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Unicef-Projekt in Malawi: Dem Tod näher als dem Leben

Unicef-Projekt in Malawi : Dem Tod näher als dem Leben

Malawi gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Viele Menschen kämpfen jeden Tag ums Überleben. Vor allem Kinder leiden oft unter Mangelernährung. Unicef-Ernährungsspezialistin Elsie Mawala versucht, ihrem Land zu helfen: Es ist ein Kampf gegen Armut, Unwissenheit und die Folgen des Klimawandels.

„Der Boden ist gerade sehr rutschig”, sagt Elsie Mawala und schickt die Erklärung gleich hinterher. Es sei ein malawischer Ausdruck, wenn man in einer besonders heiklen Lage stecke.

Wie heikel, das erläutert uns die Ernährungsspezialistin von Unicef, während der weiße Unicef-Jeep durch die malawische Bergwelt rattert. Vorbei an Menschen, die auf Fahrrädern über Lehmboden holpern, vorbei an anderen, die versuchen, ein paar Mangos am Straßenrand zu verkaufen. Elsies Blick bleibt immer wieder an den Feldern rechts und links der Straße hängen, auf denen Frauen, Männer und Kinder in mühsamer Arbeit die Böden bearbeiten. Nicht etwa mit Hilfe von elektrischen Geräten, sondern mit einfachen Holzharken: „Die Leute bereiten ihre Äcker auf die Regenzeit vor. Sie wird über die Zukunft des Landes entscheiden”, sagt Elsie. Vor allem entscheide die Regenzeit darüber, wie viele Menschen im nächsten Jahr genug zu essen bekommen.

Denn das Thema Hunger ist in dem Land südlich des Äquators mit seinem trockenen und heißen Klima noch immer ein großes Problem. Die meisten der 18,2 Millionen Menschen in Malawi leben von der Hand in den Mund – ihr Einkommen reicht gerade für das Essen eines Tages aus. Beinahe zwei Millionen Malawier leiden laut dem Unicef-Jahresbericht von 2020 unter „food insecurity” – also Nahrungsmittelunsicherheit. Und die sei während der Coronavirus-Pandemie noch schlimmer geworden, erklärt die 37-jährige Elsie. „Viele Menschen haben in der ersten Phase von Corona – als es noch eine Kontaktbeschränkung gab – ihre Jobs nicht mehr ausführen können.” Andere Arbeiten, kleinere Gelegenheitsjobs wie Gärtnern, wurden ohnehin gar nicht mehr angeboten. Doch genau davon sind sehr viele Haushalte in Malawi abhängig.

Folgen der Corona-Pandemie

Zeitgleich mit dem Wegfall von Jobs seien die Preise von vielen Gütern wie Zucker, Bustickets oder auch Sprit enorm gestiegen – an einigen Stellen haben sich die Preise verdoppelt. Elsie nennt ein Beispiel: „Malawi exportiert viel Tabak. Für eine stabile Ernte brauchen wir aber Dünger. Ein Sack davon kostete vor Corona umgerechnet 25 US-Dollar. Jetzt müssten die Farmer, die ohnehin nicht viel verdienen, 50 US-Dollar pro Sack berappen.” Dann bleibt ihnen oft nur die Möglichkeit, ohne Dünger anzubauen, was wiederum den Ertrag der Ernte in Gefahr bringe. Ein Teufelskreis der Armut.

 Elsie Mawala (37) ist in Malawi geboren und bekam als eine von wenigen jungen Menschen die Chance zu studieren. Mit ihrem Wissen will die Unicef-Ernährungsspezialistin Menschen in ihrem Land helfen.
Elsie Mawala (37) ist in Malawi geboren und bekam als eine von wenigen jungen Menschen die Chance zu studieren. Mit ihrem Wissen will die Unicef-Ernährungsspezialistin Menschen in ihrem Land helfen. Foto: Thoko Chikondi

Elsie Mawala sieht die Folgen der Pandemie jeden Tag: Seit 2015 ist sie als Ernährungsspezialistin beim Kinderhilfswerk in Malawi angestellt. Sie weiß, dass durch Corona wieder mehr Kinder hungrig in die Schule gehen. Dass wieder mehr Kinder zu klein und zu leicht sind für ihr Alter. In den vergangenen Jahren habe man im Bereich Ernährung bei Kindern viel erreicht: Während im Jahr 2010 noch 47 Prozent der Kinder durch Mangelernährung zu klein für ihr Alter waren, sei die Zahl bis 2020 auf 37 Prozent gesunken. Erfreulich zwar, aber gleichzeitig bedeutet das in absoluten Zahlen, dass immer noch jährlich 50.000 Kinder näher am Tod als am Leben sind, weil sie zu wenig zu essen bekommen. Elsie weiß, dass viele der mangelernährten Kinder, die sie bei ihrer Arbeit kennenlernt, nicht überleben werden: „Manchmal resigniere ich beinahe, weil mein Volk noch immer so sehr leidet”, sagt sie. Gleichzeitig sei Mawala sicher, dass die Arbeit von Unicef einen Mehrwert bietet und eine Entwicklung bringt.

Unicef als Kindheitstraum

Schon als Mädchen wusste sie, dass sie einmal beim Kinderhilfswerk arbeiten wollte. Damals hatte sie das Wirken Unicefs in ihrer eigenen Schulzeit kennengelernt. Ihre Tante, die in einem Krankenhaus arbeitete, war es schließlich, die dem Mädchen den nötigen Anschub gab: „Sie war für mich immer ein Vorbild. Diese Frau arbeiten zu sehen, hat mich als Mädchen motiviert, mich in der Schule mehr anzustrengen.” Die Tante bezahlte dann auch Elsies Beitrag für die weiterführende Schule und ebnete damit den Weg zum Studium – immer noch eine Ausnahme in Malawi, wo die meisten Kinder nicht einmal die sechsjährige Grundschulzeit beenden. Doch Elsie bekam die Chance und studierte „Ernährungswissenschaften” am Landwirtschafts-College in Malawi.

