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Wangerooge: Wangerooge: Das Seepferdchen im Wattenmeer

Wangerooge : Wangerooge: Das Seepferdchen im Wattenmeer

Aus der Luft sieht Wangerooge aus wie ein Seepferdchen: Der Kopf ist im Westen, wo die Fähren anlegen, der Schwanz im Osten, wo keine Häuser mehr stehen und die Dünenlandschaft fast unberührt ist. Von den sieben bewohnten ostfriesischen Inseln ist Wangerooge die ganz rechts. Ob sie die kleinste ist, ist nicht ganz sicher - auf Baltrum wird das auch erzählt. Klein ist sie auf jeden Fall - vom westlichsten Punkt bis zum östlichsten sind es nicht einmal zehn Kilometer. Und vom Wattenmeer im Süden bis zum Strand an der Nordseite läuft man zehn Minuten, ohne sich anstrengen zu müssen. Und das soll man auf Wangerooge auch nicht: „Gott schuf die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt”, ist seit Jahren am Schiffsanleger zu lesen.

Autos gibt es auf der Insel nicht, bis auf die Rettungsfahrzeuge, und es vermisst sie auch niemand. Hektisch wird es in der Zedeliusstraße - Wangerooges wichtigster Verkehrsader - allenfalls, wenn zu den Stoßzeiten Buggys, Bollerwagen und Badegäste auf dem Weg zum Strand einander in die Quere kommen. Denn es nützt nichts, es zu leugnen: Im Sommer wird es auf Wangerooge eng. In der Hauptsaison sind ein Vielfaches an Touristen am Strand, als das Inseldorf Einwohner hat.

Wer den Tag ruhig ausklingen lassen will, kann einfach im Strandkorb sitzen bleiben - oder in der Ferienwohnung. Allerdings ist eigentlich immer irgendetwas los, das solche Pläne durchkreuzt: Im Kleinen Kursaal zum Beispiel, wo Filme wie „Abenteuer Inselleben” gezeigt werden, kein Blockbuster, aber mit Liebe gedreht. Oder nebenan auf dem „Oberdeck”, wo „De Wangeroogers” den Saal rocken, einer von gleich zwei Shanty-Chören der Insel. Ihr Leiter Klaus Brüggerhoff ist ein Insel-Tausendsassa, der oft nur ein paar Tage später auch beim Theater in der Inselschule auf der Bühne zu sehen ist.

Tagsüber zieht es die meisten Inselgäste fast automatisch an den Strand an der Nordseite. Im Winter spielen ihm Sturmfluten regelmäßig übel mit, im Frühjahr lässt ihn die Kurverwaltung mit Sand aus dem Inselosten wieder in Form bringen. Und im Sommer reiht sich vor der Kurpromenade dann ein Strandkorb an den anderen, in der Hauptsaison ist es bei gutem Wetter praktisch aussichtslos, noch einen abzubekommen, ohne reserviert zu haben. Bei entsprechendem Wind kann die Brandung ganz schön kräftig sein. Vielen Gästen macht das Baden dann umso mehr Spaß, wenn sie sich kurz vor der Wasserkante von den Wellen umwerfen lassen können.

Aber wer die ganze Zeit nur am Strand verbringt, verpasst, was Wangerooge noch zu bieten hat. Mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Westturm lässt sich die ungewöhnliche Heidelandschaft hinter dem Inseldorf entdecken, inklusive zahlreicher kreisrunder Bombentrichter, die daran erinnern, dass die kleine Insel kurz vor Kriegsende Ziel eines heftigen Angriffs war, der auch das Inseldorf schwer getroffen hat.

Ein Radweg führt auf dem Deich entlang mit Blick über die Salzwiesen aufs Wattenmeer. Bei Ebbe sind dort regelmäßig Gruppen unterwegs, die mit Friedrich-Wilhelm Petrus durch den Schlick waten. Petrus, weißer Spitzbart im braun gebrannten Gesicht, ist der dienstälteste Wattführer der Insel und kennt jeden Wattwurm zwischen Neuharlingersiel und Wangerooger Fähranleger persönlich.

Eben hat er die Hand lässig auf seine Grabegabel gestützt und lässt den Blick über die Gruppe gleiten, die er zweieinhalb Stunden lang begleitet: 35 Landratten, von denen einige das erste Mal an der Nordsee sind und einen Austernfischer nicht von einem Alpenstrandläufer unterscheiden könnten. So eine Gelegenheit lässt sich der Inselkenner nicht entgehen und erklärt unterwegs, wie Ebbe und Flut entstehen, wie sich Herzmuscheln verblüffend schnell im Wattboden eingraben, wie der Wattwurm Sand ausscheidet und wie sich Miesmuscheln vor der Strömung schützen.

