Region: Roncalli-Chef Bernhard Paul und sein erfüllter Lebenstraum

Region: Roncalli-Chef Bernhard Paul und sein erfüllter Lebenstraum

Dieser Mann kann viel erzählen. Es sind spannende Geschichten von Wagnissen, vor allem vom Mut eines Unternehmers, der kühne Träume in Realität verwandelt. Der Mann tut eben was. Und er hat damit Erfolg auf verschiedenen Ebenen.

Bernhard Paul ist Direktor und Inhaber des Circus Roncalli, Künstler, Clown, Sammler, Chef, bald Besitzer eines Museums, das er selber einrichtet. Der legendäre Zirkusmensch feierte in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. Und sein Unternehmen ist 40 Jahre alt geworden. Am 10. Januar ist Bernhard Paul bei der Gala „Menschen 2017“unser Gast und Gesprächspartner.

Kurz vor seinem runden Geburtstag am 20. Mai traf ich ihn in seinem wunderschönen Jugendstil-Haus auf dem Gelände des Roncalli-Winterquartiers in Köln. Das Gespräch und die Besichtigung der riesigen Hallen dauerten mehrere Stunden. Es war einer der interessantesten Vormittage des Jahres.

Bernhard Paul erzählt von der ersten Zirkusvorstellung vor über 40 Jahren, von seinem Streit mit André Heller, den er deutlich spürbar überhaupt nicht leiden kann, von seinen Träumen und Plänen, alten und neuen, verwirklichten und noch zu realisierenden.

Grafiker und Art-Direktor

Bernhard Paul ist Grafiker und hatte nach seinem Studium (Hoch- und Tiefbau, dann Grafik) mit großem Erfolg als Art-Direktor beim österreichischen Nachrichtenmagazin „Profil“ gearbeitet. In seinem Kopf hatte er bereits längst seinen Zirkus entworfen. Schlüsselerlebnis war eine Zirkusvorstellung, die er als Sechsjähriger in seinem Heimatdorf Wilhelmsburg in Niederösterreich erlebte.

„Es war letztlich der Schlüssel zum Erfolg, den man sich damals als Kind nicht vorstellen konnte. Ich habe einen Zirkus gesehen ohne Videokameras, Handys und so weiter. Es gab nichts, das ich dokumentieren konnte, es war alles im Kopf. Ich habe diesen Zirkus in meinem Kopf aufgesaugt. Ich kann mich noch heute an jedes Detail erinnern. Und als ich dann später diesen Zirkus gebaut habe, meinen Zirkus, da war das kein Zirkus wie er eben war, sondern das Zirkus-Ideal aus meinem Kopf.“ Die Geburt von Roncalli.

Mal eben einen Zirkus gründen, das war selbst für Bernhard Paul eine gigantische Herausforderung und kein Kinderspiel. „Man darf auf keinen Fall mit Logik und Vernunft da rangehen, Helmut Schmidt hat gesagt, dass Leute mit Visionen zum Arzt müssten, ich habe das ins Gegenteil verkehrt und gesagt: Leute ohne Visionen gehören zum Arzt. Dieser Zirkus ist auf der Basis von Visionen und Fantasie entstanden — auch die Realisierung, ich hatte ja kein Geld. Ich musste das visualisieren, konkretisieren und finanzieren.“

28 war er damals und stieg einfach aus. „Da hab‘ ich gedacht: Jetzt mach‘ ich einen Zirkus.“ Vor einem Schrebergarten sah er einen alten Zirkuswagen. Den kaufte er, dann noch einen. „Was mir fehlte: noch ein paar Wagen und ein Zelt.“ Dank der Kontakte von André Heller gab es einen Kredit der Raiffeisenbank. Und tatsächlich folgte eine Einladung zum „Bonner Sommer“. Nur drei Monate Zeit blieben damals bis zur Welturaufführung von Roncalli.

