Aachen: Kardinal Kasper: Was Franziskus von der Kirche und Europa erwartet

Aachen: Kardinal Kasper: Was Franziskus von der Kirche und Europa erwartet

Als Papst Franziskus vor mehr als zwei Jahren daran ging, den enormen Widerspruch zwischen katholischer Sexualmoral und Familienpastoral einerseits und dem gelebten Alltag der Gläubigen andererseits zumindest ein wenig zu mildern, bat er den emeritierten Kurienkardinal Walter Kasper, sich der Sache anzunehmen und dessen Amtsbrüdern Augen und Ohren zu öffnen.

Der Deutsche gilt in Rom als Mann für heikle Fälle und spielte vor und während der Familiensynode eine herausragende Rolle.

Gespräch im Schatten des Aachener Domes: Kardinal Walter Kasper mit unseren Redakteuren Bernd Mathieu (rechts ) und Peter Pappert. Foto: Andreas Hermanns

Auf Kaspers Klugheit und Geschick setzten auch die Aachener Karlspreis-Verantwortlichen, um den Papst davon zu überzeugen, diese Auszeichnung — ausnahmsweise — anzunehmen. Über Franziskus und dessen Leitlinien sowie den Widerstand, auf den er in der Kirche stößt, sprachen unsere Redakteure Bernd Mathieu und Peter Pappert mit Kasper.

Franziskus verfolgt ein ambitioniertes Programm. Wie ist das Echo in der Kirche und in der vatikanischen Kurie?

Kasper: Die allermeisten Menschen weit über die katholische Kirche hinaus sind begeistert von diesem Papst. In der Kurie gibt es auch Widerstand. Aber wo gibt es den nicht? Wenn in Ihrer Redaktion alles umgekrempelt würde, gäbe es auch Widerstand.

Will der Papst in der Kurie alles umkrempeln?

Kasper: Er krempelt schon vieles um — aber nicht nur strukturell. Ihm geht es vor allem um die Mentalität. Nur wenn die sich ändert, bringen Strukturreformen überhaupt etwas. Das braucht Zeit. Franziskus arbeitet daran.

Der Papst hat das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Barmherzigkeit ist der zentrale Begriff seines Pontifikats. Sie haben vor vier Jahren ein Buch über die Barmherzigkeit geschrieben und es im März 2013 während des Konklaves im Vatikan dem Kardinal Jorge Mario Bergoglio, geschenkt. Wie kam es dazu?

Kasper: Ein paar Tage vor Beginn des Konklaves erschien die spanische Ausgabe des Buches. Die habe ich Kardinal Bergoglio geschenkt, als ich ihn im Gästehaus „Santa Marta“ an seiner Zimmertür stehen sah. Die Zimmer werden vor dem Konklave unter den Kardinälen ja immer ausgelost, und er war genau mir gegenüber untergebracht. Er war angetan von dem Titel „Misericordia“ und hat das Buch dann offensichtlich während des Konklaves gelesen.

Am ersten Sonntag nach seiner Wahl hat Franziskus auf dem Petersplatz Ihr Buch ausdrücklich erwähnt und zur Lektüre empfohlen. Was dachten Sie dabei?

Kasper: Ich habe das im Fernsehen gesehen und gedacht (lacht): „Was fällt dem Papst ein?“ Wenig später sagte er zu mir: „Ich habe Propaganda für Sie gemacht.“

War er für Sie schon vor dem Konklave jemand, der Papst werden sollte und könnte?

Kasper: Er war sicher auch für mich ein potenzieller Kandidat. Aber das Eigentliche ist im Konklave geschehen; da entstand der Eindruck: Es bewegt sich was. So haben es mir auch andere Kardinäle bestätigt. Bergoglio war jedenfalls jemand, auf den man schaute. Die Kurie befand sich in einer Krise; da musste jemand von außen kommen. Er hatte dazu im Vorkonklave sehr gut gesprochen.

War im Konklave eine starke Mehrheit der Meinung, dass frischer Wind von außen nötig ist, oder mussten Sie viel Überzeugungsarbeit leisten?

Kasper: Da bin ich eher zurückhaltend. Eine solche Wahl ist eine Gewissensentscheidung. Da soll man nicht versuchen, zu viel Einfluss zu nehmen.

Gibt es Fraktionsbildungen im Konklave?

Kasper: Das sollte es nicht geben. Manche sind sich natürlich näher; das ist das Normalste von der Welt. Manche sprechen sich ab; das ist nicht verboten. Dass sich regelrechte Fraktionen bilden, dafür bin ich aber nicht zu haben. Jeder muss das mit seinem Gewissen ausmachen.

Sie haben von einer „Revolution der Zärtlichkeit und der Liebe“ gesprochen. Ist es diese Zärtlichkeit, die so selten ist bei den Auftritten der großen Weltenlenker in Politik, Kirche und Wirtschaft, die dem Papst die Herzen zufliegen lässt?

