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Erbil: Ein Kinderleben zwischen Müllhalde und Schule

Erbil : Ein Kinderleben zwischen Müllhalde und Schule

Die warme Luft flimmert in der Mittagszeit, mischt sich mit dem Gestank des Müllberges und erzeugt eine Smogglocke, die auch den achtjährigen Jasim milchig umnebelt. Der stochert in zerrissener Jeans mit einer Stange im metertiefen Unrat und fischt ein Stück Metall heraus.

„Bis zu einer Tonne schaffen wir in einer Schicht“, sagt der Junge cool und meint mit „wir“ sich selbst und seinen Vater Ibrahim Mohamed (30). Wir treffen die beiden auf der Müllhalde von Erbil, der kurdischen Provinzhauptstadt und Millionenmetropole, die täglich so viel Abfall abstößt, dass er in einem Fußballstadion die Spielfläche bis zur fünften Tribünenreihe bedecken würde.

Es stinkt bestialisch. Viele Arbeiter tragen Mundschutz, Vater und Sohn nicht: „Nein, das macht uns nichts aus. Und krank sind wir auch noch nicht geworden“, meint das Familienoberhaupt, das mit Ehefrau Wafa Falah (28) und sechs Kindern bereits vor zwei Jahren vor den Gräueltaten des IS aus Mossul geflohen ist.

Auf durchschnittlich 250 Dollar pro Monat kommen der 30-Jährige und sein Sohn im Schnitt, für Schichten von 7 bis 15 Uhr oder von 15 bis bis 23 Uhr. „Das hängt davon ab, wann Jasim in die Schule geht“, sagt der Vater. Die Lehrer arbeiten im Ganztagsbetrieb, Einrichtung und Ausstattung der Schulen in den Camps gehören zu den Kernaufgaben von Unicef. Für Kinder wie Jasim ein Leben zwischen Müll und Mathe — auf der Halde und im 40 Kilometer entfernten Flüchtlingslager „Camp Bardarash“. Wie überbrücken die beiden die Strecke?

„Wenn der Müllwagen kommt, fahren wir per Trittbrett damit zurück“, erklärt Ibrahim Mohamed. Der schwere Job sei „notwendig zum Leben“, sagt der Ex-Verwaltungsbeamte aus Mossul, „sonst kommen wir nicht zurecht.“

„Notwendig zum Leben“

Zu einem weiteren Treffen verabreden wir uns drei Tage später im Flucht-Zuhause der Familie, Zelt 439, Areal A des Camps Bardarash mit 2040 Zelten und über 11.000 Bewohnern. Das Heim ist eine pragmatische Komposition von Wellblech, Planen, Holzträgern und Kabeln, in dessen Zentrum ein 200-Liter-Wasserfass steht.

Unicef hat täglich 60 Wassertrucks für die Flüchtlingslager im Nordirak im Einsatz. 35 Liter sind pro Person angesetzt, eine logistische Herkulesaufgabe, aber auch Voraussetzung für ein Minimum an Hygiene, für die Unicef Versorgungspakete bereithält: „Gerade für Jasim und mich ist es wichtig, sich richtig zu waschen, wenn wir von der Müllhalde kommen“, sagt Ibrahim Mohamed.

Der Vater bittet uns ins „Wohnzimmer“ mit Matratzen auf dem Boden und einem kleinem Fernseher. „Ich gucke gerne Tom und Jerry“, verrät Jasim. Seine Geschwister Ahmad (10), Imam (7), Sahra (6), Zamam (3) und Sidra (1) halten sich schüchtern zurück. Die Mutter reicht Tee und Wasser.

Der Vater erzählt von seinen Sorgen: „Sahra hat eine Gehirnerkrankung, sie stottert.“ Und Imam sei „schwer untergewichtig“. Trotz des Zuverdienstes reicht die Ernährung der Familie nicht aus. Zentral ausgesteuert erhält jede Familie im Camp von den UN monatliche Rationen: fünf Kilo Bohnen, fünf Kilo Kichererbsen, fünf Liter Öl, fünf Kilo Bulgur, ein Kilo Zucker.

