Aachen: Trichet, der sachliche Preisträger

Aachen: Trichet, der sachliche Preisträger

Das Bad in der Menge und der glamouröse Auftritt ist seine Sache nicht: Zögerlich und fast ein wenig schüchtern schritt Jean-Claude Trichet nach Ende des Festakts auf die Rathausempore, zeigte sich dem wartenden Volk und wusste nicht recht, was zu tun ist.

Sollte er jubeln und winken? Er beließ es bei einem leisen Lächeln, das vor allem eines auszudrücken schien: Macht doch nicht soviel Buhei um mich.

Europas mächtigster Banker und Karlspreisträger 2011: sachlich, nüchtern, unspektakulär. Einer, der sich wundert, dass es in Aachen tatsächlich Autogrammjäger gibt, die es auch auf seine Unterschrift abgesehen haben. Einer, dem ein Interview vor Mikrofon und Kamera keine Probleme bereitet, der aber lieber auf Distanz zu den Zaungästen bleibt. Einer, der nie die Absicht verfolgt, sich in die Herzen der Massen zu reden.

„Es ist für mich ein großer Augenblick, danke für die Ehrung”, rief der ausgebildete Ingenieur und Finanzexperte den Besuchern auf dem Katschhof zu, wo es nach den offiziellen Feierlichkeiten im Krönungssaal traditionell locker zugeht. Er lobt die Stadt Aachen, ihre Geschichte, ihren Dom und ihre Hochschule. Er schwärmt von Deutschland, dem Land, in dem er seit acht Jahren lebt und das er als „Kulturnation im Herzen Europas” wahrnimmt. Doch bevor er sich zu sehr einschmeichelt, irritiert er unvermittelt mit Sätzen wie diesen: „Europa ist dort stark, wo seine Institutionen stark sind.”

Man mag dem einflussreichen Franzosen vieles vorwerfen: Populismus gehört ganz sicher nicht dazu. Und so war das Karlspreisfest 2011 eines, an dem sich nicht mal die wenigen Demonstranten richtig reiben konnten: Zurückhaltend der Preisträger, sperrig seine Institution, schwierig das Thema.

Vielleicht fiel auch deshalb der ganz große Promi-Auftrieb aus. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hatte ebenso kurzfristig abgesagt wie Umweltminister Norbert Röttgen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble - immerhin - war als einziger Vertreter der Bundesregierung dabei. Nur fünf Karlspreisträger aus früheren Jahren sind angereist - neben Leo Tindemans, Simone Veil, Felipe González Márquez und Franz Vranitzky auch Jean-Claude Juncker, der sich im Zirkel der Geladenen locker bewegt wie kein zweiter.

Seinen Duzfreund und Namensvetter Jean-Claude Trichet drückte und herzte Juncker beim morgendlichen Empfang im Weißen Saal ebenso wie den ehemaligen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers, Ex-Minister Armin Laschet, Karlspreis-Sprecher Jürgen Linden oder auch den früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher, „diesen großartigen Europäer”. Der etwas robusteren Begrüßung des örtlichen SPD-Europaabgeordneten Martin Schulz, Chef der sozialistischen Fraktion in Brüssel - „Du roter Hund, wie gehts” - lässt er lachend eine innige Umarmung folgen.

Juncker war es auch, der am Ende im Kreise der Preisträger auf den Punkt brachte, worum es beim Karlspreis geht: „Solange wir hier oben stehen und gemeinsam die Bühne erobern, solange wird Europa nicht sterben”, rief er den Katschhofbesuchern zu.

Zufriedener Oberbürgermeister

„Das ist ein guter Tag für die europäische Idee”, freute sich ein sichtlich zufriedener Oberbürgermeister Marcel Philipp, der nun bereits zum zweiten Mal im internationalen Rampenlicht stand und den Festakt souverän gemeistert hat. Ob sich schon so etwas wie Routine bei ihm eingestellt habe? „Fragen Sie mich in 15 Jahren noch mal”, antwortete er und gestand eine „gewisse Anspannung” im Vorfeld ein.

Seinen Ehrengast entließ er kurz nach Mittag nicht nur mit der Karlspreismedaille, sondern auch mit einem gelaserten Rathausmodell und einer großen Packung Printen: „Kommen Sie gerne wieder zu uns, um Nachschub zu holen.”