Kasper: Er ist zuallererst Mensch. Das spüren die Leute. Und sie spüren, dass er glaubwürdig ist, dass er lebt, was er sagt. Er spricht eine sehr bilderreiche, konkrete Sprache, die die Menschen verstehen. Franziskus ist keiner aus dem Establishment. Er will Menschen begegnen. Er braucht das. Deshalb wohnt er nicht im päpstlichen Appartement. Als er gefragt wurde, warum er nicht in den Palast zieht, hat er gesagt: „Das ist bei mir ein pathologisches Problem. Da kann ich nicht leben. Da bin ich zu isoliert. Ich muss unter Menschen sein.“

Es wird viel gesprochen vom frischen Wind, der durch die katholische Kirche weht, von Glasnost und Perestroika im Vatikan, von einer franziskanischen Zeitenwende. Ist das angemessen oder übertrieben?

Kasper: Solche Begriffe sind immer ein bisschen übertrieben. Aber es ist schon richtig: Franziskus will das Gesicht der Kirche verändern — nicht ihr Wesen. Er will ein menschliches, ein barmherziges Gesicht dieser Kirche. Er will eine Kirche nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit ausgestreckter Hand. Er hat große seelsorgerische Erfahrung aus argentinischen Landgemeinden und Elendsquartieren. Der Papst steht mit beiden Füßen auf dem Boden; er ist nicht in einer abgehobenen klerikalen Welt zu Hause.

Manchen in der katholischen Kirche geht es nicht schnell genug mit der franziskanischen Wende, anderen geht es jetzt schon zu weit.

Kasper: Die Kritiker und die Zögerlichen bremsen; andere wollen ganz schnell alles umkrempeln. Das kann der Papst nicht. Franziskus geht Schritt für Schritt vor; er will möglichst viele mitnehmen. Sein Amt ist das Amt der Einheit.

Wer bremst?

Kasper: Konservativ eingestellte Leute, die sehr von Prinzipien her denken, die sie gewahrt sehen wollen; dabei verlieren sie zum Teil die Bodenhaftung. Sie haben auch Angst vor zu viel Veränderung. Die Kurie ist eine alte Institution, in der Karrieren und Gewohnheiten gepflegt werden.

Kritiker innerhalb der Kirche werfen dem Papst vor, er habe zwar schon viele Mauern eingerissen, aber keinen Plan für den Neubau, er habe mehr Ideen als Substanz. Er sei zu spontan.

Kasper: Spontan zu sein, ist ja nicht negativ. Franziskus lässt sich vom Heiligen Geist führen. Für ihn ist der Glaube keine Flutlichtanlage, sondern eine Laterne, die Schritt für Schritt leuchtet; sie gibt immer Licht für den nächsten Schritt. Er überlegt genau, was möglich ist. Das zeigt sich jetzt auch im Dokument „Amoris laetitia“ zur Familiensynode. Der Papst setzt neue Akzente, aber er darf seine Kirche nicht spalten.

Sie haben schon vor Monaten festgestellt, die Synode habe „die Tür für die Zulassung in Einzelfällen der wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten“ geöffnet. Wie groß ist Ihre Hoffnung heute?

Kasper: Die Tür ist offen. Franziskus schreibt aber nicht vor, wie man sie durchschreiten soll. Er wiederholt nicht frühere, eher negative Aussagen von vorherigen Päpsten darüber, was nicht möglich und nicht erlaubt ist. Da gibt es also Spielraum für die einzelnen Bischöfe und Bischofskonferenzen. Die Familiensynode hat ja gezeigt, dass es nicht nur Progressive und Konservative gibt, sondern unterschiedliche Kulturen in der einen Kirche. Die Eigenständigkeit der Kulturen zeigt sich derzeit sehr deutlich. Darauf muss der Papst Rücksicht nehmen. Nicht alle Katholiken denken wie wir Deutsche.

Franziskus hält also an dem Ziel fest, das er mehrmals bei bedeutenden Anlässen genannt hat: Synodalität, Dezentralisierung, mehr Kompetenzen für die Ortskirchen.

Kasper: In „Amoris laetitia“ sagt er auf den ersten beiden Seiten, es sei nicht Aufgabe des Lehramtes, für jede einzelne Situation zu entscheiden. Zweitens sagt er, die Kirche müsse sich inkulturieren. Die Kulturen sind aber nun mal verschieden. Das heißt: Bei uns kann richtig sein, was in Afrika als falsch gilt. Also lässt der Papst Spielraum für unterschiedliche Situationen und künftige Entwicklungen.

Die Kirche bewegt sich.

Kasper: Ja. Franziskus will nicht alles beim Alten lassen. Er spricht von Leidenschaft und Schönheit der leidenschaftlichen Liebe. Das ist nicht mehr wie früher abstrakt oder von Misstrauen geprägt.

