Merode/Hamburg: „Spannende Aufgabe“: Finanzchef des HSV kommt aus Merode

Merode/Hamburg: „Spannende Aufgabe“: Finanzchef des HSV kommt aus Merode

Frank Wettstein (41) aus Merode liebt Fußball. Und er ist Finanzexperte. Seit knapp einem Jahr ist Wettstein „Chief Financial Officer“ (CFO), Finanzchef, des traditionsreichen Hamburger Sportvereins (HSV) und damit ordentliches Vorstandsmitglied des Clubs. Im Gespräch mit Sandra Kinkel spricht er über seine Aufgaben beim HSV und die Herausforderungen, die sein Heimatclub Viktoria Schlich zu bewältigen hat.

Wie haben Sie Ihr erstes Jahr beim HSV erlebt?

Wettstein: Es war eine sehr intensive Zeit, was natürlich auch an der sportlichen Situation des Vereins lag. Die hat die kompletten Abläufe im gesamten Verein geprägt.

In wiefern?

Wettstein: Wir mussten unsere Handlungen auch darauf ausrichten, dass der Club möglicherweise in die Zweite Bundesliga absteigt. Das heißt, gewisse Dinge mussten einfach doppelt gemacht werden: für Liga 1 und Liga 2.

Was genau sind Ihre Aufgaben als Finanzvorstand des HSV?

Wettstein: Grob abgegrenzt bin ich für den Innendienst zuständig, also für Finanzen, Personal, Recht, Informationstechnologie und den Stadionbetrieb verantwortlich.

Sie sind von Hause aus Bankkaufmann, Diplom-Kaufmann, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Ist man mit dieser Ausbildung prädestiniert für den Job beim HSV?

Wettstein: Es scheint so. Aber Spaß beiseite: Ich habe viele Erfahrungen und Kontakte im Fußball, aber eben auch darüber hinaus. Daraufhin bin ich gefragt worden, ob ich mir vorstellen könnte, die Aufgabe beim HSV zu übernehmen.

Mussten Sie lange überlegen, ob Sie das Amt annehmen?

Wettstein: Nein, überhaupt nicht. Es ist eine interessante Aufgabe bei einem renommierten Verein in einer attraktiven Stadt. Warum sollte ich da lange überlegen?

Zum Beispiel, weil der HSV sportlich schlecht da stand. Der Abstieg drohte. War es da nicht auch ein Risiko, diesen Job anzunehmen?

Wettstein: Sicher gibt es Risiken. Die sind aber für mich nicht entscheidend. Ausschlaggebend war einzig und allein die Attraktivität der neuen Aufgabe.

Was ist der Hauptunterschied zwischen Ihrer heutigen und Ihrer früheren Tätigkeit? Bis Sie zum HSV gegangen sind, waren Sie selbstständig.

Wettstein: Zuvor habe ich als Wirtschaftsprüfer verschiedene Mandanten in unterschiedlichen Fragen beraten. Heute arbeite ich als Vorstandsmitglied nur noch für den HSV.

Und damit auch wieder an der Spitze eines größeren mittelständischen Unternehmens.

Wettstein: Ja, das kann man so sagen. Der HSV ist in der Tat ein größeres mittelständisches Unternehmen mit vergleichbaren Anforderungen wie bei anderen Unternehmen auch.

Welche Aufgaben übernehmen Sie in diesem Unternehmen konkret?

Wettstein: Mit meinen Vorstandskollegen bin ich für den gesamten HSV verantwortlich. Ich selbst bin zum Beispiel für die Abläufe und Prozesse in der HSV-Geschäftsstelle zuständig, genau wie für die gesamte Organisation. Im Finanzbereich ist eine Hauptaufgabe Planungssicherheit zu schaffen.

Wie viele Leute arbeiten beim HSV?

Wettstein: Ohne die Fußballer etwa 160. Diese verteilen sich auf die Geschäftsstelle, das Nachwuchsleistungszentrum und auf unsere Fan-Shops.

Können Sie verraten, wie hoch der Etat des HSV ist?

Wettstein: Der Verein macht etwa 120 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Damit liegen wir im oberen Drittel der Bundesliga.

Viel Geld ist also nicht unbedingt ein Garant für gute sportliche Leistungen ist?

