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Unicef-Spendenaktion: „Die Pandemie hat unsere Arbeit sehr zurückgeworfen“

Unicef-Spendenaktion : „Die Pandemie hat unsere Arbeit sehr zurückgeworfen“

Wie hilft das Kinderhilfswerk Unicef? Was halten die Regierungen vor Ort von dem Engagement? Wo steht das kleine Land Malawi heute? Warum hat es sich noch nicht aus der Armut befreien können? Ein Gespräch mit Rudolf Schwenk, Leiter des Kinderhilfswerks in Malawi.

Nach wie vor ist Malawi eines der ärmsten Länder der Welt. Auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen liegt es auf Platz 172 von 183. Bedeutende Bodenschätze hat das Land nicht. Die meisten Menschen leben hier von weniger als 1,60 Euro pro Tag - also meist von der Hand in den Mund. Dürren, Stürme und unberechenbare Regenzeiten setzen die Bevölkerung immer mehr unter Druck. Und dann kam auch noch Corona. Unsere Redakteurin Ines Kubat hat vor Ort mit Rudolf Schwenk, Büroleiter von Unicef, über das Engagement des Kinderhilfswerks in Malawi gesprochen - einem Land, das von der Welt vergessen scheint.

Unicef ist schon seit 1964 in Malawi. Der kleine Staat hat sich zwar entwickelt, ist aber immer noch eins der ärmsten Länder der Welt. Warum?

Rudolf Schwenk: Erstmal hat sich ja wirklich eine Menge verbessert. Malawi hat einige seiner Entwicklungs-Ziele der UN schon erreicht - HIV und Kindersterblichkeit sind beispielsweise zurückgegangen, die Einschulungsrate ist gestiegen. Das Land macht langsam, aber sicher Fortschritte. Es gibt aber noch viel zu tun: im Bereich Gesundheitssystem, Kindersterblichkeit, Müttersterblichkeit. Wir müssen auch zwingend weiter impfen, und nicht nachlassen.

In welchen Bereichen arbeitet Unicef in Malawi?

Schwenk: Hier in Malawi haben wir eigentlich die ganze Bandbreite von Unicef-Aktivitäten: Erziehung, Ernährung, Gesundheit, Wasserversorgung, Kinderschutz, Arbeit mit Jugendlichen, HIV und Notfallhilfe. Wir arbeiten ungefähr mit 200 Leuten und sind in der Region eines der größeren Unicef-Büros.

Können Sie das Engagement von Unicef konkretisieren?

Schwenk: Als Unicef sind wir ja in den meisten Ländern der Welt vertreten und arbeiten immer direkt mit der Regierung zusammen. Überall erarbeiten wir individuelle Länderprogramme, normalerweise sind die auf fünf Jahre angelegt. In Malawi läuft das aktuelle noch bis 2023. Wenn wir so ein Programm erstellen, fragen wir: Was will das Land? Was will die Regierung? Was ist der Entwicklungsplan? Was können wir von Unicef dazu beitragen? Das definieren wir gemeinsam und schauen danach, wie viel und welches Personal man für die Ziele braucht.

Haben Sie dafür Beispiele?

Schwenk: In einem Land wie Ecuador zum Beispiel, also in Ländern die schon weiterentwickelt sind, geht es eher um Kinderrechte und Interessenvertretung. Da nehmen wir Kontakt zur Regierung auf und legen beispielsweise einen Bericht vor, der zeigt, dass 30 Prozent der Kinder dort keinen Zugang zu ordentlicher Erziehung haben. Und dass da etwas gemacht werden muss. Das ist sozusagen reine Interessenvertretung. In solchen Ländern sind die Unicef-Büros meist relativ klein. Wir leisten technische Unterstützung und treten als Experten auf, die der Regierung und anderen Partnern helfen, damit sich die Lage der Kinder verbessert. Und dann gibt es große Krisenländer wie Somalia oder Südsudan, in denen die Regierungen gar nicht die Kapazität haben, selbst richtig aktiv zu werden: In solchen Ländern helfen wir selbst bei den absoluten Grundlagen. Da kaufen wir Schulbücher, Impfstoffe, Schultische usw. Das nennen wir „Dienstleistungslieferung”.

Und Malawi ist so eine Mischung?

Schwenk: Ja genau. Malawi ist ein sogenanntes Low Income Country (Land mit geringem Einkommen). Hier müssen wir beides machen, die Regierung bei den grundlegenden Dienstleistungen für Kinder unterstützen, und gleichzeitig die Interessen der Kinder vertreten und für Kinderrechte eintreten. Immer natürlich in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern.

