Städteregion: Reichspogromnacht: Was geschah in der Städteregion?

Städteregion: Reichspogromnacht: Was geschah in der Städteregion?

Das Schaufenster des Kaufhauses Wolff am Stolberger Steinweg ist über und über mit Blumenarrangements geschmückt. Riesengroß prangt die Ziffer 50 im Schaufenster. Es ist das Jahr 1938 und Berthold Wolff feiert das 50-jährige Bestehen seines Kaufhauses.

Erfolgreiche Jahre liegen hinter dem jüdischen Mann aus Stolberg. Das Geschäft floriert, und in der Stadt ist der Kaufmann beliebt. Er genießt ein hohes Ansehen und gilt als großzügig. So stattet Berthold Wolff in jedem Jahr ein Mädchen und einen Jungen aus Stolberg kostenlos für ihre Erstkommunion aus.

Neun Stolpersteine in einem zerbrochenen Davidsstern: Sie erinnern vor der ehemaligen Synagoge am Würselener Lindenplatz an Opfer des Nationalsozialismus. Foto: Christina Handschuhmacher

Flammen am Nachthimmel

Doch auch Wolff bekommt die Repressalien der Nationalsozialisten immer stärker zu spüren. Als sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 über hundert Männer der SA und zahlreiche SS-Mitglieder am Alten Markt in der Stolberger Altstadt versammeln, hat Berthold Wolff sein Geschäft bereits aufgeben müssen. Er hat seine Heimatstadt Stolberg verlassen und ist nach Aachen gezogen.

Am heutigen Samstag jährt sich die Reichspogromnacht zum 75. Mal. Nur noch wenige Zeitzeugen können über die Ereignisse aus erster Hand berichten. Es sind Menschen wie die Stolberger Heimathistorikerin Karen Lange-Rehberg, Franz Hirtz vom Eschweiler Geschichtsverein oder Jürgen Hohlfeld vom Würselener Arbeitskreis „Kein Vergessen“, die die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte wach halten.

„Hier in der Altstadt hat das ganze Übel damals seinen Anfang genommen“, sagt Lange-Rehberg, blickt aus ihrem Küchenfenster auf die Stolberger Burgstraße und beginnt zu erzählen. Es ist gegen 23 Uhr am 9. November 1938. Mit Pechfackeln in der Hand versammeln sich SA- und SS-Mitglieder in der Stolberger Altstadt. „Hängt die Juden, stellt die Bonzen an die Wand“ hallt es durch die Stadt. Das Ziel der Nationalsozialisten: die letzten beiden in Stolberg noch existierenden jüdischen Geschäfte. Im Steinweg stoppen die Nazis vor dem kleinen Schuhwarengeschäft von Selig Zinader. Pflastersteine fliegen durch die Luft, das Schaufensterglas klirrt. Der nächste Halt: das Schuhgeschäft von Bernhard Wächter. Dort wiederholen die Nazis ihr Vorgehen. „Niemand hat sie aufgehalten“, sagt Karen Lange-Rehberg. „Die Polizei hat nichts getan. Die Einschnitte in das jüdische Leben waren schon seit 1935 massiv, seit der Verabschiedung der Nürnberger Rassengesetze. Aber nach dieser Nacht war nichts mehr wie zuvor“, sagt Lange-Rehberg.

Wenige Kilometer weiter nördlich, an der Moltkestraße in Eschweiler-Mitte, lodern Flammen in den Nachthimmel. Die Nazis haben die Synagoge in Brand gesetzt. Die Feuerwehr darf lediglich verhindern, dass die Flammen von der Synagoge auf die umstehenden Häuser übergreifen. Im Stadtteil Weisweiler steht das jüdische Gebetshaus zu nah an den umliegenden Häusern, deshalb verhindern die Nachbarn, dass die Nationalsozialisten das Gebäude in Brand stecken. „Aber die Inneneinrichtung wurde zerstört“, sagt Franz Hirtz, der beim Eschweiler Geschichtsverein die Historie Weisweilers aufarbeitet und Führungen über den 320 Jahre alten jüdischen Friedhof anbietet.

Anschließend marschieren SA- und HJ-Ortsgruppen zum Markt. Sie schlagen die Scheiben von jüdischen Geschäften ein und verwüsten die Einrichtung. David Leyens, der damals 70-jährige Vorsteher der Synagoge, muss einen Holzbalken aus der Synagoge zum Marktplatz schleppen und ihn dort auf einen Scheiterhaufen werfen.

