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Flüchtlings- und Nothilfe: So engagiert sich Unicef im Ukraine-Krieg

UN-Kinderhilfswerk : So engagiert sich Unicef im Ukraine-Krieg

Mehr als die Hälfte der ukrainischen Kinder mussten bereits ihr Zuhause aufgeben. Unicef leistet im Land selbst Nothilfe und koordiniert in den Nachbarländern die Flüchtlingsaufnahme. Mit dabei: der gebürtige Roetgener Daniel Timme.

„Wenn man realisiert, wie zerbrechlich unsere Welt eigentlich ist, macht das schon nachdenklich“, sagt Daniel Timme. Dabei ist er eigentlich jemand, der sich mit Krisen auskennt, Ruhe bewahrt statt in Aktionismus zu verfallen und zielstrebig Hilfsstrukturen aufbaut: Seit vielen Jahren arbeitet der gebürtige Roetgener in verschiedenen Ländern dieser Welt für das Kinderhilfswerk Unicef – darunter Madagaskar, die Zentralafrikanischen Republik und Pakistan. „Mittlerweile bin ich auf Nothilfe spezialisiert“, sagt er. Zuletzt war Timme vier Jahre im ostafrikanischen Mosambik eingesetzt, half dort beim Wiederaufbau nach den verheerenden Zyklonen Idai und Kenneth in 2019, die vielen Menschen ihr Zuhause kosteten – und einigen auch das Leben.

Seit zwei Monaten ist er wieder in Europa, genauer gesagt im polnischen Warschau, um von dort die Kommunikation des Kinderhilfswerks und seiner vielen Partnern rund um den Ukraine-Krieg zu koordinieren. „Unicef steht im Moment vor zwei riesigen Herausforderungen: die humanitäre Hilfe in dem Land selbst und die Flüchtlingshilfe in den Nachbarländern“, sagt Timme.

 Daniel Timme arbeitet seit 2011 als „Emergency Communication Specialist“ beim Kinderhilfswerk Unicef. Zuletzt arbeitete er vier Jahre in Mosambik, nun wurde er nach Polen beordert.
Daniel Timme arbeitet seit 2011 als „Emergency Communication Specialist“ beim Kinderhilfswerk Unicef. Zuletzt arbeitete er vier Jahre in Mosambik, nun wurde er nach Polen beordert. Foto: Silke Fock-Kutsch

Das Hauptbüro des Kinderhilfswerks in der Ukraine ist zwar noch mit Mitarbeitern besetzt, viele mussten aber die Hauptstadt Kiew verlassen und arbeiten jetzt von Lemberg (Lwiw) im Westen des Landes aus. „Wir haben natürlich auch die Zahl der Mitarbeiter aufgestockt. Wo sie sich genau befinden, das wollen wir aber zu deren Sicherheit derzeit nicht sagen“, erklärt Timme.

Kein Wunder – schließlich begeben sich die Unicef-Helfer selbst in große Gefahr: Zum Beispiel wenn sie mit Partner-Organisationen Hunderte LKW-Ladungen an Hilfsgütern in die umkämpften Gebiete bringen, wo Menschen Kleidung, Nahrung und Medizin dringend brauchen. Diese Touren sind riskant, schließlich herrscht Krieg in der Ukraine. Für Transporte von Hilfsorganisationen werden in der Regel kurzzeitige Waffenruhen vereinbart, um sogenannte humanitäre Korridore zu ermöglichen. Dadurch können Hilfsgüter zu den Menschen gelangen und andererseits Zivilisten aus dem Kriegsgeschehen evakuiert werden.

Wunsch versus Realität

Zuletzt gab es aber immer wieder Berichte, dass diese Vereinbarungen nicht eingehalten wurden, dass einige Transporte die Zivilbevölkerung nie erreichten. „Die Hoffnung ist da, dass die humanitären Korridore standhalten“, sagt Daniel Timme. „Aber die Lage ist nicht so, wie wir es uns wünschen“, fügt er vorsichtig hinzu. Fast mantra-artig wirkt sein Appell, den viele Hilfsorganisationen genau so unterschreiben würden: „Wir appellieren inständig, keine Bomben und andere Waffen bei menschlichen Siedlungen einzusetzen. Der Schutz der Kinder und der Zivilbevölkerung muss oberste Priorität haben.“ Es ist ein Wunsch, dem die Realität gegenübersteht: Bis Ende April starben laut den Vereinten Nationen (UN) 2.899 Zivilisten im und durch den Krieg, darunter 210 Kinder. Die UN gehen allerdings davon aus, dass die tatsächlichen Opferzahlen sehr viel höher liegen. Wegen der Sicherheitslage konnte die Lage an vielen Orten allerdings noch nicht überprüft werden.