Über ein Erasmus-Mundi-Stipendium konnte sie 2009 sogar ihren Master in „Public Health” in Sheffield (Großbritannien) und Paris machen. „Damals habe ich kurz überlegt, ob ich nicht alles hinter mir lassen und in Europa bleiben sollte. Aber dann habe ich mir wieder in Erinnerung gerufen, dass ich diesen ganzen Weg nur gegangen bin, um meinem Land zu helfen.” Also packte sie ihre Koffer und sammelte noch ein Jahr als Freiwillige Erfahrungen in Sierra Leone beim Programm „Aktion gegen Hunger”. Die kann sie nun als Nutritionist Specialist in Malawi einbringen.

Hilfsprogramme gegen Mangelernährung

Das Unicef-Ernährungsprogramm in Malawi richtet sich hauptsächlich an Kinder bis fünf Jahre, weil diese ersten Jahre besonders entscheidend für die körperliche und geistige Entwicklung sind. Elsie koordiniert und lenkt die Arbeit mit lokalen Partnern, die vor Ort mit den Menschen interagieren. „Da gibt es einerseits die ‚Case Worker’ – also Experten, die in den Dörfern gezielt nach Kindern Ausschau halten, die mangelernährt erscheinen.” So wird ein erster Kontakt zwischen den Ernährungsexperten und den Familien hergestellt, die dann zu einer Untersuchung eingeladen werden.

In der Regel findet diese Untersuchung dann in einem der vielen Gesundheitszentren statt, die quer über das Land verstreut sind: Hier werden die Kinder gewogen, ihre Größe und auch der Armumfang gemessen. Anhand dieser Daten entscheiden die Ärzte dann, ob ein Kind in akuter Gefahr ist und stationär aufgenommen werden muss, um die Mangelernährung mit Spezialnahrung zu bekämpfen.

Bei Fällen von Unterernährung, die zwar messbar, aber noch nicht gefährlich sind, werden Mutter und Kind in ein sogenanntes „Out-Patient-Treatment”-Programm aufgenommen – also eine ambulante Behandlung. Einmal pro Woche müssen sie dann zum Wiegen und Messen in das Krankenhaus kommen, haben ein Arztgespräch, und das Kind bekommt unter Aufsicht eine Erdnusspaste zu essen. Diese Paste ist durch zusätzliches Öl und Vitamine besonders kalorien- und nährstoffreich und hilft den Kindern dabei, in vier bis fünf Wochen (wieder) ihr Normalgewicht zu erreichen.

 Beim Hilfsprogramm gegen Mangelernährung werden betroffene Kinder regelmäßig untersucht und unter Aufsicht ernährt.
Beim Hilfsprogramm gegen Mangelernährung werden betroffene Kinder regelmäßig untersucht und unter Aufsicht ernährt. Foto: Thoko Chikondi

Gleichzeitig will Unicef aber auch nachhaltigen Einfluss auf Familien haben, damit sie nicht wenige Wochen später wieder mit einem mangelernährten Kind im Krankenhaus erscheinen müssen. Denn Armut ist nicht der einzige Grund für Mangelernährung: Vielfach fehle es den Müttern schlicht auch an Wissen, was eine nährstoffreiche Ernährung ausmache, erklärt Elsie: „Die Menschen in Malawi essen vor allem Maisbrei.” Weil er günstig ist und satt macht. „Allein ist er aber natürlich keine ausgewogene Ernährung.”

Deshalb wird den Müttern bei regelmäßigen Treffen in den Dörfern beigebracht, was ein Kind für eine gesunde Entwicklung essen muss. „Wir haben mit Unicef schon viel geschafft. Aber es gibt noch so viel mehr Arbeit zu tun”, sagt Elsie nachdenklich. „Für mich persönlich ist es erfüllend, wenn ich Kinder erlebe, die sich durch unser Programm erholen. Gleichzeitig wissen wir auch, dass wir viele nicht erreichen, die dann die Folgen des Hungers nicht überleben werden.”

Denn in den vergangenen Monaten habe die Corona-Pandemie die Arbeit im Krankenhaus oder bei den Müttertreffen ausgebremst. Die Folge ist, dass viele mangelernährte Kinder erst in eine Behandlung kommen, wenn es beinahe schon zu spät ist: also wenn sie apathisch sind oder anhaltenden Durchfall bekommen.

Mittlerweile können die Programme der Ernährungsspezialisten glücklicherweise wieder angeboten werden. Doch noch immer machen sich die Folgen von Corona durch die wachsende Armut im Land bemerkbar. Zu allem Überfluss steht jetzt die Regenzeit vor die Tür: Früher war sie ein Segen, weil Wasser Leben, Ernte und das Ende des Hungers bedeutete. Mittlerweile macht sich aber auch in Malawi der Klimawandel bemerkbar: Der Regen wurde unberechenbar. Manchmal fällt er zu viel und zu heftig, überschwemmt dabei Dörfer und zerstört die Ernte. Andere Male allerdings kommt zu wenig Wasser – wie im vergangenen Jahr, als die Regenzeit viel zu früh endete und damit nicht genug Wasser für die Maisernte vorhanden war.

Also schaut Elsie Mawala wie viele andere Menschen in diesen Tagen mit Sorge in Richtung Himmel: „Wenn der Regen nicht gut wird, bekommen wir eine Hungersnot.”

Sie wollen den Kindern in Malawi helfen? Dann unterstützen Sie unsere diesjährige Spendenaktion „Malawi: Gebt den Kindern eine Zukunft“.