…also die Ausführung der Pläne koordinieren?

Schwenk: Ja, genau! Wir helfen einerseits mit Dienstleistungen oft über lokale Nichtregierungsorganisationen (NGO). Und andererseits machen wir auch „policy work”, also Politikberatung. Zum Beispiel erstellen wir Analysen, wofür die Länder das wenige Geld, das sie haben, bislang ausgeben. Anhand dieser Daten helfen wir der Regierung, zu priorisieren. Ein Beispiel: Neulich hatten wir hier in Malawi ein Treffen mit Parlamentariern und ihnen eine Analyse der Budgets für Gesundheit und Erziehung präsentiert. Gleichzeitig wiesen wir darauf hin, dass sich zum Beispiel eine Investition in frühkindliche Bildung langfristig lohnt: Ein Euro kommt 16 Jahre später 20-fach zurück.

 Unsere Redakteurin Ines Kubat (Mitte) und Unicef-Mitarbeiterin Claudia Berger (links) waren zu Gast im Malawi-Büro des Kinderhilfswerks. Beim Gespräch ging es vor allem auch um die Folgen von Corona: Wie hat das Virus das kleine Land getroffen und welche Folgen hat das vor allem für die Kinder?
Unsere Redakteurin Ines Kubat (Mitte) und Unicef-Mitarbeiterin Claudia Berger (links) waren zu Gast im Malawi-Büro des Kinderhilfswerks. Beim Gespräch ging es vor allem auch um die Folgen von Corona: Wie hat das Virus das kleine Land getroffen und welche Folgen hat das vor allem für die Kinder? Foto: Thoko Chikondi

Hat denn die malawische Regierung überhaupt ein Interesse an einer solchen Zusammenarbeit?

Schwenk: Absolut. Unicef ist hier in Malawi sehr angesehen. Das ist besonders, weil wir mit fast allen Ministerien zusammenarbeiten. Als die Regierung im vergangenen Jahr gewechselt hat, habe ich Antrittsbesuche bei fast allen Ministern gemacht. Und ich wurde hier wirklich mit offenen Armen empfangen. Der frühere Erziehungsminister hat mir einmal gesagt: „Sie müssen mir nichts über Unicef erzählen. Ich kenne Unicef gut und schätze die Organisation. Denn ihr sagt uns nicht, was wir tun sollen, ihr unterstützt uns bei dem, was wir tun wollen.” Das finde ich sehr schön.

Also eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe?

Schwenk: Ja genau. Und zwar nicht nur, weil wir Geld bringen, sondern vor allem wegen der Expertise.

Was sind die großen Probleme für Kinder in Malawi?

Schwenk: Die Armut ist natürlich immer noch ein großer Faktor, aber auch HIV und die Bildung. Da sind wir eigentlich schon auf einem guten Weg: 90 Prozent der Kinder gehen mittlerweile in die Grundschule. Also die Einschulung ist nicht mehr das größte Problem. Aber die Qualität…

Woran hapert es denn? Zu große Klassen, schlechte Gebäude oder fehlende Lehrmittel?

Schwenk: Eigentlich an allem. Die Gebäude sind manchmal nicht gut, die Tische schlecht - oder gar nicht vorhanden. Neulich war ich mit einer Delegation aus Norwegen an einer Schule, da gab es keine richtigen Tische, das waren nur Gestelle, also nicht brauchbar zum Schreiben. Wir von Unicef haben jetzt geholfen, ein ordentliches Tisch-Design zu machen, also das Ministerium unterstützt, und mit der Produktion geholfen. Und dann müssen natürlich auch die Lehrer ordentlich ausgebildet werden.

Wie sieht es mit Schulmaterialien aus?

Schwenk: Auch ein Problem. In der Schule, von der ich eben sprach, haben sie uns stolz gezeigt, was sie für Materialien haben. Das war absolut rudimentär. Um mit den Kindern zu spielen, hatten sie dort zwei Badminton-Schläger, von denen der eine nicht funktionierte, weil die Bespannung kaputt war.

Wie hat Corona Ihre Arbeit hier vor Ort beeinflusst?

