Eicherscheid: Sportlerin des Jahres: Marion Brauns Weg zum Textil

Eicherscheid: Sportlerin des Jahres: Marion Brauns Weg zum Textil

Wenn Marion Braun an den Abend denkt, an dem sie diese Auszeichnung entgegen nimmt, Sportlerin des Jahres 2015, dann sind da eine Menge Emotionen. Vorfreude, Dankbarkeit, Aufregung: Braun spricht offen darüber, was sie empfindet, und als sie gerade so dabei ist, da fällt ihr noch eine andere Sache ein.

Eine Herausforderung nämlich, die sie vor diesem Abend noch bewältigen muss, eine Aufgabe, vor der sie großen Respekt hat.

Braun, 58, ist Ultra-Läuferin, sie hat sich für die langen Distanzen entschieden, im September ist sie Weltmeisterin ihrer Altersklasse über 100 Kilometer geworden, die Strecke absolvierte sie in der Zeit von 8:55:52 Stunden. Eine Leistung, die ausschlaggebend dafür war, dass sie jetzt als Sportlerin des Jahres ausgezeichnet wird. Eine Leistung, die viel darüber erzählt, in welcher Größenordnung sich Braun bewegt, wenn sie über Herausforderungen spricht. Die 100 Kilometer sind bewältigt, aber da ist eben noch diese andere Sache, die zwischen ihr und der Ehrung steht. Sie sagt: „Wissen Sie, was das Schlimmste wird? Dass ich jetzt mit meinem Mann einen Anzug für ihn kaufen muss.“ Dann lacht Braun.

Marion Brauns Mann heißt Wolfgang Braun, er trägt nicht sonderlich gerne Anzüge, aber für den Abend der Sportlerwahl wird er sich einen neuen besorgen, erstens, weil er als Begleiter seiner Frau gut aussehen möchte, und zweitens wird ja auch er auf der Bühne stehen. Wolfgang Braun hat die Wahl zum Sportler des Jahres 2015 gewonnen.

Marion Braun sagt, sie freue sich riesig über ihre Auszeichnung, noch mehr freue sie sich darüber, dass ihr Mann gewonnen habe, aber am schönsten sei für sie, dass sie beide ausgezeichnet werden, bei derselben Veranstaltung. So war es bereits bei der Weltmeisterschaft über 100 Kilometer im September in Winschoten in den Niederlanden, dort hatte auch Wolfgang Braun in seiner Altersklasse gewonnen. Jetzt der Doppelsieg bei der Sportlerwahl. Es ist ein bisschen so, als würden Marion und Wolfgang Braun nach einer langen Strecke zusammen ins Ziel einlaufen.

Die Brauns sind seit 34 Jahren verheiratet, seit 22 Jahren laufen sie miteinander. Sie haben zusammen angefangen, lockeres Joggen war es zu Beginn. Fünf, sechs Kilometer, so ging das los. Aber je länger die Brauns liefen, desto weiter wurden ihre Strecken. Marathon, Sechs-Stunden-Läufe, Zwölf-Stunden-Läufe, Vierundzwanzig-Stunden-Läufe. Sie gehen bei denselben Wettbewerben an den Start und ist das mal nicht so, dann begleitet der eine den anderen, kümmert sich um das Drumherum, sorgt für optimale Bedingungen.

Und dann ist da noch die Vorbereitung. Wer lange Strecken läuft, muss eine Menge trainieren, bei den Brauns sind es schon mal 110 Kilometer pro Woche, zumindest in den intensiven Vorbereitungsphasen. Auch dann sind sie zusammen unterwegs. Marion Braun sagt: „Das Schöne ist: Mein Mann läuft keinen Kilometer ohne mich.“

Wolfgang Braun war Maschinenbau-Ingenieur, aber selbst seit er im Ruhestand ist, wartet er, bis seine Frau aus dem Kindergarten nach Hause kommt, sie arbeitet dort als Erzieherin. Damit sie nach Feierabend laufen können, gemeinsam. So wie sie es bei der Weltmeisterschaft getan haben, dabei war es anders geplant.

Wofür Winschoten gut ist

Marion Braun wollte nicht in Winschoten an den Start gehen, sondern beim UTMB, einem Ultramarathon, 168 Kilometer rund um den Mont Blanc. Der Lauf ist begehrt, er bietet den Teilnehmern auch was fürs Auge, es gibt immer mehr Anmeldungen als Startplätze, und nur weil Braun dort eine Absage bekommen hatte, lief sie in Winschoten. Sie wurde Weltmeisterin, Sportlerin des Jahres und bestätigt in der Einstellung, die sie für ihr Leben gewählt hat. Sie geht ungefähr so: „Ich sage immer: Wer weiß, wofür es gut ist. Es geht darum, das Schicksal anzunehmen, statt mit ihm zu hadern.“

Um den Mont Blanc ist Braun dann trotzdem noch gelaufen, nach der Weltmeisterschaft, gemeinsam mit ihrem Mann, drei Übernachtungen inklusive. Für die Brauns war das ein entspannter Lauf.

Aber es werden neue Herausforderungen kommen, ganz aktuell steht wieder eine an. Sie könnte zum Marathon werden, die Frage ist, durch wie viele Innenstädte er führt. Weil Wolfgang Braun einen neuen Anzug braucht. Und Marion Braun noch ein Kleid. Sicher ist: Die beiden werden auch diesen Weg gemeinsam gehen.

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