Aachen: Kinderuni: Über Knochenbrüche und ihre Heilung

Aachen : Kinderuni: Über Knochenbrüche und ihre Heilung

Vom Gips um das gebrochene Kinderbein bis zum neuen Hüftgelenk für die Oma: Orthopäden und Unfallchirurgen behandeln Menschen, damit sie sich schmerzfrei bewegen können und mobil bleiben. So wie Matthias Knobe (43), der sich auf Fuß- und Sprunggelenke und auf ältere Patienten spezialisiert hat.

Er arbeitet als leitender Oberarzt in der Unfallchirurgie am Uniklinikum Aachen. Wann bricht ein Knochen? Wie heilt er? Und was ist eine Wachstumszone? Diese Fragen beantwortete Knobe im Gespräch und in der Kinderuni am Freitagnachmittag.

Wer stürzt und sich dabei einen Knochen bricht, hat häufig das Gleichgewicht verloren. Foto: Harald Krömer

Wie viele neue Hüftgelenke haben Sie schon eingesetzt?

Wer stürzt und sich dabei einen Knochen bricht, hat häufig das Gleichgewicht verloren. Foto: Harald Krömer

Knobe: Aus dem Kopf kann ich Ihnen das nicht sagen. Ich habe einen OP-Katalog, da steht das drin. Es sind schon einige hundert. Es kommen zunehmend mehr Revisionsprothesen dazu, also Operationen, bei denen wir etwas korrigieren müssen, zum Beispiel eine Lockerung oder eine Fraktur um die Prothese herum.

Sind die Behandlungsmethoden heute besser als vor 15 Jahren?

Knobe: Na klar. Die Behandlungsmethoden entwickeln sich immer weiter. Früher hat man große Schnitte gemacht, um an den Knochen zu kommen, heute sind es kleine Zugänge. Man achtet sehr auf minimalinvasives Operieren.

Und wie unterscheiden sich die Implantate im Vergleich zu früher?

Knobe: Früher hat der Chirurg zum Beispiel eine beliebige Platte bekommen, die er biegen musste. Heute passen die Firmen ihre Implantate schon an den menschlichen Knochen an, sie sind anatomisch geformt. Auch das Material hat sich geändert. Heute bestehen die Implantate aus Titan und sind sehr leicht. Früher waren sie aus Stahl und sehr schwer. Außerdem sind die Implantate heute stabiler.

Was erwarten Sie von der Forschung in den nächsten Jahren?

Knobe: Man wird versuchen, noch schonender an den Knochen zu kommen, um Haut, Gefäße, Nerven und Muskelschichten nicht zu verletzen. Und die Entwicklung wird dahin gehen, dass die Implantate aus Materialien gefertigt sind, die sich selbst abbauen, dann muss man sie nicht mehr entfernen. Der Weg dahin ist noch weit. Die derzeit in der Forschung befindlichen milchsäurebasierten Implantate halten die Belastung noch nicht aus.

Wann bricht ein Knochen?

Knobe: Ein Bruch entsteht, wenn es zum Missverhältnis zwischen äußerer einwirkender Kraft und der Stabilität des Knochens kommt. Eine Regel, wann ein Knochen bricht, gibt es nicht. Da spielen zu viele Faktoren hinein. Bei Osteoporose-Patienten und im Alter baut sich der Knochen ab. Und da kann es passieren, dass ein Beckenknochen bei einer älteren Dame bricht, obwohl sie sich nur hinsetzt.

Wie versorgen Sie einen gebrochenen Knochen?

Knobe: Es gibt zunächst zwei Möglichkeiten: die konservative Behandlung und die Operation. Konservativ stellt man den gebrochenen Knochen ruhig, am besten in einem Gipsverband. Wenn der Verletzungsgrad nicht so hoch ist und der Knochen nicht falsch steht, kann man konservativ behandeln. Wenn allerdings ein Gelenk beteiligt ist und sich dort eine Stufe gebildet hat, muss man operieren. Denn ein unrundes Gelenk würde zum Verschleiß führen. Die Behandlung ist immer abhängig von der Lokalisation, von der Bruchart, dem Versatz der Knochenenden, von der Gelenkbeteiligung, vom Alter des Patienten und von dessen Anspruch.

