Aachen: Das Kinderhilfswerk Unicef will keine Generation verloren geben

Aachen: Das Kinderhilfswerk Unicef will keine Generation verloren geben

„Dringender denn je wird unsere Hilfe gebraucht“, sagt Unicef-Geschäftsführer Christian Schneider nach seiner Rückkehr aus dem syrischen Nachbarland Libanon. Dort werden weiterhin die Spenden unserer aktuellen Unicef-Aktion „Kinder auf der Flucht — Wir helfen vor Ort“ umgesetzt.

415.000 Euro kamen bislang zusammen. „Ein tolles Ergebnis, für das wir uns nur bedanken können“, so Schneider: „Mit den Mitteln aus der Aachener Region können wir vielen betroffenen Familien eine Zukunftsperspektive und damit auch eine Alternative zur Flucht geben.“

Denn die Lage im kleinen Libanon ist verheerend: 4,5 Millionen Staatsbürgern, mehr als die Hälfte ist selber verarmt, stehen 2,1 Millionen syrische Flüchtlinge gegenüber, darunter 900.000, die nicht registriert sind. „Von Tag zu Tag wird die Situation unerträglicher“, schildert Schneider die Dramatik vor Ort: „Über WhatsApp verbreiten sich bei den entwurzelten Menschen zudem die Horrornachrichten aus dem Mittelmeer und Europa. Viele haben sich auch verschuldet, weil sie für das Stück Land, auf dem sie landen, auch noch Geld zahlen müssen.“ Zudem seien die Preise im Libanon „in den Himmel geschossen“.

Unicef hält dagegen. Unter dem Slogan „No lost Generation“ („Keine verlorene Generation“) hat das Kinderhilfswerk in einem gemeinsamen Kraftakt mit der Regierung 344.000 Flüchtlingskinder und arme Kinder aus dem Libanon eingeschult. „Diese erstmalige Doppelbeschulung im Schuljahr 2016 ist das wohl griffigste Beispiel dafür, wie wir einen ganz wichtigen Beitrag leisten können, dieses geschundene Land zusammen zu halten“, sagt Christian Schneider. Geht es doch um die Generation, die später einmal ihre syrische Heimat wieder aufbauen soll.

Schwer traumatisierte Kinder

„Die Bindung der Menschen vor Ort zu ihren syrischen Wurzeln ist allem zum Trotz zweifelsfrei vorhanden“, ist Schneiders Eindruck. „Von allen, die ich in den letzten Tagen gesprochen habe, hat mir niemand gesagt, er wolle nach Europa“, so der Unicef-Geschäftsführer. Er weiß aber auch: „Es ist ja ohnehin so, dass nur die durchkommen, die auch noch viel Geld für die Schleuser auftreiben können.“ So geht es dem Kinderhilfswerk darum, „alles zu tun, was ein Verbleiben der Flüchtlinge in ihrem eigenen Kulturkreis ermöglicht“.

Doch auch andere Hilfen wurden von Unicef umgesetzt. Mehr als 500.000 Menschen konnten im Libanon mit sauberem Trinkwasser versorgt werden, 1,7 Millionen wurden durch mobile Gesundheitsteams behandelt, über 240 000 Kinder geimpft. Genau 191.114 Mädchen und Jungen erhielten eine finanzielle Unterstützung für warme Winterkleidung (40 Dollar pro Kind), 586 Schulen bekamen Heizmaterial.

Zudem installiert Unicef psychosoziale Zentren, in denen zumeist schwer traumatisierte Kinder mit einem von Fachleuten begleiteten Spiel- und Lernprogramm die Kriegsgräuel hinter sich lassen sollen. Insbesondere „die rapide gestiegene Rekrutierung von Kindersoldaten“, so Schneider, habe grausige Spuren hinterlassen: „Diese Kinder, die immer jünger werden, waren an aktiven Kampfhandlungen beteiligt und mussten Exekutionen erleben“, weiß der deutsche Unicef-Chef.

In anderer Gefahrenlage seien die Mädchen: Ihr frühes Verheiraten habe ebenfalls stark zugenommen. „Aus purer Not“ würden die Väter ihre Töchter vielfach schon mit 13, 14, 15 Jahren abgeben. Allein im Nachbarland Jordanien sei inzwischen jedes vierte syrische Mädchen vor seinem 18. Geburtstag verheiratet.

Schneider ist sich der Herkulesaufgabe des Internationalen Kinderhilfswerkes bewusst: „Fünf Jahre Bürgerkrieg haben Syrien um Jahrzehnte in seiner Entwicklung zurückgeworfen.“ Jetzt gehe es darum, in benachbarten Krisengebieten wie dem Libanon, „die Balance zu halten und Zukunftsperspektiven zu entwickeln“.