Bislang sind etwa 5,6 Millionen Menschen aus der Ukraine in Nachbarländer geflohen. Für sie hat Unicef die „Blue Dot“-Zentren aufgebaut, Anlaufstellen für Flüchtende an den Grenzen und an Orten, wo viele Menschen erwartet werden – zum Beispiel in Registrierungs- und Aufnahmezentren in Großstädten oder auch an großen Bahnhöfen. Insgesamt gibt es 20 dieser „Blue Dot“-Zentren in den Nachbarländern der Ukraine. Zum Großteil kommen hier Frauen und Kinder an. Denn durch die allgemeine Mobilmachung in der Ukraine wurden die meisten Männer eingezogen und dürfen das Land nicht verlassen.

Gefahr durch Menschenhändler

 Rund 5,6 Millionen Menschen sind laut dem Flüchtlingshilfewerk der Vereinten Nationen in die Nachbarländer der Ukraine geflohen. Unicef schätzt, dass die Hälfte von ihnen Kinder sind.
Rund 5,6 Millionen Menschen sind laut dem Flüchtlingshilfewerk der Vereinten Nationen in die Nachbarländer der Ukraine geflohen. Unicef schätzt, dass die Hälfte von ihnen Kinder sind. Foto: © UNICEF/UN0632765/Gilbertson V

Frauen und Kinder sind die verletzlichsten Opfer des Krieges und als solche auf der Flucht „besonders großen Gefahren ausgesetzt“, sagt der Unicef-Mitarbeiter. Stichwort: Menschenhandel. „Wir wissen, dass in der Ukraine schon vor dem Krieg große Menschenhändler-Ringe am Werk waren.“ Und die hielten nun Ausschau insbesondere nach alleinreisenden Kindern und auch Frauen, um sie für ihre Zwecke zu missbrauchen. Oft werden sie aufgegriffen und in die Prostitution gezwungen. Verlässliche Zahlen gibt es hierfür bislang aber kaum. Selbst mit Schätzungen tut sich das Kinderhilfswerk an dieser Stelle schwer: „Dafür war die Anfangszeit der Flucht zu chaotisch. Hunderttausende Frauen und Kinder sind über die Grenze gekommen und dankenswerterweise haben die Nachbarstaaten sie unbürokratisch hereingelassen. Aufgrund der Massen an Flüchtenden konnte aber keine staatliche Registrierung statfinden. Niemand weiß deshalb genau, was mit den Frauen und Kindern geschehen ist und wo sie sich aufhalten. Ob sie in Sicherheit sind – oder auch nicht.“

Mit einer offiziellen Registrierung kann der weitere Weg der Flüchtlinge besser dokumentiert und nachverfolgt werden. Es ist zumindest ein kleines Sicherheitsnetz. In den „Blue Dot“-Zentren lernen Flüchtlinge, wo sie sich registrieren lassen können, wie sie sich vor Menschenhändlern schützen können. Und sie bekommen Hilfe für die Weiterreise. Vor allem aber: Die Kinder können spielen und kurz zur Ruhe kommen. Dabei werden sie von speziell geschulten Sozialarbeitern beobachtet. „Es geht uns darum, eventuelle psychische Probleme frühzeitig zu erkennen und den Kindern die Hilfe zukommen zu lassen, die sie brauchen – zum Beispiel durch Fachleute aus dem Aufnahmeland“, sagt Timme. Dafür habe Unicef Helfer aus dem Kreis der ukrainischen Flüchtlingen rekrutiert und geschult. Denn die kennen nicht nur die ukrainische Sprache und Kultur, sondern können die Erlebnisse der Kinder und Frauen oft besser einschätzen.

Eine große Herausforderung für Unicef sind auch alleinreisende Kinder: Etwa jedes zehnte Kind sei derzeit ohne Begleitung von Erwachsenen unterwegs. Sie müssen zunächst natürlich als solche identifiziert und dann in die staatliche Obhut der Gastländer gegeben werden.

