Region: Fußball-Majestät und Grünkohl-König: DFB-Präsident Reinhard Grindel

Region: Fußball-Majestät und Grünkohl-König: DFB-Präsident Reinhard Grindel

Es ist gerade einmal fünf Jahre her, dass der Mann als Vizepräsident des Niedersächsischen Fußball-Verbandes die Gastrede zum 100-jährigen Bestehen des SVN Düshorn halten durfte.

Heute parliert Reinhard Grindel mit den Mächtigen dieser Welt, macht neben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine gute Figur und ist der oberste Chef von 6.969.464 Fußballern in Deutschland, egal, ob sie nun mit dem Sponsoren-Logo von Autoservice Hodenhagen auf der Brust in der 1. Kreisklasse des Heidekreises kicken, oder schlicht als „Die Mannschaft“ weltweit die Qualität des deutschen Fußballs repräsentieren.

Dabei ist der imposante 1,92-Meter-Mann auch von seiner beruflichen Vita her so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau. Immerhin war der gelernte Journalist noch im vergangenen Jahr auch gewählter Bundestagsabgeordneter und eben designierter Präsident des größten Sportverbandes der Welt. Und natürlich lassen sich alle drei Jobs nicht nur aus Zeitgründen nicht unter einen Hut bringen — sondern auch, weil es zu viele Überschneidungen unterschiedlicher Interessen gibt.

Denn die Zeiten, in denen der DFB-Präsident so etwas wie ein gütig lächelnder Grußonkel war, sind lange vorbei. Reinhard Grindel steht inmitten der Irrungen und Wirrungen des Zeitgeschehens, muss zum Beispiel Integration moderieren und vorantreiben. Nun hatte der Fußball schon in der Vergangenheit eine solch große verbindende Kraft, dass Integration mühelos gelang, als die Migranten noch Posipal, Kuzorra oder Abram-czyk hießen.

Heutzutage hat jedes sechste DFB-Mitglied einen Migrationshintergrund, und der Präsident als oberster Repräsentant muss nicht nur dafür stehen, dass die Özils, Boatengs, Mustafis und Gnabrys ein starkes Stück Deutschland sind, sondern auch, dass das Zusammenleben und zusammen Spielen in den Jugendabteilungen der Amateurklubs, die den 56-Jährigen in sein Amt getragen haben, funktioniert. „25000 Spielerpässe pro Jahr werden von Kindern und Jugendlichen aus Syrien oder Afghanistan beantragt“, machte Grindel bei seiner Visite beim SV Breinig, dem Heimatverein des DFB-Ehrenpräsidenten Egidius Braun, deutlich.

Doch auch, wenn rechtsradikale Rowdies, die sich Fans der Nationalmannschaft nennen, im Ausland das Ansehen Deutschlands mit Füßen treten, sind klare Worte gefragt. „Wir sind nicht Eure Mannschaft“, befand Grindel nach dem Auftritt des Pöbels in Prag klipp und klar und dürfte dafür nicht durchgängig Beifall geerntet haben. Dass Grindel im traditionell homophoben Fußball den bekennenden Homosexuellen Thomas Hitzlsperger zum Botschafter für Vielfalt machte, ist ebenfalls ein mutiger Schritt und ein gesellschaftliches Statement dazu. „Wir wollen keinen Botschafter für das Schaufenster. Wir wollen, dass er sich mit seiner ganzen Erfahrung einbringt“, sagte der DFB-Boss bei der Vorstellung des 35-Jährigen.

Doch während der Deutsche Fußball-Bund in den bald 118 Jahren seines Bestehens den gesellschaftlichen Veränderungen häufig hinterherhinkte und oft erst später darauf reagiert wurde, galoppieren die Entwicklungen im Kerngeschäft des DFB an seinen Enden in unterschiedliche Richtungen — und schreien förmlich nach schnellen Reformen. Dies bekommt Grindel vor allem zu spüren, wenn er im direkten Gespräch mit der Basis ist.

Sport im Allgemeinen und auch der Fußball verlieren bei den heutigen Kindern und Jugendlichen ihre Anziehungskraft, viele Vereine können schon nicht mehr durchgängig Jugendmannschaften stellen. Und wenn, dann häufig auch nur, weil die Rahmenbedingungen perfekt sind und die Eltern sich als Trainer oder Betreuer engagieren — auch ohne die ganz große Karriere für ihre Sprösslinge im Hinterkopf zu haben.

„Das Leben im Fußball endet nicht, wenn man es nicht in die Bundesliga oder in eines der Nachwuchsleistungszentren der Profiklubs schafft“, warb der DFB-Chef in Breinig dafür, den Sport auch als großartiges Hobby zu betrachten und nicht nur als Sprungbrett in eine sorgenfreie Zukunft. Doch genau diese Sicht auf die Welt bekommen die Möchtegern-Maradonas durch die Topstars der Branche ja gerade schillernd vorgelebt.

Die Ablösesummen, die durch die Topklubs und die Emporkömmlinge wie Paris Saint-Germain zurzeit bezahlt werden, haben schwindelerregende Höhen erreicht, und dass Schlüsselspieler wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo viel Geld verdienen, ist durchaus nachvollziehbar. Dass aber der Portugiese an einem halben Tag so viel auf seinem Konto verbucht wie der deutsche Durchschnittsverdiener mit einem Jahr Arbeit, ist eigentlich nur noch obszön zu nennen.

„Kindheitserlebnisse“

Trotzdem gehört es natürlich zu den originären Aufgaben auch des DFB-Präsidenten dafür zu sorgen, dass die Bundesliga einerseits qualitativ nicht abgehängt wird und andererseits die Akzeptanz der Stadionbesucher trotz steigender Kommerzialisierung und Eventisierung nicht verlorengeht. Die Kampagne „Fußballmafia DFB“ hat in der laufenden Saison die Gräben zwischen Verband und Fans noch weiter aufgerissen.

Da freut es einen als obersten Fußballer des Landes vermutlich doppelt, wenn man vom Fußballkreis Osnabrück-Land als Grünkohl-König ausgezeichnet wird, wie es Mitte November passiert ist. Sicher eine Ehre, zumal Reinhard Grindel, der seine eigenen sportlichen Ambitionen schon früh beendete, im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ auch offen eingesteht: „Als DFB-Präsident verarbeite ich in gewisser Weise eine Menge Kindheitserlebnisse. Den Traum, Nationalspieler zu werden, konnte ich nicht realisieren, aber jetzt darf ich mit der Nationalmannschaft zusammen sein. Ich weiß, welch großes Privileg ich da genießen darf.“