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Unicef-Aktion „Nie wieder Moria“: Gastfreundlich, aber überfordert

Unicef-Aktion „Nie wieder Moria“ : Gastfreundlich, aber überfordert

Lesbos ist zum Sinnbild gescheiterter EU-Flüchtlingspolitik geworden. Die Menschen fühlen sich mit ihren Problemen allein gelassen. Ein Streifzug über die griechische Insel.

Wulla Petrou wohnt auf der griechischen Insel Lesbos. Ihre Terrasse im fünften Stock eines Mehrfamilienhauses der Hafenstadt Mytilini gibt die Sicht frei auf das schimmernde Blau der Ägäis. Zugleich blickt die 50-jährige, in Aachen ausgebildete, Krankengymnastin über die Dächer der Stadt hinunter auf den Spielplatz im Agias Irinis Park.

Auch heute tummeln sich dort Flüchtlingskinder mit ihren Müttern. Sie kommen aus Afghanistan, Syrien oder dem Kongo und sind der Tristesse des vier Kilometer entfernten Camps Kara Tepe für ein paar Stunden entflohen. „Das Spielen, der Freiraum, das Stück Kindheit, das sie hier erleben – natürlich ist es diesen Kindern zu gönnen, das ist doch gar keine Frage“, sagt Wulla Petrou. Fakt sei aber auch: „Die Einheimischen fühlen sich auch hier oft verdrängt.“

Unterschiedliche Welten

Mit rund 15.000 Migranten und 35.000 Bewohnern rund um Mytilini prallen auf Lesbos Welten und Kulturen aufeinander. Beide Seiten sind in die Mühlen der gescheiterten europäischen Flüchtlingspolitik geraten. Wulla Petrou fühlt sich zerrissen zwischen ihrem griechischen Seelenleben und ihrer Empathie für die Geflohenen, die das Leben auf Lesbos so sehr verändert haben.

Die temperamentvolle Insulanerin ist ehrenamtlich tätig für den See-Rettungsdienst und taucht normalerweise in der Meerestiefe nach Müll. Doch einmal, erzählt sie, sollten sie und ihr Team nach den Opfern eines Bootsunglücks mit Flüchtlingen suchen. Sie fand zwei ertrunkene Kinder. „Ein Mädchen und einen Jungen“, erinnert sich Wulla Petrou schaudernd. Das Erlebnis hat die Griechin zutiefst erschüttert. Sie lädt uns ein zu einer Tour durch ihre aufgewühlte Inselwelt.

Der Tourismus ist nahezu zum Erliegen gekommen. In der Luft liefern sich griechische und türkische Kampfjets Scharmützel, auf dem Meer streiten sie um Ressourcenreiche Gebiete. Unter den Augen von Frontex, der europäischen Küstenwache, werden immer wieder Flüchtlingsboote zurückgedrängt.

Die Stimmung auf Lesbos ist gereizt. Immer mehr Häuser verschwinden hinter meterhohen Schutzzäunen. Wo sind die 200 Gefangenen aus Moria abgeblieben, die beim Großbrand des Flüchtlingslagers Anfang September entkamen, fragen die Insulaner. Von der sprichwörtlichen griechischen Gastfreundschaft ist nicht mehr viel zu spüren. 

Viele Insulaner fühlen sich als „Bauernopfer“ der Weltpolitik. Wulla macht uns mit Pepi Karandoni bekannt, Chefin der Honda-Niederlassung an der Ausfallstraße von Mytilini, wo nach dem Inferno von Moria rund 10.000 Flüchtlinge unter freiem Himmel campierten. Sie rissen auf dem Parkplatz des Autohauses die 5000 Euro teure Leuchtreklame ab, um daran Planen zu justieren und belagerten das Gelände. „Zehn Tage musste ich schließen, die Stimmung war sehr aggressiv“, berichtet sie und denkt zurück an jene Zeiten, „als wir die Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen haben“.

Wulla Petrou hat einst in Aachen gelebt.  Foto: Silke Fock-Kutsch

Rund 500 Meter weiter ist ein „Lidl“. Der Discounter machte nach dem Brand dicht. Draußen auf dem Parkplatz konnten Kinder vor Hunger nicht schlafen. Drinnen verdarben die Lebensmittel. Inzwischen gehören die Migranten mit ihren monatlichen UNHCR-Auszahlungen von 75 Euro pro Kopf wieder zu den Stammkunden von Lidl.