Ein neuer Ton.

Kasper: Ja, ein neuer Ton.

Und Rückenwind für die Deutsche Bischofskonferenz.

Kasper: Sicher.

Wird es für die Pfarrer vor Ort leichter, mit Problemen in der Familienpastoral umzugehen?

Kasper: Leichter und schwieriger zugleich. Dabei ist die Praxis bei uns längst viel offener. Als ich Bischof von Rottenburg war, erzählte mir ein Pfarrer von einer Mutter, die geschieden und wieder verheiratet war und ihre Tochter auf die Erstkommunion viel besser und intensiver vorbereitet hatte als andere, eine Frau, die in der Gemeinde und der Caritas hoch aktiv war. Jetzt könne er doch am Tag der Erstkommunion dem Mädchen nicht sagen: „Du darfst, aber Deine Mama darf nicht.“ Der Pfarrer hatte vollkommen Recht. Das habe ich dem Papst erzählt, und Franziskus bestätigte meine Haltung: „Da muss der Pfarrer eine Entscheidung treffen.“ Ich habe gesagt: „Er hat entschieden.“ Solche Situationen menschlich zu regeln, dafür gibt es jetzt Rückenwind. Andererseits gibt es kein Patentrezept. Der Pfarrer braucht Fingerspitzengefühl. Ich weiß nicht, ob alle darauf genügend vorbereitet sind. Da muss in der Ausbildung viel geschehen, damit nicht jeder macht, was er will. Die einen eilen voraus, die anderen muss man schieben. Es wäre gut, wenn man gemeinsame Kriterien hätte, keine Weisungen, sondern Maßstäbe.

Das alles beherrschende Motiv bleibt Barmherzigkeit. Würde Franziskus den Umgang der Europäischen Union mit Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und Afrika barmherzig nennen? Hören die Staaten der EU seine Botschaft?

Kasper: Die Botschaft wird nicht von allen angenommen. Auch ein Papst stößt auf Widerspruch. Andererseits hat sein Besuch auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa Konsequenzen gehabt. Zuvor war es italienischen Fischern ausdrücklich verboten, schiffbrüchigen Flüchtlingen zu helfen. Das wurde geändert. Wir dürfen als Christen Kinder, Babys, alte Menschen nicht einfach im Dreck und im Nassen liegen lassen. Natürlich kann Eu-ropa nicht alle aufnehmen. Aber Obergrenzen lösen das Problem nicht und können auch das individuelle Asylrecht nicht außer Kraft setzen. Wenn wir so handeln würden wie der kleine Libanon, müssten wir Millionen aufnehmen.

Franziskus formuliert oft sehr deutlich, gar scharf, wenn er über die europäische Flüchtlingspolitik spricht. Er verlangt klipp und klar von Europa, seinen Lebensstil zu ändern. Er ist ungeduldig.

Kasper: Dass wir so wie bisher nicht weitermachen können, liegt auf der Hand. Was hinterlassen wir denn den folgenden Generationen? Der Papst formuliert prophetisch — nicht nur abstrakte Prinzipien, sondern konkrete Aufgaben. Das ist nötig, zumal von manchen ja auch geradezu Angst geschürt wird: Islamisierung Europas! Die Bundeskanzlerin hat ganz Recht, wenn sie sagt: Die Islamisierung können wir am besten dadurch verhindern, dass wir sonntags öfter in die Kirche gehen.

Erwarten Sie am 6. Mai bei der Karlspreisfeier in Rom eine Philippika des Papstes an Europa?

Kasper: Keine Philippika — das ist nicht seine Art. Aber er wird deutlich seine Meinung sagen, ob Europas Grundwerte mit der EU-Politik übereinstimmen.

Es heißt immer, ein Papst nehme generell keine Auszeichnungen und Preise an. Warum macht Franziskus mit dem Karlspreis eine Ausnahme?

Kasper: Das Karlspreisdirektorium hatte mich um Vermittlung gebeten. Ich bin zum Papst gegangen und habe ihm das Anliegen dieser Auszeichnung erläutert. Europa ist in einer schwierigen Situation; also wird jemand gesucht, der eine authentische, glaubwürdige, moralische Instanz ist. Da gibt es nur wenige; Franziskus ist vielleicht sogar der einzige. Er betrachtet die Auszeichnung bestimmt nicht als persönliche Ehrung, sondern als gute Gelegenheit, etwas zu Europa zu sagen — einem Kontinent, der seiner Meinung nach etwas müde geworden ist.

Sie waren für den Karlspreis Aachens wichtigster Botschafter.

Kasper: Das weiß ich nicht; ich war der Briefträger.

War es schwer, den Papst zu überreden?

Kasper: Man argumentiert vorsichtig. Er hat kurz danach auf die Frage eines Journalisten, warum er den Preis annimmt, gesagt: „Das liegt an der Dickköpfigkeit von Kardinal Kasper.“

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