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Wechsel im Unicef-Projekt: „Es fühlt sich rund an“

Wechsel im Unicef-Projekt : „Es fühlt sich rund an“

Auf ihren Reisen mit Unicef haben Silke Fock-Kutsch und Manfred Kutsch Kinderschicksale in Wort und Bild festgehalten. Ein Rückblick auf 25 Jahre und ein Ausblick mit Nachfolgerin Ines Kubat.

Ein Vierteljahrhundert haben Manfred Kutsch, Reporter von Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten, und seine Frau Silke Fock-Kutsch gemeinsam mit dem UN-Kinderhilfswerk Unicef Krisengebiete dieser Welt bereist, um unseren Leserinnen und Lesern das Schicksal der Kinder näherzubringen. Kinder, die in unvorstellbarem Elend leben, die Grauenvolles erfahren haben und jede Hilfe benötigen. Im kommenden Jahr wird Ines Kubat, Redakteurin im Medienhaus Aachen, diese Aufgabe übernehmen. Anja Clemens-Smicek sprach mit den drei Kollegen über 25 Jahre Unicef-Partnerschaft, gute Wünsche und große Herausforderungen.

Silke und Manfred, mit welchen Gefühlen nehmt Ihr Abschied von Unicef?

Silke Fock-Kutsch: Eindeutig mit einem Gefühl der Dankbarkeit.

Manfred Kutsch: Ja, Dankbarkeit, sie gilt allen voran der Redaktion und der großartigen Leserhilfe, die es überhaupt erst ermöglichen, vor Ort so viel erreichen zu können. Persönlich erleben wir unsere Entscheidung zur Unicef-Staffelübergabe nach 25 erfüllten Jahren nur positiv besetzt – besonders auch in Freude über die Fortführung der Partnerschaft mit unserer multitalentierten, empathischen Nachfolgerin, die ihre eigenen Wege gehen wird.

Silke Fock-Kutsch: Ja, es fühlt sich rund an. Wir durften die ungeschminkte Welt kennenlernen, gemeinsam in viele Kulturen eintauchen und unvergessliche Begegnungen in extremen Situationen haben. Das hat uns geprägt, davon werden wir zehren.

Die erste Unicef-Kampagne war für die Kinder in Sarajevo. Dass daraus einmal 25 Jahre werden, war doch nicht geplant.

Manfred: Nein. Die Idee war eine einzelne Aktion und diese unsere erste Erfahrung mit Unicef. Außerdem war es völlig neu für eine Regionalzeitung, dass sie sich nicht nur für die Menschen vor Ort einsetzt, sondern auch über den Tellerrand hinausschaut. Dann haben unsere Leser innerhalb von drei, vier Wochen 600.000 Mark gespendet. Das hat uns umgehauen. Wir dachten, wenn das auf so viel Akzeptanz in der Leserschaft stößt, dann machen wir noch ein Projekt. Im nächsten Jahr sind wir nach Brasilien gereist. So nahm die Partnerschaft ihren Lauf.

Silke, in Brasilien warst Du das erste Mal als Fotografin dabei. Wie bist Du auf die Idee gekommen?

Silke: Ich habe immer gerne fotografiert. Ich wollte das ausprobieren und sehen, ob wir es schaffen, zusammen zu arbeiten. Es hat gut geklappt, dabei waren die Erfahrungen in Brasilien nicht nur aufregend, sondern auch sehr heftig. Das ging von der Kinderarbeit bis zur Prostitution von Minderjährigen.

Manfred: Da hat sich gleich herausgestellt, dass es manchmal sehr wichtig ist, eine Frau im Team zu haben.

Macht das den Zugang zu den Menschen leichter?

Manfred: Es haben sich im Laufe der Zeit zahlreiche Situationen ergeben, in denen es besser ist, dass ich als Mann fernblieb und Silke den Kontakt aufnahm.

Zum Beispiel?

Manfred: Zum Beispiel bei Opfern sexuellen Missbrauchs. Der wird häufig als Kriegswaffe eingesetzt. Betroffene Mädchen fassten zu Silke Vertrauen.

Wie werden die Ziele überhaupt ausgewählt?

Manfred: In erster Linie stellt sich die Frage der Akzeptanz. Mit welchem Thema, zu welchem Projektland kann der Leser eine Beziehung aufbauen, welches Projekt weckt seine Empathie?

