Kreis Heinsberg: „Respekt“: Betreuungskräfte gründen Selbsthilfenetzwerk

Kreis Heinsberg: „Respekt“: Betreuungskräfte gründen Selbsthilfenetzwerk

Die rund 80 osteuropäischen Betreuungskräfte aus dem Wanderarbeitnehmerprojekt treffen sich regelmäßig in Gruppen in Erkelenz, Geilenkirchen, Karken und Randerath, machen hier Sprachkurse und Kurse zur Einführung in die Betreuung und tauschen sich aus. Die Teilnehmer der Erkelenzer und Geilenkirchener Gruppen kamen nun im neuen Ort der Begegnung „Zur Flachsklause“ aus einem ganz anderen Grund zusammen.

Feierlich mutete der Moment an, als die Stifte gezückt und die Mitgliedsformulare ausgefüllt wurden. Das Wanderarbeitnehmerprojekt wird von der Betriebsseelsorge, dem Bistum Aachen, dem regionalen Caritasverband und den Steyler Missionsschwestern getragen und wurde hauptsächlich von Schwester Svitlana aufgebaut. Sonja Hanrath und Rosi Becker haben es in enger Zusammenarbeit mit Heinz Backes und Johannes Eschweiler (Arbeitnehmer- und Betriebsseelsorge im Bistum Aachen) sowie in Kooperation mit dem Amos e.V. weitergeführt. „Es hat damit eine neue Qualität erreicht, die Selbsthilfe mit der Hilfe zur Selbsthilfe“, so Johannes Eschweiler.

„Wir haben heute ein besonderes Treffen. Wir wollen endlich die Gruppe ‚Respekt’ gründen. Jeder der verbindlich das Formular ausfüllt und zwölf Euro Jahresbeitrag zahlt, ist ab heute Mitglied“, erklärte Rosi Becker allen Anwesenden. Johannes Eschweiler erläuterte, dass das Selbsthilfenetzwerk „Respekt“ von Bozena Domanska unter dem Dach der Gewerkschaft VPOD in der Schweiz gegründet worden sei.

Bozena Domanska habe viele Jahre als Polin in Deutschland in der Betreuung gearbeitet. Dann sei sie in die Schweiz gegangen. Dort sollte sie für das gleiche Geld die Betreuung von zwei Menschen übernehmen. Sie wurde nicht nach dem Mindestlohn bezahlt und musste rund um die Uhr in dem gut situierten Haushalt arbeiten.

Sie ging zur Gewerkschaft, klagte gegen den Arbeitgeber und gewann, so dass sie den finanziellen Grundstock hatte, „Respekt“ zu gründen. Andere Frauen, die in der Pflege arbeiteten, schlossen sich an. Dadurch, dass sie alle unterschrieben haben, sind sie nun stark, um sich zu wehren und für faire Arbeitsbedingungen, gegen 24-Stunden-Arbeit, die nur mit sechs Euro Stundenlohn bezahlt wird, einzusetzen.

Bozena Domanska sei schon zweimal bei der Betriebsseelsorge im Bistum Aachen und in den Gruppen des Wanderarbeitnehmerprojekts in Erkelenz und Geilenkirchen gewesen, so Eschweiler. Die Teilnehmer hätten sich daraufhin entschieden, „Respekt“ auch im Kreis Heinsberg zu gründen.

Denn ähnliche Zustände wie in der Schweiz gebe es auch hier. „Nahezu 75 Prozent der weiblichen und männlichen Betreuungskräfte in der Region sind in Schwarzarbeit oder Scheinselbstständigkeit, zahlen weder in die Kranken- noch Rentenkassen ein, müssen oft rund um die Uhr zur Verfügung stehen und haben kaum Privatsphäre“, betonte Johannes Eschweiler.

Als Dachverband des Selbsthilfenetzwerks für Beratungen und politische Anwaltschaft konnte der Bezirks- und Diözesanverband der KAB (Katholischen Arbeitnehmerbewegung) im Bistum Aachen gewonnen werden. Dieser steuert einen Solibeitrag von 1,50 Euro pro Betreuungskraft monatlich zu den Mitgliedsbeiträgen von einem Euro im Monat dazu.

Damit sind die Betreuungskräfte Mitglieder der KAB und können Beratungen in Anspruch nehmen sowie sich politisch vertreten lassen.

Gefördert und unterstützt wird das Selbsthilfenetzwerk „Respekt“ zudem von den ehrenamtlichen Mitarbeitern Sonja Hanrath und Rosi Becker von Amos e.V. sowie von der Betriebsseelsorge im Bistum Aachen und dem Katholikenrat der Region Heinsberg.