Was meinen Sie mit Anspruch?

Knobe: Einen jungen Fußballspieler mit einem versetzten Gelenkbruch würde ich auf jeden Fall operieren. Bei einer bettlägerigen Oma dagegen würde ich eventuell tolerieren, dass das Gelenk nicht mehr ganz rund zusammenwächst. Weil sie eine OP womöglich gar nicht überleben würde. Das hängt immer von den Begleiterkrankungen ab.

Wie schlimm ist ein Knochenbruch für ein Kind?

Knobe: Irgendwie ist ja jeder Knochenbruch für das Kind aber auch für die Eltern schlimm, da er mit Schmerzen einhergeht. Allerdings muss ein Bruch, der zum Beispiel zehn oder 20 Grad abgeknickt ist, bei einem Kind nicht ganz so dramatisch sein. Denn das Kind kann das über das Wachstum häufig ausgleichen, ein ausgewachsener Mensch kann das nicht. Je jünger das Kind beim Unfall ist, desto mehr Ausgleichspotenzial besitzt der Knochen im weiteren Wachstum.

Was müssen Unfallchirurgen bei verletzten Kindern besonders beachten?

Knobe: Kinder haben sogenannte Wachstumszonen im Gelenkbereich. Die sind unter Umständen nicht ganz so stabil wie der restliche Knochen. Wenn hier etwas abrutscht, kann das zu Wachstumsstörungen führen. Darum muss man gerade bei Kindern genau darauf achten, dass man die Knochen anatomisch korrekt wiederherstellt. Daneben gibt es auch Unterschiede in der Diagnostik. Man wird beim Kind, im Gegensatz zum erwachsenen Menschen, so schmerzarm wie möglich vorgehen und auch zum Beispiel unnötige Röntgenuntersuchungen vermeiden.

Die Knochenheilung regelt der Körper dann von selbst?

Knobe: Die Knochenheilung an sich ist ein physiologischer Prozess, den der Körper macht. Das dauert in der Regel sechs Wochen. Allerdings hängt es auch davon ab, ob der Bruch wieder zusammengefunden hat. Wenn die Knochen noch auseinander stehen oder zu viel Bewegung haben, dann schafft der Körper es nicht allein. Generell verläuft die Knochenheilung aber beim Kind schneller als beim Erwachsenen, was ein großer Vorteil ist. Bei ganz kleinen Kindern reichen manchmal zwei bis drei Wochen aus. Auch braucht man zum Beispiel in der Regel keine Physiotherapie bei Kindern. Sie rehabilitieren sich im Spiel.

„Wenn sie motorisch nicht fit sind, sind sie anfälliger für eine Bruchverletzung“

Können Kinder ihre Knochen über eine bestimmte Ernährung stärken? Unfallchirurg und Orthopäde Matthias Knobe ist überzeugt, dass man sich in unseren westlichen Ländern so ernährt, „dass man in der Regel keinen Mangel bekommt“.

In Entwicklungsländern kann das anders aussehen. „Ein Kalziummangel kann dazu führen, dass Knochen weicher werden. Und auch ein Vitamin-D-Mangel kann zu brüchigen Knochen führen, denn er greift in den Kalziumstoffwechsel ein“, sagt er.

Problematisch sieht Knobe in unserer Gesellschaft dagegen den Mangel an Bewegung. „Die Kinder heute sind oft unbeweglich und moppelig“, sagt Knobe. „Sie haben häufig gar nicht mehr den Drang sich zu bewegen, was auch an der Vorbildfunktion bewegungsunfähiger, fernsehender und übergewichtiger Eltern liegt.“ Was das mit Knochenbrüchen zu tun hat? „Wenn sie motorisch nicht fit sind und koordinativ nicht trainiert, sind sie auch anfälliger für eine Bruchverletzung“, sagt Knobe. Etwa nach einem Sprung auf dem Trampolin. In diesem Jahr hat Knobe noch nicht so viele Fälle gesehen. „Aber in den letzten Jahren hat die Zahl der Knochenbrüche durch einen Unfall auf dem Trampolin zumindest gefühlt zugenommen.“

Ein Trampolin sei eben ein Hochrisiko. „Aber ein motorisch und koordinativ geschultes Kind bekommt das besser hin.“