Wie lange dauert es dann von der Idee bis zur Umsetzung?

Manfred: Heutzutage beginnt die konkrete Reiseplanung manchmal erst vier Wochen vor dem Start. Vor Jahren war das noch anders. Da konnten wir zu Jahresbeginn sagen: Im Herbst nehmen wir uns der Straßenkinder in Äthiopien an. Inzwischen werden wir oft zu Getriebenen des aktuellen Geschehens.

Gilt diese Flexibilität auch für die Arbeit in der Krisenregion?

Manfred: Oh ja. Ich denke da nur an unsere Reise vor zwei Jahren ins irakische Mossul. Als wir dort eintrafen, konnten wir alle vorab getroffenen Absprachen vergessen. 

Silke: Wir dachten, wir kommen in eine Stadt, die vom Terror des Islamischen Staates befreit ist und mussten dann feststellen, dass die Terrormiliz noch überall präsent ist und halt nur im Untergrund agiert. Wir durften uns nie länger als 15 Minuten an einem Ort aufhalten. Sonst spricht sich das rum und man läuft Gefahr, Opfer etwa einer Entführung oder eines Anschlages zu werden.

Ines, Du wirst das Unicef-Projekt für das Medienhaus weiterführen. Mit welchen Gefühlen machst Du Dich an die Arbeit, wenn Du das hörst?

Ines Kubat: Ich glaube, jeder, der den Beruf eines Journalisten ergreift, ist vor allem getrieben von Neugier, nicht im negativen Sinne, sondern in einem ganz positiven Sinne, neue Welten und Lebensrealitäten zu erkunden. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich in der Region Aachen schon alles erlebt habe. Aber durch eigene Reisen weiß ich natürlich auch, dass die Welt viel größer ist als das, was wir hier erleben und dass wir in einem wirklich privilegierten Land leben. Ich hoffe, dass auch ich mit meiner Berichterstattung dazu beitragen werde, den Kindern vor Ort zu helfen. Aber natürlich flößt die Aufgabe mir auch großen Respekt ein. Ich kann noch nicht abschätzen, was mich erwartet und wie ich damit umgehen werde.

Gibt es für Ines einen Leitfaden, wie sie sich auf die Reisen vorbereiten soll?

Manfred: Die inhaltliche Vorbereitung übernimmt Unicef. Das Hilfswerk hat hervorragende Strukturen in den Ländern und arbeitet einen Plan aus, was für Projekte man sich anschaut, wen man trifft und was man letztlich will. Natürlich informieren wir uns auch vorab über die Situation in den jeweiligen Ländern.

Silke: Ich denke auch praktisch. Ich packe Taschenlampen und Taschenmesser ein, Müsliriegel und saubere Handtücher. Wir sind oft in Regionen unterwegs, in denen man über den Tag nichts zu essen bekommt – etwa weil Ramadan ist oder wir lange unterwegs sind.

Ist es ein Unterschied, ob Ihr in ein Katastrophengebiet oder in ein (ehemaliges) Kriegsgebiet reist?

Manfred: Bei einer Naturkatastrophe hast du einen relativ einfachen Sachverhalt. Da sind alle Opfer gleich.

Silke: Im Krieg ist das Leid viel differenzierter. Du musst viel mehr hinterfragen und dich mit den beteiligten Seiten auseinandersetzen. Oft ist die Erkenntnis: Es gibt kein Gut und Böse, kein Schwarz und Weiß, aber immer Opfer.

Die Kinder trifft es immer gleich schlimm?

Silke: Mangelernährung ist fast immer eine Folge, egal ob nach Kriegen oder Katastrophen.

Wie geht man mit diesem Leid um?

Manfred: Man darf sich vom Ausmaß einer Katastrophe nicht erschlagen lassen. Deshalb konzentrieren wir uns immer auf das einzelne Kind. Den persönlichen Kontakt stellt vielfach Silke her.

Wie machst Du das, Silke?

Silke: Ich versuche, Zugang zu den Kindern zu bekommen, gute Fotos entstehen in Momentaufnahmen, am besten dann, wenn Vertrauen da ist.

Manchmal kämpfen Kinder um ihr Leben oder sterben schlimmstenfalls sogar.

Silke: Ja. In Kambodscha haben wir eine Familie besucht, deren Sohn an Aids erkrankt war. Dem Jungen ging es so schlecht, dass wir uns im Gespräch fragten, ob er den nächsten Tag noch erlebt.