Auch Führungen über die Insel gibt es regelmäßig, den Dorfbummel zum Beispiel, bei dem alteingesessene Wangerooger ihre liebsten Ecken zeigen, Spülsaumtouren für die ganz kleinen Gäste, solche für Vogelfreaks und für Bunkerfans, für Frühaufsteher und Nachteulen.

Wer Wangerooge noch einmal ganz anders erleben will, muss sich in den Inselosten aufmachen. Die Strandpromenade ist dort lange zu Ende, keine Strandkörbe sind mehr zu sehen, keine Eisverkäufer, keine Volleyballspieler. Spaziergänger sind manchmal ganz für sich allein, zwischen den Dünen und den Wellen, die hier noch mehr Platz haben, am Strand zu laufen. Für manche Besucher ist Wangerooge hier am schönsten, gerade am Abend, wenn es richtig ruhig wird.

Wer sich alleine nicht traut, abends das Inseldorf hinter sich zu lassen, kann sich den Mitarbeitern des Nationalparkhauses wie Janina anschließen. Sie bieten im Sommer regelmäßig Exkursionen an die Ostspitze an, die vier Stunden dauern oder auch mal etwas länger.

Dabei geht es mit dem Fahrrad bis zur östlichen Station der Vogelschützer beim „Café Neudeich” und dann zu Fuß weiter auf der Wattseite. Schon gleich am Anfang ist eine Sumpfohreule zu sehen, die im Tiefflug über die Salzwiesen gleitet. Janina weist bei solchen Führungen auch auf die botanischen Besonderheiten hin: das blau blühende Sandglöckchen und den lila blühenden Strandflieder zum Beispiel, der hier im Sommer überall aus den Salzwiesen guckt.

Und sie lässt ihre Mitwanderer am Wermut schnuppern, dessen silbrig-graue Blätter genauso markant sind wie sein Geruch, den Motten nicht ausstehen können. Die Salzwiesen zwischen Küste und Dünen werden regelmäßig vom Nordseewasser überspült - was hier wächst, darf damit keine Probleme haben. So wie der Queller. „Probiert doch mal!”, sagt Janina und reicht ein paar grüne Stängel weiter. „Das schmeckt richtig knackig salzig.” Und wird deshalb auch Ostfriesische Salzstange genannt - die Pflanze speichert das Salz aus dem Seewasser.

Eine halbe Stunde später ist es Zeit für die nächste Überraschung. Janina lässt alle in einer Reihe Aufstellung nehmen, die Augen schließen und dann ganz langsam vorwärtsgehen - in Richtung Norden. Der Geruch ändert sich, das Meeresrauschen wird intensiver, der Wind nimmt zu. Und als alle die Augen aufmachen, stehen sie oben auf dem Dünenkamm und gucken Richtung Nordsee: auf den riesenbreiten Strand, der viel gewaltiger wirkt als im Inseldorf, auf die weite Dünenlandschaft voller Strandroggen und Strandhafer, die Blüten des Dünenfeuers und die weiße Gischt der Wellen.

Aber noch geht es nicht an den Strand, sondern weiter am Watt entlang, wo schon vor Erreichen der Ostspitze merkwürdige Holzpfähle aus dem Boden ragen. Was bitte sollen die hier? Es sind Überreste des Ostanlegers, der bis Ende der 1950er Jahre genutzt wurde, bevor der Hafen hier versandete. Und eines Schullandheims, das bis dahin problemlos mit dem Schiff zu erreichen war, dann aber abgerissen wurde, nachdem der Anleger in den Westen umziehen musste.

Über den Dünen steht inzwischen ein fast voller, blasser Mond. Es dämmert längst, als die Gruppe die Ostspitze umrundet und auf die Vogelinsel Mellum blickt, die direkt vor Wangerooge liegt. Ein Austernfischerpärchen zetert ein paar Meter entfernt. „Vorsicht”, sagt Janina, „die haben vergangene Woche noch gebrütet”. Bei allen Seevögeln heißt es: Abstand halten. In weiterer Entfernung hocken scharenweise Möwen auf dem Boden, 100 vielleicht oder mehr. Bald danach sind nicht einmal mehr Vögel zu sehen. Nur noch Dünen und Strand und die Nordsee.

„Das Meer ist die anschauliche Gegenwart des Unendlichen” hat der Philosoph Karl Jaspers mal formuliert, der aus dem nahen Oldenburg stammt. Klingt nicht verkehrt. Janinas Gruppe läuft nun wieder Richtung Westen - mitten hinein in den Sonnenuntergang. Die rotorange Scheibe versinkt filmreif langsam am Horizont, wo Strand und See sich berühren. Man blinzelt einmal - und schon ist sie weg. Die Luft ist noch mild, und eine Zeit lang herrscht Schweigen. „Es gibt Leute, die fahren dafür in die Karibik”, sagt jemand. „Ja, stimmt”, antwortet ein anderer. „Was für ein Schwachsinn.”

(dpa)