Aachen: Karlspreis: 1,2 Kilo Printen und 4600 Canapés

Aachen: Karlspreis: 1,2 Kilo Printen und 4600 Canapés

Mit Europas oberstem Währungshüter kann man rechnen. Muss man. Jean-Claude Trichet zählt nämlich nicht nur als Nummer Eins der Europäischen Zentralbank, sondern - zweitens - seit Donnerstag auch zu den Trägern des Internationalen Karlspreises zu Aachen.

Der 68-Jährige ist Nummer 52 in der 61-jährigen Geschichte der Auszeichnung - wenn man die Verleihung an Johannes Paul II. außen vor lässt. Petrus schickte jedenfalls Christi Himmelfahrt die Wolken auf Reisen - strahlend blauer Himmel, 21 Grad Celsius, Kaiser(Karls)wetter eben.

Zu einem Mann wie Trichet, der mit Milliarden Euro jongliert, passen folgende Zahlen und Fakten rund um die Verleihungszeremonie: 5000 Euro Preisgeld gabs, gestiftet für den Jugendkarlspreis. Mitnehmen durfte der Franzose zunächst viel Applaus, genau zwei Minuten und zehn Sekunden von 850 Gästen im Krönungssaal nach seiner Festrede. Nicht mal halb so viele Bürger tröpfelten indes Richtung Markt, um Trichet nach dem Festakt zu beklatschen.

Statt Bad in der Menge gabs eine kalte Dusche von links. Nicht einmal 40 Demonstranten - abgeschirmt von zehn der zahllosen Polizisten - pfiffen Trichet und die Ehrengastgarde aus, die sich winkend in Position gestellt hatten. Und obwohl jubelnde Aachener in der Überzahl waren, überließen sie den Protestlern die Stimmungshoheit. Schade. Gekrönte Häupter gabs auch nicht zu sehen. Dafür zehn Botschafter und fünf frühere Karlspreisträger. Nach nur 15 Sekunden auf dem Rathausbalkon zogen sich Trichet und die politische Elite deswegen erst mal ins Foyer zurück - was ein Rekord sein dürfte.

Auf dem Katschhof wurden die Granden europäischer Politik dafür umso strahlender in Szene gesetzt. Über 1000 Menschen füllten den Platz. Und horchten gespannt hin. Was auch an 40.000 Watt Licht und 25.000 Watt Tonleistung der dortigen Bühne lag, die das Eventac-Team über insgesamt 4,6 Kilometer Kabel mit Strom versorgte.

Energisch erneuerte dort Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker seine Liebe zu Aachen, in das er eigentlich erst zurückkehren wollte, „wenn die Alemannia genau so gut spielt wie die Stadt sich zeigt”. Tosender Applaus, geschätzte 95 Dezibel. Noch mehr für Hans-Dietrich Genscher, der Aachen als außergewöhnlich lebendige europäische Stadt beschrieb. Und Preisträger Trichet? Der hatte im Krönungssaal mit bekannter Präzision gepunktet. Und auf Heller und Pfennig, beziehungsweise Cent, in Sachen Arbeitsmarkt vorgerechnet: „Die Beschäftigung in der Europäischen Union ist seit der Einführung des Euro um 14 Millionen gestiegen; in den Vereinigten Staaten waren es im selben Zeitraum acht Millionen.”

Komplimente adressierte er später: „Ich bin begeistert von Aachen und den Aachenern.” 132 Journalisten waren zum Karlspreis akkreditiert - darunter aber lediglich fünf französische Kollegen. Natürlich berichtete der WDR mit Kommentatorin Bettina Staubitz - zum achten Mal dabei - und einem knapp 40-köpfigen Team live. Acht Kameras zeigten 89 Minuten der Karlspreiszeremonie. Einschaltquote folgt.

Souverän begrüßte OB Marcel Philipp Gäste und Publikum - im Saal, über die LED-Wand vor dem Granusturm und die Bildschirme zu Hause. Einer der prominentesten: Ex-Bundespräsident Horst Köhler. Das dauerte genau 18:32 Minuten. Genauso viel Zeit beanspruchte Laudator José Manuel Barroso. Trichets Festrede geriet fast doppelt so lang.

So etwas macht natürlich durstig, und auch hungrig. Sieben Gastro-Stände offerierten beim Katschhoffest Würstchen, Waffeln und Gummibärchen. Das billigste Bier gabs für 1,70 Euro, für Aperol-Spritz waren satte 5 Euro fällig. Erheblich exquisiter kredenzte das Team von Quellenhof-Chef Olaf Offers den 540 Ehrengästen später in der Aula Carolina exakt 4600 Canapés - macht achteinhalb pro Person. Teilen wollte aber keiner.

Küchenchef Jeroen Rumpen zauberte Köstlichkeiten von Scampi in Curry-Öl bis zu Schoko-Hörnchen aus edler, samtbrauner Kuvertüre. Bunter gings genau 400 Meter entfernt zu - am Dom. Inmitten der Info-Stände rund um Europa und Aachens Partnerschaftskomitees ließ die Kulturinitiative KuKuK acht mannsgroße Holzsilhouetten von Passanten bepinseln. Offizielles Motto: „Alles ist Kunst, solange man damit durchkommt.”

Apropos durchkommen: Die Innenstadt war aus Sicherheitsgründen gesperrt. Dafür sorgte nicht nur die Polizei, sondern auch eine Heerschar Politessen. In Vierer-Trupps (!) riegelten sie etwa den Büchel Richtung Markt ab. Da wurde der Ton gegenüber haltsuchenden Autofahrern schon mal unnötig schärfer - zumal auch das Parkhaus am Büchel für den Karlspreis gesperrt war. Staatskarossen und Polizeistaffeln rollten indes noch am Abend durch Aachens City. Bis gegen 20.30 Uhr der letzte Programmpunkt auf der Katschhof-Bühne startete.

Laut städtischer Verlautbarung ein Ton-Konzert mit dem Titel: „Hast du dich verlaufen, verlass halt den Weg.” Trichet jedenfalls ist Aachen angekommen. Auf den Punkt. Aus Aachen nahm er viel Zuspruch, die Karlspreismedaille und eine 1,2 Kilogramm schwere Kiste mit zum EZB-Sitz nach Frankfurt - mit besten Öcher Printen. Auch das zählt.