Wettstein: Das ist wohl so.

Woran lag es dann, dass der HSV zwei Mal gegen den Abstieg gekämpft hat?

Wettstein: Das habe ich nicht zu beurteilen, weil es zum einen vor meiner Zeit war und ich zum anderen für die sportlichen Belange im Verein nicht zuständig bin. Fakt ist aber, dass Fußball deutlich komplizierter ist, als es die Spielregeln vermuten lassen. Es geht zum Beispiel auch um die Kaderplanung und ein gutes Ausbildungskonzept. Und gerade das Ausbildungskonzept des Vereins wurde im vergangenen Jahr personell und strukturell komplett verändert. Allerdings dauert es einige Jahre, bis so eine Veränderung greift.

Ist es Ihrer Meinung nach eine gute Entwicklung, dass im Fußball mittlerweile so viel Geld fließt?

Wettstein: So sind halt die Rahmenbedingungen. Und sie haben den Sport nicht unattraktiver gemacht. Im Gegenteil: Der Fußball ist international und national so attraktiv wie nie.

Ist das so, wenn am Ende doch immer die Bayern gewinnen?

Wettstein: Das tun sie ja gar nicht. Hat nicht zuletzt Wolfsburg den DFB-Pokal und den Super-Cup gewonnen? Ein Drittel der Mannschaften haben bis zum Ende der Saison gegen den Abstieg gekämpft. Auch um die Qualifikation für die internationalen Wettbewerbe wurde lange gestritten. Von Langeweile kann da wirklich keine Rede sein.

Wo sehen Sie den HSV nach der nächsten Saison?

Wettstein: Auf jeden Fall auf einer besseren Platzierung als in den vergangenen zwei Jahren.

Schlägt das Fan-Herz eines HSV-Vorstands automatisch für den Hamburger Club?

Wettstein: Unbedingt. Von meinem ersten Tag beim HSV habe ich meine komplette Arbeitskraft und Anstrengung in die Arbeit für den Club gelegt und mich voll mit demVerein identifiziert.

Das heißt...

Wettstein: Das heißt, dass ich jedes Spiel gucke und zwar meistens im Stadion.

Wo sind Sie am 14. August?

Wettstein: Beim Bundesliga-Auftakt gegen den FC Bayern in München. Alles andere wäre aber wohl auch unvorstellbar.

Wagen Sie eine Prognose für dieses Spiel?

Wettstein: Das Stadion wird voll sein.

Sie leben mit Ihrer Familie in Schlich, sind Vorsitzender der örtlichen Viktoria. Wie lässt sich das mit einem Fulltime-Job beim HSV vereinbaren?

Wettstein: Mit engagierten Mitstreitern, denen es um die Sache geht, ist es möglich. Da sind wir bei Viktoria Schlich gut aufgestellt.

Profitiert Viktoria Schlich von Ihrem Job in Hamburg? Oder anders gefragt: Kommt der HSV bald zu einem Freundschaftsspiel?

Wettstein: Nein, das wohl eher nicht. Unser Verein in Schlich hat ganz andere Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt.

Welche sind das?

Wettstein: Das größte Problem im Amateurfußball ist, dass sich der Sport auf immer weniger Clubs konzentriert. Viele Vereine verschwinden, weil es an Nachwuchs und finanziellen Mitteln fehlt. In Schlich haben wir ein existenzielles Problem in der Infrastruktur. Wir haben einen unbespielbaren Aschenplatz, der dringend saniert werden muss, zumal auch unser Rasenplatz ohne Entwässerungssystem ist und in Herbst und Winter nicht genutzt werden kann. Das macht es schwer, den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Immerhin treiben bei uns im Verein rund 200 Kinder und Jugendliche Sport. Wenn sich an der Platzsituation nichts ändert, ist unser Verein in seiner Existenz gefährdet. Hier ist auch die Gemeinde gefragt.

Ihr Vertrag in Hamburg geht noch zwei Jahre. Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Wettstein: Für die nächsten zwei Jahre gibt es genügend Herausforderungen — in Hamburg, aber auch in Schlich. Wenn diese Aufgaben erledigt sind, kann ich Ihnen diese Frage beantworten.