Manfred: Das hat uns so bewegt, dass wir am Ende unserer Reise noch mal zu der Familie gefahren sind. Da war der Junge schon tot.

Silke: Ich erinnere mich auch an eine Krankenstation in Sierra Leone, in der mangel­ernährte Kinder behandelt wurden. Da war der zweijährige Mohamed. Ich konnte dieses Kind nicht fotografieren. 

Warum nicht?

Silke: Der Anblick des abgemagerten Jungen in seinem dünnen weißen Hemdchen hat mich zutiefst erschüttert.

Manfred: Es gab sogar Streit zwischen uns, weil in diesem Moment Silkes Empathie und meine Reportertätigkeit aufeinanderprallten.

Was meinst Du damit?

Manfred: Mohamed hat so jämmerlich geweint. Er hat der Kindersterblichkeit in Sierra Leone ein Gesicht gegeben. Deswegen sagte ich zu meiner Frau: Wieso fotografierst du nicht? Du kannst nicht sagen: Ich mache das Foto morgen. Kein Moment wiederholt sich. Ines, auch das ist etwas, was Du noch erfahren wirst.

Was ratet Ihr Ines, wie sie psychisch mit solchen Situationen umgehen soll?

Silke: Das ist wirklich schwer. Als ich jünger war, konnte ich das tatsächlich besser verarbeiten.

Manfred: Vor Ort macht man seine Arbeit. Das Erlebte wird erst hinterher Stück für Stück verdaut. Bei mir geschieht das zu Hause übers Schreiben.

Silke: Als wir vor zwei Jahren aus Mossul zurückkamen, war ich wirklich ein bisschen traumatisiert. Es hilft auf jeden Fall, wenn man drüber reden kann und im besten Fall jemanden hat, der das Gleiche erlebt hat.

Ein Risiko geht man wohl mit jeder Reise ein. Gab es auf Euren Reisen auch Situationen, in denen Ihr unvermittelt in Gefahr geraten seid?

Manfred: Ja, die gab es. Etwa bei einer Schießerei im Hafen von Tripoli im Libanon oder einer massiven Bedrohung durch afghanische Flüchtlinge in einem Lager bei Herat. Aber das waren unplanbare Situationen, die aus dem Nichts entstanden. Grundsätzlich fühlten wir uns immer gut aufgehoben durch die strikten Sicherheitsvorkehrungen von Unicef.

Hattet Ihr je den Wunsch, noch einmal an die Orte Eurer Reportagen zurückzukehren? Um zu sehen, was mit den Spenden bewirkt wurde?

Manfred: Natürlich bekommt man Mitteilungen, was mit dem Geld passiert. An die selben Orte sind wir nicht wieder gereist.

Silke: Ich glaube, das ist auch gut so. Jede Reise für sich war etwas ganz Eigenes. 

Ines, hast Du schon eine Idee davon, wie Du die Berichterstattung angehen willst? Bei Deiner täglichen Arbeit machst Du ja in erster Linie Videos. Aber filmen und Interviews führen – das klingt nach einer besonderen Herausforderung.

Ines: Das ist eine Herausforderung. Sicherlich werde ich auch Texte schreiben. Aber mein Plan ist es, viele Filme zu drehen. Die Kamera ist an mir festgewachsen.

Wie könnte das aussehen?

Ines: Eine Geschichte könnte schon mit der Fahrt durch den Busch beginnen. Kleine Videoschnipsel, die einen Eindruck vom Land und den Menschen wiedergeben. Und die ich dann, wenn möglich, schon abends in die Redaktion übermittle. So eine Art Tagebuch, vielleicht auch als Podcast.

Und die klassische Reportage?

Ines: Tolle Fotos und Texte sind wichtig. Bewegte Bilder runden aber das Paket ab. Verschiedene Geräusche aufzunehmen, kurze Interviews, all das ist eine schöne Bereicherung.

Ist es manchmal nicht schwierig, Menschen vor die Kamera zu bekommen?

Ines: Manchmal hilft es sogar, eine Kamera dabeizuhaben. So etwas weckt Interesse, man kann gerade mit Kindern Späßchen machen und Situationen entspannen. Es gibt so viele tolle Formate. Aber erst einmal freue ich mich wahnsinnig darauf, die Arbeit von Silke und Manfred weiterführen zu dürfen.