Schwenk: Am Anfang gab es natürlich eine große Panik innerhalb der ganzen Bevölkerung und bei den Partnern vor Ort. Sehr viele Ausländer haben das Land aus Sorge um die Gesundheitsversorgung verlassen. Und dann hat der Flughafen zugemacht. Wir sind hier geblieben, um die Versorgung weiter zu garantieren. Wir haben natürlich alles getan, um unsere Unicef-Kollegen vor dem Virus zu schützen. Aber ich habe die Daumen gedrückt, dass niemandem von meinen Kollegen etwas passiert. Und man hat sich natürlich schon die Frage gestellt, was passiert, wenn jemand hier krank wird. Normalerweise evakuieren wir unser Personal bei schweren Krankheitsfällen nach Kenia oder Südafrika, weil es dort eine bessere Gesundheitsversorgung gibt.

 Keine Tische, keine Stühle und viel zu große Klassen: In tausenden Schulen Malawis gibt es noch immer sehr viel zu tun, um die Bildung der Kinder zu verbessern.
Keine Tische, keine Stühle und viel zu große Klassen: In tausenden Schulen Malawis gibt es noch immer sehr viel zu tun, um die Bildung der Kinder zu verbessern. Foto: Thoko Chikondi

Konnten Sie denn weiterarbeiten?

Schwenk: Ja, alle von zu Hause aus. Das hat aber super funktioniert, weil wir die Infrastruktur dafür schon frühzeitig geschaffen hatten, als wir 2019 nicht wussten, welche politischen Folgen das Absetzen des damaligen Präsidenten haben würde. Das hätte ja auch schiefgehen können. Wir waren damals also vorbereitet, und deswegen konnten wir bei Beginn der Corona-Pandemie vom einen auf den anderen Tag von zu Hause arbeiten. Wir hatten alle Laptops und Zugang zum System. Das war nicht bei allen Organisationen so.

Wenn aber alle zu Hause sind - wie kann man dann weiter hier für die Kinder arbeiten?

Schwenk: Dafür muss man noch mal unseren Ansatz hier verstehen: Unicef setzt hier in Malawi die Pläne nicht direkt um. Sondern wir helfen, sie umzusetzen. Für die meisten Projekte haben wir lokale Partner. Die Workshops organisieren zum Teil die Regierung oder Akteure wie „Plan International“, „Save the Children“ und andere lokale NGO. Und die Leute vor Ort bringen sich auch ein. Man muss aber natürlich auch sagen, dass viele Sachen auf der Strecke geblieben sind.

Zum Beispiel?

Schwenk: Die Schulen sind relativ schnell geschlossen worden, im Rückblick für meinen Geschmack leider zu früh. Und zu unvorbereitet. Da hätte man den Kindern eigentlich noch etwas mitgeben können, z.B. wie wichtig Händewaschen ist.

Wie haben Sie bei Unicef reagiert?

Schwenk: Mit unserer Hilfe hat Malawi als eines der ersten Länder Distanzlernen übers Radio angeboten. Und damit hatten wir unheimlich große Erfolge. Weil das Internet ja nicht so gut ist bei uns. Ohnehin haben nur zehn Prozent der Leute Zugang zu Strom, und beim Internet ist es ähnlich. Mit Blick auf die Corona-Pandemie haben wir geholfen, das ganze Gesundheitssystem auf Vordermann zu bringen - von den Abläufen und Training des medizinischen Personals bis hin zum Händewaschen. Anfang des Jahres 2021 erreichten uns dann die COVAX-Impfstoffe und die ganze Immunisierungskampagne startete. Und da sind wir einer der stärksten Partner.

Was genau machen Sie dabei?

Schwenk: Erstmal die Impfstoffe ins Land bekommen, dann die Impfstoffe dahin bringen, wo sie hingehören, und die Menschen überzeugen, dass sie sich auch impfen lassen. Das hat bislang eigentlich ganz gut funktioniert. Die erste Person, die in Malawi geimpft wurde, war der Präsident. Um der Bevölkerung zu signalisieren, dass der Impfstoff da ist. Das war ein starkes Zeichen.

Welche Impfstoffe sind denn im Land?

Schwenk: Wir haben alle erstmal „AstraZeneca“ bekommen. Mittlerweile kommen auch noch andere. Derzeit haben wir „Johnson & Johnson“, jetzt warten wir auf „Biontech“. Dass das ganze Thema Impfen in Europa aber so kontrovers diskutiert wurde, das war kontraproduktiv für unsere Arbeit in Malawi. Das hat nicht geholfen.

Was hat es hier ausgelöst?

Schwenk: Eigentlich sind die Menschen in Malawi traditionell impfwillig. Aber dann schwappten Nachrichten aus Europa über die sozialen Medien rüber. Das hat die Menschen verunsichert. Außerdem haben die Leute Corona zunächst ohnehin nicht so ernst genommen, weil sie dachten, dass das eine Krankheit für entwickelte Länder ist. Eine Krankheit des Westens… Bei der zweiten Welle sind dann aber gleich zwei Minister gestorben und die Krankheit hat hier ziemlich um sich gegriffen.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie denn auf die Bevölkerung aus?