Bernhard Paul besorgt ein Zirkuszelt, Lichterketten, Sitztribünen, Logen, Manege, Orchesterbrücke, Scheinwerfer, Mikrofone, Lautsprecher. Er fährt kreuz und quer durch Italien und engagiert Artisten. Heute sagt er: „Ich habe da Wunder bewirkt. Es gibt tausend Anekdoten und Geschichten, die glaubt‘s net, die sind unglaublich.“ Die eine oder andere werden wir gewiss bei der Gala hören. Am Ende klappte alles, und Roncalli feierte in Bonn pünktlich seine Premiere.

Es entwickelt sich danach ein Auf und Ab mit finanziellen Problemen und einem rasanten Neustart in Köln, der heutigen Heimat von Roncalli. Die „Reise zum Regenbogen“ wird auf Anhieb ein grandioser Erfolg. Bernhard Paul: „Die Leute waren hingerissen und entzückt. Dann kam Alfred Biolek und hat einen kompletten ,Bios Bahnhof‘ mit uns gemacht Wir waren sehr schnell sehr bekannt.“

Paul ist Perfektionist bis an die Grenze der Leidensfähigkeit. „Ich leide schon, wenn in den Lichterbögen eine Glühbirne kaputt ist. Dann könnte ich schon wahnsinnig werden.“ Es wird zudem immer schwieriger, gute Artisten zu finden. „Viele sind zu satt. Sie wollen nicht mehr kämpfen, sie haben keine Ziele mehr. Wer heute bei einem Kindergeburtstag einen guten Witz erzählt, bekommt bei RTL sofort eine Samstagabend-Sendung, übertrieben gesagt.“ Gefragt seien aber Erfahrung und Können. „Spaß ist eine ernste Sache.“

Nun will Bernhard Paul sein Lebenswerk absichern. Er hat ein weiteres großes Grundstück neben dem Winterquartier gekauft und baut demnächst ein Museum, für das er die Baugenehmigung beantragt hat. Paul nennt das Projekt „Boulevard of Broken Dreams“.

Die Bälle von Rastelli

Vier große Hallen sind voll mit alten Läden, Originalwaren, Spielzeug, Werbeschildern, Automaten, Figuren, Lampen, Werkzeugen, Flaschen und Porzellan. Da liegt das erste Wiener Kaffeehausschild aus dem Jahr 1830. Da wartet ein gut erhaltenes und technisch einwandfreies Orchestrion auf seinen Einsatz. Da stehen Wurlitzer-Orgeln, Musiktruhen und ein Klavier mit Lochstreifenrollen. Die gekauften, ersteigerten oder irgendwie und irgendwo besorgten Alltagsdinge arrangieren sich zu einem fantastischen Farben- und Formenspiel.

Die Pläne für das Museum mit Eventhalle auf dem Winterquartier-Gelände im rechtsrheinischen Kölner Stadtteil Höhenhaus sind schon lange fertig. Die Werkstätten werden renoviert und teilweise verlegt, die Ausstellung wird mitten auf dem Hof ihren ständigen Platz haben. Von den 60 historischen Ladenlokalen sollen zehn bis zwölf gezeigt werden. Ein Teil wird Zirkusmuseum sein. Da sind die Bälle und Ringe von Rastelli ebenso dabei wie Grocks Kostüm und Geige.

Zu Bernhard Pauls Schätzen gehört eine atemberaubende Beatles-Sammlung. Er besitzt zahlreiche Gitarren von John Lennon und Paul McCartney, mehrere Schlagzeuge der Beatles. Er hat eine Beatles-Lounge und Original-Kostüme. In der Musik-Sammlung von Paul, selber früher als Schlagzeuger in einer Band unterwegs, entdecken wir auch Instrumente der Rolling Stones und anderer legendärer Musiker. Es sind 350 Gitarren sowie Schlagzeuge, Verstärker, Mikrofone, Boxen, Fotos, Plakate und Werbemittel. Man staunt, man ist begeistert: ein schönes Thema für den 10. Januar.