Aachen: Professor Jörg Feldhusen sucht den Kontakt zu Kindern

Aachen : Professor Jörg Feldhusen sucht den Kontakt zu Kindern

Warum springt eine Mine eigentlich aus einem Kugelschreiber heraus? „Einfach mal aufschrauben“, sagt Professor Jörg Feldhusen. Feldhusen, 59, leitet den Lehrstuhl und das Institut für allgemeine Konstruktionstechnik des Maschinenbaus an der RWTH. Und er wünscht sich, dass Kinder und Erwachsene wieder „mehr unter die Oberfläche gucken“ und die Feder im Kugelschreiber finden.

In der Kinderuni hat er am Freitag im Audimax in Aachen darüber gesprochen, wo sich in unserem Alltag überall Hebel verstecken, die uns das Leben erleichtern. Im Interview spricht er darüber, was ein Ingenieur können muss und wie er an seine Ideen für neue Erfindungen kommt.

Aus welchen Schülern und Studenten können später kompetente Ingenieure werden?

Feldhusen: Aus denen, die sich die gesunde Neugier bewahren zu hinterfragen, wie die Dinge funktionieren. Viele sehen nur die Oberfläche. Man muss als Ingenieur unter diese Oberfläche gucken wollen. Warum bewegt sich etwas? Warum leuchtet etwas? Und warum machen Dinge Geräusche?

Haben Sie sich als Kind diese Fragen gestellt, Herr Professor Feldhusen?

Feldhusen: Ich habe genau das gemacht, habe viel geschraubt und gebastelt. In meiner Generation galten die Ingenieure noch als Edelbastler. Das ist heute nicht mehr so. Wenn Sie einem Studenten die Aufgabe geben, das Vorderrad seines Fahrrads auszubauen, dann würden viele das nicht können. Unsere Aufgabe ist, das Interesse an der technischen Umgebung zu wecken, zu befriedigen und hochzuhalten. Aufregen bringt nichts, wir müssen dafür sorgen, dass die Kinder wieder Freude zum Beispiel am Basteln bekommen und sie auch behalten. Ich bin überzeugt, dass die Neugier von Anfang an vorhanden ist.

Wie kommen Sie an die Ideen für eine neue Maschine?

Feldhusen: Das ist ein Mix aus Kreativität, Systematik und Methodik. Am Anfang steht das Wollen: Ich hätte gerne etwas, das etwas Bestimmtes kann. Das ist dann der kreative Teil. Und dann müssen wir die Antwort geben, wie wir das machen. Da steckt neben viel Kreativität aber auch systematisches und methodisches Vorgehen dahinter.

Und was tun Sie, wenn Sie auf dem Weg zu einer neuen Maschine in eine Sackgasse geraten?

Feldhusen: Am besten ist es, wieder Abstand zu gewinnen. Ich gehe ein paar Schritte zurück. Oder ich formuliere das Problem neu. Oder ich schaue mir das Ganze im Spiegel an.

Die Konstruktionsaufgabe besteht immer darin, ein Problem zu lösen. Was ist entscheidend auf dem Weg zur Lösung?

Feldhusen: Es gibt sieben Schritte von der Aufgabenstellung bis zur Lösung. Das Wesentliche ist immer, sich das Problem klarzumachen. Ich muss das Problem verstanden haben, sonst kann es keine Lösung geben.

Was sind typische Konstruktionsbeispiele im Alltag von Kindern?

Feldhusen: Das geht schon morgens los mit dem Kaffeelöffel. Oder mit der Türklinke, dem Fahrstuhl oder dem Kugelschreiber. Kinder sollten im Alltag hinterfragen, wo die Dinge herkommen. Der Kaffeelöffel wächst nicht auf dem Baum, und der kommt auch nicht aus der Erde. Der Weg zum Kaffeelöffel beginnt mit der Erzgewinnung und geht bis zum fertigen Bauteil.

Wie kann man Kinder unterstützen, ohne ihnen zu viel zu verraten und die Lernerfahrung vorwegzunehmen?

Feldhusen: Indem man sie anregt, richtig hinzugucken. Viele schauen sich nicht die Details an. Einfach mal einen Kugelschreiber auseinanderschrauben — und dann sieht man das Wirkprinzip dahinter: die Feder. Kinder verstehen schon viel, man sollte ihnen Fragen stellen und nachhaken bei den einfachen Dingen im Alltag.

Wie kommt eigentlich das Wasser in den Wasserhahn? Warum klemmen manche Schubladen und manche nicht? Warum fährt ein Rollo so schnell runter? Und wie pumpt eine Luftpumpe Luft in den Fahrradreifen? Es gibt so viele Fragen im Alltag…

Feldhusen: … und alle diese Fragen lassen sich mit einem bestimmten Wirkprinzip erklären. Hinter der Technik steht eine beschränkte Anzahl von physikalischen — und auch chemischen — Effekten. Das bedeutet, man kann mit einer endlichen Anzahl an physikalischen und chemischen Effekten alles machen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Kinderuni wieder gestartet: Was ist eine Kraft?