Schwenk: Die Regierung hat es eigentlich ganz gut gemacht und keine kompletten Lockdowns ausgerufen. Die Menschen sind ja zum Großteil Tagelöhner, die brauchen ihre zwei Dollar am Tag, sonst leiden sie Hunger. Außerdem kam plötzlich deutlich weniger Geld von den Geberländern. Nur Deutschland hat sich dazu entschieden, mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Langfristig wird man die Auswirkungen der Pandemie erst noch erkennen: Die Wirtschaft wird deutlich langsamer wachsen, die Schulden werden drastisch steigen. Und das sind „nur” die Sekundärfolgen von Corona.

Würden Sie sagen, dass die Pandemie Ihre Arbeit zurückgeworfen hat?

Schwenk: Ich fand es eigentlich erst mal erstaunlich, wie viel wir weiter vorangebracht haben. Wir konnten wirklich helfen, das Gesundheitssystem weiter am Laufen zu halten. Aber natürlich hat die Pandemie unsere sonstige Arbeit zurückgeworfen. Wir wären jetzt schon viel weiter bei der Erfüllung der Kinderrechte und das Land stünde viel besser da ohne diese ökonomischen Rückschläge. Die Spätfolgen werden sich erst noch zeigen.

Welche Probleme haben die Kinder durch die Pandemie?

Schwenk: Die Zahl der Kinderarbeit ist zum Beispiel gestiegen, auch Kinderehen und Mangelernährung. Außerdem gab es recht schnell mehr Teenager-Schwangerschaften. Ich meine, der beste Platz für Kinder ist in der Schule, logischerweise. Die Kinder haben vor allem auch psychisch gelitten, weil sie ihre Freunde nicht gesehen haben.

 Pililani (links) und ihre kleine Schwester Onya wachsen in großer Armut auf. Pililani kann nur selten die Schule besuchen, weil sie Geld für ihre Familie verdienen muss. Das Kinderhilfswerk Unicef engagiert sich seit vielen Jahren in Malawi, um Kindern wie Pililani und Onya eine Zukunftsperspektive zu bieten.
Pililani (links) und ihre kleine Schwester Onya wachsen in großer Armut auf. Pililani kann nur selten die Schule besuchen, weil sie Geld für ihre Familie verdienen muss. Das Kinderhilfswerk Unicef engagiert sich seit vielen Jahren in Malawi, um Kindern wie Pililani und Onya eine Zukunftsperspektive zu bieten. Foto: Thoko Chikondi

Wenn die Schulen ausfallen, fällt auch die Schulspeisung aus…

Schwenk: Ja, dadurch fällt bei Kindern aus armen Familien wieder eine sichere Mahlzeit weg. Dadurch ist das Problem der Mangelernährung größer geworden. 30 oder fast 40 Prozent der Menschen hier sind „stunted”, d. h. zu klein für ihr Alter. Das müsste nicht sein.

Was macht man denn mit solchen Familien, die bitterarm und ohne Perspektive sind?

Schwenk: Es gibt hier für die Ärmsten der Armen ein (bescheidenes) bedingungsloses Grundeinkommen, was wir „social cash transfer” nennen. Das ist ein klassisches Beispiel, wo wir die technische Expertise liefern. Also wir helfen vor Ort beim Systemaufbau, wir koordinieren die Partner. Und die anderen geben das Geld: die KFW, die Weltbank, die Irische Entwicklungszusammenarbeit, und einige mehr. Und wenn man dann Familien besucht, zum Beispiel alleinerziehende Mütter, die sich mit 20 bis 30 Euro im Monat wirklich etwas aufgebaut haben, ist das wirklich beeindruckend.

Welche Perspektiven gibt es jetzt für junge Menschen?

Schwenk: Das sind genau die Fragen: Wenn die Kinder die weiterführende Schule abschließen - und das sind noch viel zu wenige - was kriegen sie überhaupt für Jobs? Das finde ich fast das Wichtigste überhaupt: Dass junge Menschen eine Perspektive haben. Das ist für das gesamte soziale Gefüge entscheidend. Malawi hat eine Vision für das Jahr „2063", angelehnt an die Vision der Afrikanischen Union: Bis dahin will das Land ein Middle Income Country werden. Die jungen Leute wissen also schon, wo sie hin wollen, und das geht nur mit ökonomischer und ökologischer Entwicklung.

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