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Unicef-Aktion „Nie wieder Moria“: (Alp-)Träume in Zelt 799

Unicef-Aktion „Nie wieder Moria“ : (Alp-)Träume in Zelt 799

Fatima hofft auf eine Wohnung mit Dusche und eine Ausbildung zur IT-Spezialistin. Neben der Flucht hat die 15-Jährige im Lager Kara Tepe noch ein weiteres Trauma zu verarbeiten.

Zelt 799, Kara Tepe, das Nachfolge-Lager von Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Mit der 15-jährigen Iranerin Fatima hocken wir auf einer grauen Filzdecke am Ufer der Ägäis. Das junge Mädchen hatte uns im Camp angesprochen, und vertraut sich uns mit gebrochenem Englisch an, das ihre Eltern nicht verstehen. Und das ist auch gut so.

„Mama und Papa wissen von nichts. Ich konnte es ihnen nicht antun, mein schreckliches Erlebnis zu erzählen“, sagt Fatima. Dem Kulturverständnis ihrer Heimat folgend hätte sie die Familienehre zerstört. Das Mädchen wirft noch einmal einen prüfenden Blick auf Vater Ebrahim (50), der uns mit ausladender Bewegung zum Sitzen eingeladen hatte, und Mutter Tahia (41), die lächelnd fünf Äpfel auf einem Teller reicht. Gastfreundschaft in der Camp-Öde am „Schwarzen Hügel“, wie Kara Tepe auch genannt wird. Wir fühlen uns willkommen, schauen Fatima an, spüren aber schnell: Die Stimmung ist sehr angespannt.

Während die Eltern an den Kabeln des Solaranschlusses hantieren und Bruder Amir Ali (10) am Smartphone spielt, fängt Fatima an, zu erzählen – zögernd und leise, unterstützt von Fardeen, einem Zeltnachbarn und geflohenen Journalisten aus Afghanistan. Das Mädchen berichtet von dem Leben in Moria, Europas abgebranntem Schreckenslager. Sie spricht über Aggression und Gewalt auf engstem Raum, von Alkohol, Drogen und Schlaflosigkeit.

„Eines Nachts fiel mich auf dem Weg zur Toilette ein älterer Mann an und schlug mich immer wieder“, berichtet Fatima. „Er fasste mich überall an“, fügt sie hinzu – und verstummt kurz wieder. Eine unendlich lange halbe Stunde habe das Martyrium gedauert, sagt sie dann. „Er hat mir den Mund zugehalten und gedroht.“ Daheim habe sie „nur noch geweint“ und die besorgten Nachfragen der Eltern abgewehrt. „Seitdem habe ich Kopfschmerzen und große seelische Probleme.“ Immer wieder müsse sie „diesem Kerl“ im neuen Lager begegnen.

Dramatische Ereignisse im persönlichen Umfeld hatten die Familie im August 2019 vom Iran über die Türkei nach Lesbos in die Flucht getrieben. Der Vater hatte sich mit seinen drei Partnern einer kleinen Baufirma überworfen. „Daraufhin haben sie mich erpresst, meine Familie bedroht und das ganze Kapital entnommen“, berichtet Ebrahim, der sich schließlich in Farsi ins Gespräch einschaltet. Er vermutet sogar, dass sein damals 13-jähriger Sohn Mohammed entführt und verkauft wurde. „Ich habe ihn nie wiedergesehen. Geh weg aus dem Iran“, haben sie ihm gesagt. Auch Fatima spürte die Spannungen: „Ich wurde häufig von Familienmitgliedern dieser Leute geschlagen und beschimpft.“ Sie vermisse ihren Bruder „so sehr“. Für einen kurzen Moment kämpft sie mit den Tränen.   

Für unsere 30. UNICEF-Kampagne „Nie mehr Moria – Helft den Kindern jetzt“ reiste unsere Zeitung zum Flüchtlings-Hotspot Lesbos. Foto: Silke Fock-Kutsch

Aber dann gewinnt wieder die starke Seite des Mädchens die Oberhand. Sie hat ein klares Ziel vor Augen: „Ich will Software-Spezialistin werden.“ In Online-Kursen lernt sie in Zelt 799 weiterhin Englisch – träumt wie Millionen Mädchen in ihrem Alter von der Zukunft. Was sie von vielen unterscheidet, ist ihre Demut: „Ich möchte einmal in einem Land leben, in dem ich sicher bin. Wo ich eine Wohnung mit Dusche habe.“ Natürlich sei Deutschland „mein Traum“.

Duschen gibt es im Camp Kara Tepe auch zwei Monate nach dem Brand in Moria immer noch nicht. „Angeblich sollen sie in diesen Tagen endlich installiert werden“, sagt uns Judith Wunderlich Tage nach unserem Besuch am Telefon – die Deutsche ist Leiterin des Learning Center Elix, das den Kindern in Unicef-Spielzentren ein Stück Alltag geben soll.

Unicef-Reporter im Gespräch

Der Total-Lockdown seit einer Woche in Griechenland erhöhe auch die Spannungen in Kara Tepe. Zudem sei das Wetter auf Lesbos umgeschlagen, berichtet sie. „Es toben heftige Stürme. Gottlob verteilen Unicef und Partner dank der Spenden Kleidung und Decken.“ Zwei Zelte hätten jüngst Feuer gefangen. „Es herrschte Riesenaufregung mit viel Polizei, aber es war keine Brandstiftung wie in Moria. Ursache waren Lagerfeuer gegen die nasse Kälte“, so die Pädagogin. Der Schutz vor Regen sei weiterhin untauglich: „Paletten decken in den Zelten neuerdings den Kiesboden ab, das reicht nicht.“  Die Stimmung in der einem Gefängnis ähnlichen Verschlossenheit des Lagers sei gereizt: „Der Kessel beginnt wieder zu köcheln“, spürt Wunderlich.

Fatimas Ehrgeiz und Träume scheint das nicht zu tangieren. Es sei zwar „unwahrscheinlich, nach Deutschland zu kommen“, verrät sie vor einigen Tagen per WhatsApp der Unicef-Mitarbeiterin Claudia Berger: „Aber ich lerne jetzt auch Deutsch.“