Kandersteg: Winterurlaub wie vor 100 Jahren: Belle-Époque-Woche in Kandersteg

Kandersteg: Winterurlaub wie vor 100 Jahren: Belle-Époque-Woche in Kandersteg

Es dampft in der winterlichen Kälte, wenn die alte Lok in den Bahnhof von Kandersteg einfährt. Eine Menschentraube erwartet den historischen Zug, dessen Zeit längst abgelaufen ist.

Aus der Zeit gefallen sind auch die Fahrgäste, die den holzvertäfelten Waggons entsteigen: Herren mit Melone, Gehrock und Spazierstock, Damen in bodenlangen Kleidern, Capes und federgeschmückten Hüten. Willkommen zur Belle-Époque-Woche!

Auch viele der Wartenden auf dem Bahnsteig tragen Kleidung wie vor hundert Jahren. Langsam scheint man das Zeitgefühl zu verlieren. Die Zeitschleuse des 1200-Seelen-Ortes liegt im Untergeschoß der Dorfkirche: der Fundus für historische Garderobe. Der Gast kommt in Kleidern von heute und geht im Gewand von gestern.

An manchem Stück hat der Zahn der Zeit genagt, aber das gehört dazu. „Wir wollen uns ja nicht verkleiden, sondern ankleiden”, sagt Bernhard Lauber. Der Kandersteger trägt eine Knickerbockerhose und ein Jackett aus kariertem Tweed im englischen Stil. Lauber betreibt den Eisenwarenhandel im Dorf. Doch während der Belle-Époque-Woche steht er nur selten in seinem Laden. „Ich nehme mir einfach die Zeit”, sagt er.

Schon das Ankleiden braucht Zeit, gerade für Frauen. Vom Anlegen des Korsetts ganz zu schweigen. Das Hemdchen zum Knöpfen, die vielen Unterröcke, auch der Hut will gut im Haar befestigt sein. Und keinesfalls die Handschuhe vergessen. Eine Dame ging damals nie ohne.

Mit den neuen, alten Kleidern am Leib grüßen sich die Menschen auf der Straße plötzlich, es wird gelächelt und genickt, Hüte werden gelüftet. „Die Stimmung der Kandersteger ist in der Belle-Époque-Woche besonders gut, die Leute sind offener und entspannter”, erzählt Paul Breitschmid vom Organisationskomitee. „Sie scheinen plötzlich alle Zeit der Welt zu haben.”

Umgeben von der Kulisse des Blüemlisalphorns ziehen Gäste und Einheimische auf Schlittschuhen ihre Runden auf der Natureisbahn, viele in historischer Garderobe. Einige Kanderstegerinnen haben monatelang ihre stoffreichen Kleider unter Anleitung selbst genäht. „Wir haben eigens alte englische Schnittmuster bestellt”, erklärt die Schneiderin Gaby Rieder in einem bodenlangen Kostüm. „Im normalen Leben trage ich nie Röcke.”

Die Idee zur Belle-Époque-Woche kam Jerun Vils, als er das ewige „früher, das waren noch Zeiten!” wieder einmal hörte. „Na, dann machen wir es eben wie früher”, beschloss der Tourismusdirektor von Kandersteg, im Gehrock mit Zylinder. „Seitdem sind die Kandersteger mit Begeisterung dabei. Und als hätten wir den Nerv der Zeit getroffen, steigt auch die Zahl der Gäste.”

Der Begriff Belle Époque bezeichnet die Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Vor allem Briten reisten damals in die Schweiz und hielten sich oft wochenlang in den Bergen auf. Es war die Zeit der Grands Hotels, oft im Jugendstil erbaut.

Das einst größte Grand Hotel von Kandersteg ist abgerissen. An seiner Stelle steht heute das Familienhotel „Alfa Soleil”. Sein junger Chef ist der alten Zeit verfallen. So gibt Nicolas Seiler ein Grand Diner und kocht selbst nach den historischen Rezepten von Auguste Escoffier. Der Franzose gilt als Urvater der erlesenen Küche. „Sein Kochbuch aus der Belle Époque ist bis heute ein Standardwerk”, erklärt der Hotelkoch.

Auch außerhalb der Küche beschäftigt sich Nicolas Seiler mit der alten: Er Zeit sammelt historische Alltagsgegenstände. „Das Stereoskop entsprach einst dem Zeitgeist”, sagt er und reicht das mehr als 100 Jahre alte Foto-Sichtgerät zum Durchgucken herum. Eine spezielle Aufnahmetechnik erzeugt eine Art 3D-Effekt.

Die Zeit drängt. Gleich beginnt das Nostalgie-Bobrennen. Seit der Zeit um 1900, als die ersten Rennen stattfanden, gibt es in Kandersteg eine Naturbobbahn. Dort warten schon die originalen und nachgebauten Holzschlitten auf das Startsignal.

Auf einem Bob sitzen vier Personen eng aneinander gedrängt. „Damals war das für Männer eine der wenigen Möglichkeiten, mit fremden Frauen unverfänglich auf Tuchfühlung zu gehen”, erzählt Marcus Schmid vom Oldiebob-Club Bivio schmunzelnd.