Besonders prekär ist die Lage für viele Heimkinder, die in Minibussen zu den Grenzen gebracht und zunächst einfach durchgewunken wurden. Dabei brauchen sie besonderen Schutz und Hilfe, erklärt der frühere Roetgener: „Hier haben wir das Grenzpersonal nachgeschult und arbeiten eng mit den Kinderschutz-Institutionen der jeweiligen Aufnahmeländer zusammen.“

In Polen sind bislang die meisten Flüchtenden aus der Ukraine angekommen. Die meisten wollen hier, nah ihrer Heimat, bleiben. Denn sie hoffen, dass der Krieg vielleicht doch bald endet und sie zurückkehren können in ihr altes Leben.

 Olga und ihre Söhne Maxime (r.) und Mark (l.).
Olga und ihre Söhne Maxime (r.) und Mark (l.). Foto: privat

So wie Olga mit ihren beiden Söhnen Mark (4) und Maxime (6). Als die Bomben in Kiew einschlugen, sind sie Hals über Kopf geflohen. Per Anhalter gelangten sie über viele Umwege an die polnische Grenze. „Dort gab es ihrer Beschreibung nach wildeste Zustände“, berichtet Timme, der die kleine Familie kennenlernte und von ihrer Odyssee erfuhr. Mehrere Tage wartete die junge Mutter vor der Grenze nach Polen in langen Autoschlangen, gelangte mit ihren Kindern schließlich nach Krakau und dann Warschau. Dort kamen sie bei Freunden unter. Wenige Tage später mussten sie die Unterkunft verlassen, reisten weiter nach Deutschland, kamen vorübergehend in Berlin an und strandeten schließlich am Bahnhof in Frankfurt.

Hier musste die Mutter mit ihren beiden kleinen Kindern eine Nacht auf dem eiskalten Bahnhofsboden verbringen. Immer auch einer gewissen Gefahr ausgesetzt. Weiter ging der Irrweg bis nach Garmisch, wo sie bei Wildfremden unterkamen. „Mittlerweile ist Olga mit ihren Kindern wieder in Polen“, berichtet Timme. Sie habe es nicht ausgehalten, so weit weg von ihrer Heimat zu sein. Hier versucht die kleine Familie erst mal zu bleiben und hat sich nach Beratung von Unicef auch offiziell registrieren lassen.

 Auf dem nackten kalten Boden des Bahnhofs in Frankfurt am Main musste Mutter Olga mit ihren beiden Söhnen übernachten. Mit dabei nicht mehr als die wenigen Habseligkeiten, die die kleine Familie aus Kiew mitnehmen konnte.
Auf dem nackten kalten Boden des Bahnhofs in Frankfurt am Main musste Mutter Olga mit ihren beiden Söhnen übernachten. Mit dabei nicht mehr als die wenigen Habseligkeiten, die die kleine Familie aus Kiew mitnehmen konnte. Foto: privat

Genau wie viele andere. 500.000 ukrainische Kinder sind in Polen bereits offiziell erfasst. Deshalb wollte Unicef hier auch schnell aktiv werden. Das einzige Problem: Bis zum März 2022 gab es keine Unicef-Präsenz in Polen. Also keine Arbeitsstrukturen mit der Regierung, keine Büroräume, nichts. Laut Timme biete Polen aber einen großen Vorteil im Gegensatz zu anderen Flüchtlingszielen beispielsweise innerhalb Afrikas: „Es ist ein entwickeltes modernes Land, wo wir nicht erst grundlegende Strukturen wie Krankenhäuser und Schulen aufbauen müssen.“ Deshalb will Unkicef auch kein paralleles System in Polen aufbauen, sondern die nationalen Systeme stärken: „Die Systeme sind am Limit. Das betrifft den Kinderschutz, aber auch das Gesundheits- und das Schulsystem.“