Die Ausgangslage auf Lesbos erscheint fatal. Für die Menschen, die am Ende ihrer Flucht im Nichts und ohne Hoffnung leben, ist mancher Ziegen- und Schafsklau nicht mehr als Mundraub. Doch die Insulaner sehen das anders. Genauso wie die Plünderung griechischer Bergkapellen durch radikale Islamisten. Insidern zufolge wurden sie nach der Grenzöffnung der Türkei gezielt eingeschleust. Vergrößert werden die Spannungen auch durch steigende Alltagskriminalität, wie jüngst wieder in der Hafen-Taverne von Janis: „Dem haben sie zum dritten Mal alle Ouzo-Vorräte abgeräumt, jedes Mal ein Schaden von 2000 Euro“, erzählt Wulla. Alkohol ist im Camp Kara Tepe zwar ver­boten, doch der Schwarzhandel blüht.

„Es mag nur ein geringer Teil der Migranten sein, der diese Taten verübt, aber diese brennen sich bei den Griechen ein“, ist die Einschätzung von Wulla Petrou. Andere Reizthemen unter den Insulanern sind Alltagsprobleme wie die gefühlte Verdrängung in den Parks oder die latente Überbelegung der Gynäkologie im Hospital durch Flüchtlingsfrauen. „Es sind einfach über eine zu lange Zeit zu viele hier“, meint die Einheimische.

Doch wie in jeder Krise gibt es Profiteure. Die Olivenbauern von Moria gehören zu ihnen, sie verpachten dem Staat profitabel ihre Haine fürs Camp. Der chinesische Billig-Laden von Mytilini zählt auch zu den Gewinnern. Nicht zu vergessen „Lidl“, deren Kassiererin uns anvertraut: „Ich brauche den Job. Sonst hätte ich ihn längst geschmissen.“ Sie spricht damit die seit der Finanzkrise dramatisch gesunkenen Löhne an, das durchschnittliche Monatseinkommen von Angestellten, Dienstleistern oder Arbeitern liegt bei 500 bis 600 Euro.

Wir fahren landeinwärts. Schnell entfaltet die Insel ihren Zauber. Sanfte Hügellandschaft mit Obstbäumen, mediterrane Kiefern, Eichen und Wallnussbäume, der weite Blicke auf Meeresbuchten. Überall Kirchen, Klöster und Kapellen. Wir passieren den Wallfahrtsort Aghiassos und schlendern durch eine Märchenszene, vorbei an bunten Häusern, Geschäften mit Esskastanien, Käse und Olivenöl.

Wir besuchen Nitsa Hroni, Wirtin der Taverne von Moria, nur zwei Kilometer entfernt vom einstigen Lager. „Wie schrecklich, dass wir jetzt so traurig berühmt sind. Wir haben ein wunderschönes Wasserwerk, zu dem immer viele Touristen kamen, jetzt kommt keiner mehr“, sagt Nitsa und hält uns vor: „Ihr Deutschen zahlt doch nur Geld, damit die Flüchtlinge hier bleiben.“ 2000 Einwohner habe Moria gehabt, viele seien weggezogen, die anderen zerstritten. „Manche vermieteten Grundstücke oder Wohnungen an Migranten, das gab Ärger.“ 

Kritik an der Politik

Am Nachbartisch sitzt ein aufmerksam zuhörender Ouzo-Genießer, der sich nach dem dritten Set mit Sardellen und Bohnen zu Wort meldet: „Ich lebe seit 45 Jahren hier. Meine Frau ist tot. Die Politik hat hier alles durcheinandergebracht. Allein mir wurde vier Mal die Haustür aufgebrochen, vier Schafe wurden mir gestohlen. Man kann nicht einmal seine Schuhe vor der Tür lassen. Das Dorf wird nie mehr das, was es einmal war.“

Nitsa sagt, sie habe „grundsätzlich überhaupt kein Problem mit den Flüchtlingen. Ich kann diese Menschen sogar verstehen, dass sie aus Syrien oder Afghanistan geflohen sind“. Aber als Gäste seien sie in ihrer Taverne nicht willkommen: „Dann würden die Einheimischen wegbleiben, das erkläre ich ihnen auch immer und gebe oft eine Flasche Wasser mit auf den Weg“, erzählt sie.

Und erinnert sich auch an „sehr schöne Begegnungen“ mit den Fremden. Zum Beispiel an jene, als sie zwei Syrern im strömendem Regen einen Schirm mitgegeben habe. „Den beiden bin ich danach mehrfach begegnet“, sagt Nitsa. „Und jedes Mal haben die sich gefreut, gewunken und sich bedankt. Das hat mich wiederum gefreut.“ Ein Schirm der Verbundenheit. Selten im Alltag von Lesbos.