen Müttern Milchpulver und Tipps („viel Honig und Zitrone essen“), verabreichen zum Beispiel eisenhaltige Medikamente, weil das Spurenelement so wichtig für den Sauerstofftransport im Körper ist. Da der Körper nur wenig Eisen speichern kann, ist er ständig auf Nachschub über die Nahrung angewiesen.

Doch gegen drei ständig lauernde Todesursachen für Neugeborene sind auch die Helferinnen zuweilen machtlos. „Wir haben viele Frühgeburten, überwiegend mit nur 2,5 Kilo Gewicht“, berichten die Hebammen.

Zweitens: „Die meisten Geburten passieren nachts, wenn kein Arzt greifbar ist. In letzter Zeit hatten wir deshalb allein drei Totgeburten.“ Und: „Die mangelnde Hygiene im Lager ist auch nach der Geburt verhängnisvoll.“

Lebensgefährliche Umgebung

Tödliche Folgen drohen auch dem kleinen Mustafa, der mit seinen sechs Monaten beginnt, die Welt zu „begreifen“ — über das Greifen und Erkunden mit dem Mund. In Rifas Zelt ist alles blitzsauber. Aber draußen? Wo die Luft bei ungünstigem Wind rußig ist? Im nahen Ort Qayyarah brennt seit zwei Monaten die vom IS gesprengte Ölquelle. Mustafas Welt, in die er geboren wurde, besteht aus Geröll und Müll. Schon ein Durchfall kann den Tod des unterernährten Kindes bedeuten.

Wir durchqueren mit Mutter und Kind das Meer an weißen Zelten, Containern und Baracken. Wir gehen vorbei an Frauen, die ihr letztes Hab und Gut in Ordnung halten, Wäsche waschen oder Bohnen und Reis aufkochen (Rifa: „Wir bekommen Lebensmittel, aber nicht genug“). Vorbei an Kindern, die im Schatten der Sonne mit Dosen Fußball spielen, in kleinen Gruppen an Wasserpfeifen ziehen oder aus dem Plastik von Müllbeuteln Drachen basteln.

Von einer Anhöhe müssen wir etwa 100 Meter herunter durch eine stinkende Kloake mit Abfallbergen, bevor uns von weitem ein großer weißer Tank mit dem Unicef-Logo auffällt: „60 Trucks sorgen im ganzen Lager dafür, dass jeder Person Tag 35 Liter sauberes Wasser zur Verfügung stehen“, klärt Unicef-Mitarbeiter Sham­saddin Hamad auf.

„Wir fühlen uns wohl“

Gleich zehn Meter neben dem Tank ist Rifas Zelt eingereiht, sie bittet uns hinein. Wir sehen: vier flache Matratzen, ein paar Decken, Kleidung, Kanister, Kocher, Lebensmittelbeutel mit den Monatsrationen. Während Rifa Salen uns Wasserschalen reicht, sagt sie wie selbstverständlich: „Wir fühlen uns im Grunde wohl. Wissen Sie, es ist sicher hier.“

Was muss diese Frau erlebt haben, um ihrem Leben in diesem Hier und Jetzt Gutes abzugewinnen? Die Antwort folgt. Rifa berichtet von ihrem Alltag in Mossul, der letzten umkämpften IS-Hochburg. Sie erzählt ohne Unterlass. „Wir führten am Rande der Stadt ein wunderbares Leben, hatten zu essen, ein schönes Zuhause und verdienten mit Fischverkauf genug. Unsere Kinder hatten gute Lehrer. Und dann kam der IS. Die Kinder wurden ideologisch geschult, die Lebensmittel unbezahlbar, wir hatten Hunger. Und wie oft mussten wir mit ansehen, wie Menschen öffentlich geköpft wurden?“ Rifa Salan holt Atem. „Unser Viertel wurde zerstört. Die Kinder begannen zu weinen, wenn sie Flugzeuge hörten. Aber erst jetzt, als klar war, dass der Krieg nach Mossul kommt, sind wir los, gemeinsam mit unseren Nachbarn.“

Rifa hält lange inne. Und dann erzählt sie auch das, mit versteinerter Miene: „Hier angekommen sind wir alleine. Unsere Nachbarn leben nicht mehr.“ Nur knapp ist sie dabei selbst dem Tod entronnen. Denn auf dem gemeinsamen Fluchtweg lag eine versteckte Landmine des IS. Einer der Nachbarn trat darauf und riss zwei weitere mit in den Tod.