Denn die Geflüchteten müssen ja nicht nur einen Platz zum Wohnen bekommen, sondern oft auch medizinisch versorgt werden. Und die Kinder sollen zur Schule gehen. „Einige polnische Schulen haben ihre Schülerzahl schon jetzt verdoppelt. Das bringt das System an seine Grenzen“, berichtet der Nothilfe-Experte. Genau dort möchte Unicef unterstützen – finanziell, aber auch mit inhaltlicher Expertise. Denn Schulen seien nicht nur wegen ihres Bildungsauftrags enorm wichtig für die Flüchtlinge. Sie bilden auch Schutz und Sicherheit für die teilweise traumatisierten Kinder. „Das Leben, das diese Kinder gewohnt waren, ist vorbei“, konstatiert Timme. An den Schulen sollen die Lehrerinnen und Lehrer deshalb gemeinsam mit geschulten Sozialarbeitern Probleme bei Kindern frühzeitig erkennen: Ob sie krank sind oder unter psychischen Folgen etwa von Missbrauch oder Krieg-Erlebnissen leiden.

 Das Warschauer Stadion wird zum Spielplatz für ukrainische Flüchtlinge: Daniel Timme (r.) besucht die ukrainischen Freiwillige Yuliia im Unicef-Kinderbetreuungszentrum.
Das Warschauer Stadion wird zum Spielplatz für ukrainische Flüchtlinge: Daniel Timme (r.) besucht die ukrainischen Freiwillige Yuliia im Unicef-Kinderbetreuungszentrum. Foto: Unicef/Unicef/Magdalena Woźniak-Frymus

Außerdem hilft Unicef beim Anpassen der Lehrpläne: Viele der geflüchteten Kinder sprechen nicht die Sprache des Gastlandes, brauchen also teilweise eigene Inhalte, die ihnen „auch die Situation erklären, in der sie plötzlich stecken“, erklärt Timme.

Das Unicef-Engagement in Richtung Bildung sei zunächst längerfristig angelegt: „Auf Monate, vielleicht sogar Jahre. Dabei müssen wir eine Balance finden: Die Kinder sollen sich einerseits integrieren und andererseits nicht den Kontakt zum ukrainischen Schulsystem verlieren.“ Schließlich weiß niemand, wie sich die Lage entwickelt.

Unicef unterstützt deshalb auch das Online-Learning, das von überall möglich ist, wo es Internet gibt. Für die aktuelle Situation seien die zwei Jahre Pandemie Fluch und Segen zugleich gewesen: „In der Ukraine ist das Online-Learning gut etabliert, sodass inmitten des Krieges trotzdem weiter unterrichtet werden konnte.“ Ob man als Schüler noch in der Ukraine ist, in einer Stadt in Polen oder bei einer Gastfamilie in Deutschland wohnt – der Unterricht geht für viele weiter. Es ist ein kleines Stück Normalität in einer zerfallenden Welt. Ganz praktisch besorgt Unicef Tablets, die für den Online-Unterricht gebraucht werden, und versorgt die Schulkinder mit Stiften, Heften und Mäppchen.

Vermittler zwischen Ukraine und Aufnahmeländern

Dass sowohl das Online-Learning als auch die Aufnahme in Schulen in den Aufnahmeländern funktioniert, liegt nicht zuletzt daran, dass Unicef schnell wichtige Netzwerke aufgebaut hat: Sei es zwischen den Bildungsministerium der Ukraine und den Pendants in den anderen Ländern oder zwischen den einzelnen Experten, beispielsweise aus dem polnischen Kinderschutz und Gesundheitswesen: „Wir verstehen uns als Vermittler zwischen den jeweiligen Gast-Ländern und Ministerien in der Ukraine“, erklärt Timme.

Im Laufe seiner Arbeit ist Daniel Timme vielen Flüchtlingen aus aller Welt begegnet, hat genau beobachtet, wie sie in Gastländern aufgenommen wurden, wann und welche Probleme es mitunter gab. Er hofft, dass die derzeitigen Umstände so manchen Menschen die Augen öffnen, die Flüchtenden zuvor skeptisch gegenüber eingestellt waren. Denn vielfach wird dem Westen eine gewisse Doppelmoral unterstellt, wenn plötzlich Flüchtende aus dem eigenen Kulturkreis auf mehr Verständnis in den Aufnahmeländern stoßen, als es beispielsweise bei den Geflohnen aus Afghanistan oder Syrien der Fall war. Der gebürtige Aachener sieht das Ganze allerdings als Chance: „Ich hoffe, dass einige Menschen merken, wie ähnlich wir uns sind: Wir Menschen haben alle dasselbe Grundbedürfnis nach Schutz und Sicherheit.“