Die Familie erzählt von früher. Als ihre Welt noch in Ordnung war. „Da konnte ich auf richtige Tore Fußballspielen“, berichtet Jasim, dessen großer Traum es ist, „einmal Profi zu werden“. Der Vater schwärmt von den Stunden, in denen wir „in Frieden mit unseren Nachbarn Tee getrunken“ haben. Hat Jasim vor etwas Angst? Das Kind zögert und verrät dann: „Ja, vor Schlangen habe ich Angst — und vor den wilden Hunden, die hier jede Nacht an die Zäune kommen.“ Das Zelt der Familie steht an einer etwa zwei Meter hohen Außenbegrenzung, die um das Territorium des Lagers herum führt.

Jasim sagt: „Ich würde gerne wieder nach Mossul.“ Die Stadt ist nur eine Stunde Fahrt entfernt — doch im Krieg so unerreichbar. Ibrahim meint nur: „Unser Zuhause dort gibt es gar nicht mehr.“ Zerknirscht schaut Jasim den Vater an. Die Terroristen des IS haben nicht nur ihr Heim zerstört, sondern all ihre Lebensträume. Nichts ist mehr so, wie es war.

Angewiesen ist die Familie auf Unterstützung — auch und vor allem von Unicef. Das Wasser, die Hygienepakete, die Schule: „Wir sind sehr dankbar für diese Hilfe, ohne die wir nicht auskommen würden“, sagt der Vater. Ohnehin müsse er bald „noch mehr arbeiten“, weil Jasim Schulkleidung brauche: „Die kostet 25 Dollar.“ Außerdem seien zwei Kochtöpfe „nicht mehr zu gebrauchen“. Am nächsten Morgen soll in Bardarash wieder der Müllwagen den Abfall mitnehmen. Ibrahim sagt: „Der kann uns mitnehmen.“ Auf dem Trittbrett.

Mats Hummels - UNICEF-Pate und Botschafter der Unicef-Kampagne - schreibt: „Letzte Chance für eine Kindheit“

Liebe Leserinnen und Leser der Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten,

wenn ich in den Nachrichten Bilder von Kindern im Krieg und auf der Flucht sehe, macht mich das traurig. Dass man in so jungen Jahren mit solchen Problemen zu kämpfen hat, wo man doch eigentlich ein freies und unbeschwertes Leben führen sollte, ist umso schlimmer. Für mich steht fest, dass ich etwas für diese Kinder tun möchte. Mir ist bewusst, dass es ein Privileg ist, dass ich so unbeschwert aufwachsen konnte. Ich hatte eine schöne und behütete Kindheit und bin von meinen Eltern und meinem Umfeld gefördert worden. Gerade deshalb fühle ich mich heute verpflichtet, mich für Kinder einzusetzen, die weniger Glück hatten.

Weltweit lebt beinahe jedes vierte Kind in Ländern, die von Konflikten und Katastrophen betroffen sind — insgesamt rund 535 Millionen Mädchen und Jungen. Viele dieser Kinder haben keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung, ausreichend Nahrung, guten Schulen.

Was in Syrien oder im Nordirak geschieht, sollte kein Kind auf der Welt erleben müssen. Aber wir dürfen nicht resignieren. Es liegt nicht in unserer Hand, Krieg und Gewalt zu beenden. Aber jeder kann mithelfen, das Leid der Kinder zu lindern. Das war der Gründungsgedanke von Unicef genau vor 70 Jahren: Kinder sind niemals Feinde. Ihr Schutz muss überall an erster Stelle stehen — auch im Krieg, gerade im Krieg!

Gemeinsam mit Umicef können wir den Kindern in Kriegs- und Krisenregionen ein Stück Kindheit zurückgeben. Danke für Ihre Hilfe, für viele Mädchen und Jungen ist es die letzte Chance für eine Kindheit!

Ihr Mats Hummels.