Die Strafe: ein Jahr, sechs Monate

Weisweiler sei damals gar nicht stark von Nationalsozialisten geprägt gewesen, berichtet Hirtz. „Da gab es zehn oder zwölf Leute, die maßgeblich waren“, sagt er. Unter ihnen NSDAP-Funktionär und Küster Heinrich Löltgen. „Das war einer von der schlimmen Sorte“, stellt Hirtz fest. Löltgen wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Landfriedensbruch und Freiheitsberaubung verurteilt. Die Strafe: ein Jahr und sechs Monate. Später sei er noch einmal wegen Kindesmisshandlung verurteilt worden, sagt Hirtz.

Wie es so weit kommen konnte, obwohl es verhältnismäßig wenige Nazis in Weisweiler gab? Eine abschließende Antwort hat Hirtz auch nicht. Nur so viel: „Die hatten die Uniformen an. Die hatten zu der Zeit die Macht.“ Dass das ganze Volk „mitgezogen hat“, könne man sich heute „nicht mehr vorstellen“, sagt Hirtz.

In Würselen sind in der Nacht auf den 10. November nicht nur die Nazis auf den Straßen unterwegs, auch einige Schaulustige haben sich dazugesellt. Am Textil- und Kurzwarengeschäft von Selina Strauß in der Bardenberger Grindelstraße landen die kostbaren Stoffe im Dreck der Straße; die Ladeneinrichtung der Metzgerei Kamps an der Dorfstraße wird vollkommen zerstört.

„Die Nazis kannten die Geschäfte und Wohnungen der jüdischen Bürger, weil sie in der Bevölkerung sehr beliebt waren“, sagt Jürgen Hohlfeld vom Arbeitskreis „Kein Vergessen“. Nur so lässt sich wohl auch erklären, dass die Synagoge am Lindenplatz unberührt bleibt — ein Würselener Wagenbauer hat das Gebäude für 2000 Reichsmark erworben. Auch die Metzgerei von Jakob Voss — in Würselen bekannt und beliebt als „Jüdde Jakob“ — bleibt von den Nazis verschont, denn Voss hat sie im Sommer 1938 aus Altersgründen an die Familie Fabry verkauft. So fliegen die Pflastersteine nur in seine über der Metzgerei liegende Wohnung.

Verhaftet und ins KZ transportiert

Am nächsten Morgen geht der Albtraum weiter. Die Nationalsozialisten nehmen Jakob Voss fest und bringen ihn auf einem offenen Leiterwagen in die Polizeizelle im alten Rathaus. Von dort aus geht es in eine jüdische Turnhalle in Aachen. Berthold Wolff und fünf andere Männer aus Stolberg sind schon dort, der Bürgermeister Engelbert Regh hat ihre Verhaftung angeordnet. „26 Juden aus dem Landkreis Aachen wurden in der Folge der Reichspogromnacht in das KZ Buchenwald verschleppt“, sagt Karen Lange-Rehberg. „Die Kriterien der Nazis waren, dass die Männer vermögend, nicht allzu alt, lagerfest und gesund waren.“ In Buchenwald erleben sie Torturen, werden gedemütigt und gequält. „Dort haben die Nazis ihnen gezeigt, was mit ihnen passieren kann. Ihnen wurde klargemacht, dass sie auf Vermögen und Besitz verzichten sollen und auswandern müssen.“

Viele tun das, nachdem sie sich aus dem KZ freikaufen konnten. Diejenigen, die die Möglichkeit haben, fliehen in die USA, ins benachbarte Ausland, teils sogar nach Shanghai — Hauptsache weg. Jakob Voss kehrt zurück nach Würselen. Er glaubt, dass ihm nichts passieren wird, schließlich hat er im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft. Aber es kommt anders: Voss und seine Frau gelten als in Auschwitz verschollen.

Der Stolberger Kaufmann Berthold Wolff hat den Krieg überlebt — in einem Versteck in Belgien. Als einziger der Stolberger Juden ist Berthold Wolff zurückgekehrt in seine Heimatstadt. „Er war eben ein Stolberger durch und durch“, sagt Karen Lange-Rehberg. Doch viel Zeit bleibt Wolff nach Kriegsende nicht, wie Lange-Rehberg berichtet. „Die Gefangenschaft und die Zeit in einem Internierungslager haben Spuren hinterlassen. Er ist Heiligabend 1949 gestorben.“