Für die Dame ist bereits das Klettern in den Rennschlitten eine Herausforderung an die Etikette. Der lange Rock schiebt sich beim Grätschen der Beine unelegant nach oben. Und wohin mit dem Sonnenschirmchen? Schon gibt der Pilot das Kommando zur Abfahrt. Der Bob gleitet durch den verschneiten Wald immer schneller den Berg hinunter, in rasanter Fahrt an den jubelnden Zuschauern vorbei.

Früher genossen es die adligen und betuchten Gäste, im Urlaub ihre gesellschaftliche Rolle ablegen zu können. Die Schweiz schien dafür ideal geeignet, weil es dort keinen Adel gab, der auf die Einhaltung der einengenden Regeln pochte. Einige kamen inkognito. Um so freier konnte man sich im Gebirge fern der Heimat fühlen.

Die Gäste von heute folgen dem damaligen Tagesablauf. Dazu gehört vormittags eine Curlingpartie unter freiem Himmel mit den Originalsteinen aus der alten Zeit. Sie sind aus schottischem Blue-Horn-Granit und wiegen fast 20 Kilo. Wie früher fegen die Spieler mit Strohbesen das Eis glatt.

Kleidung und Schuhe waren vor hundert Jahren nicht besonders wintertauglich. Spätestens am Nachmittag wurde es Zeit zum Aufwärmen, am besten beim Tanztee in den Hotels. Und da tanzen sie auch heute, beim Thé dansant mit Livemusik: Feriengäste, aber vor allem Kandersteger. Viele haben sich für die Woche freigenommen. Aber auch die Verkäuferinnen in den Geschäften oder die Angestellten in der Bank samt Direktor und selbst der Arzt tragen alte Kleider.

Auch die Kandersteger Kinder leben ihre Nostalgiewoche, die Mädchen mit Zöpfen und in Kleidern, die Jungen in Wollhosen und Hemd. Auf dem Schulhof umringen sie die Bäckerin Annemarie Rohrbach, die mit einem Holzofen „Bretzeli” nach altem Rezept backt. Eine Szene wie aus einem Bilderbuch des 19. Jahrhunderts.

Wie Kinder müssen sich die Briten damals wohl bei den Tailing Partys amüsiert haben. Dabei ziehen Pferdekutschen die Schlitten durchs Dorf. Doch das sportliche Vergnügen mit der nachhaltigsten Wirkung, das von den Briten importiert wurde, war sicherlich das Skifahren. „Es begann damit, dass ein Engländer seinem Bergführer ein Paar Ski schenkte”, erzählt Vreni Agostini, die Dorfführungen macht.

In der Nostalgiewoche schnallen sich auch Urlauber die alten Holzbrettern mit Zugbindung unter die Füße. Sie wurden auf Dachböden und in Museen gefunden. Viel Lust auf Nostalgie ist notwendig, um sich damit auf das kleine Skigebiet beim Oeschinen-See zu wagen.

„Bremsen ohne die üblichen Stahlkanten ist schwer”, berichtet Adrian von Känel, der zum ersten Mal auf uralten Skiern steht oder das zumindest versucht. „Die Notbremsung findet also auf dem Hinterteil statt.”

Der Höhepunkt der Woche ist der große Belle-Époque-Ball im Hotel Victoria Ritter. Es ist das älteste Hotel in Kandersteg und das letzte große aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. „Damals gab ein Hotel wie das unsere jede Woche so einen Ball”, sagt der Hotelier Casimir Platzer.

Knisternde Aufregung liegt in der Luft. Üppige Ballkleider rascheln, Champagner-Gläser klirren im historischen Jugendstilsaal. Augen kreisen. Wer trägt welches Kleid? Wie lang ist die Schleppe?

Der Blick bleibt bei einem perfekt gekleideten Paar hängen, das Walzerrunden dreht. „Wir nutzen jeden Anlass, unsere historische Garderobe zu tragen”, erzählen Sarah Staublinger und Stefan Prüffer aus Zürich. „Wo gibt es schon eine ganze Woche lang Gelegenheit dazu?”

Anreise: Mit dem Auto erreicht man Kandersteg über die Autobahn von Bern in Richtung Thun-Spiez, dann auf der Nationalstraße bis nach Kandersteg. Mit dem Flugzeug empfiehlt sich die Anreise nach Zürich oder Bern. Die Flughäfen werden von mehreren deutschen Städten direkt angeflogen.

Veranstaltung: Die nächste Belle-Epoque-Woche findet vom 22. bis zum 29. Januar 2012 statt. Als Vorbereitung für die zwei Bälle werden in der Woche Tanzkurse angeboten. Es empfiehlt sich, das eigene Kostüm mitzubringen, vor allem die Ballgarderobe. Für das historische Bobrennen können sich noch Teams anmelden.

Informationen: Schweiz Tourismus, Rossmarkt 23, 60311 Frankfurt, (Tel.: 069/25 60 01 31, info@myswitzerland.com); Kandersteg Tourismus, Hauptstraße, 3718 Kandersteg (Tel.: +41 33/675 80 80, info@kandersteg.ch).

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