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Kreuth: Von Hüten und Hollywood: Tradition am Tegernsee

Kreuth : Von Hüten und Hollywood: Tradition am Tegernsee

Zwölf Hasen braucht es für einen Hut aus Velours, rechnet Martin Wiesner vor. Liebevoll streicht er über einen. Die Oberfläche glänze ganz besonders, erzählt er seinen Gästen. Er schere die Hüte nach der Anfertigung nämlich noch einmal. Wiesner ist erst 30 Jahre alt, aber schon seit einem Jahrzehnt im Hutgeschäft. 20 Jahre war er alt, als er sich mit seiner Hutmacherei selbstständig gemacht hat. „Der Opa war hutvernarrt”, sagt er. „Mir hat das immer schon gefallen.” So wurde Wiesner einer der jüngsten Hutmacher Bayerns.

Seine Hutmacherei liegt in Kreuth am Tegernsee. In der Region ist man stolz auf die traditionellen Betriebe. Man trinkt Likör von der heimischen Destillerie, kauft Geschenke in der heimischen Papierfabrik und lässt sich die passende Kopfbedeckung zur Tracht in der heimischen Hutmacherei anfertigen. Wenn der Atem lang genug ist.

Die Wartezeit bei Martin Wiesner beträgt eineinhalb Jahre. Erst dann ist das Einzelstück fertig. In der kleinen Hutmacherei spielt Zeit eher eine Nebenrolle. Das fängt schon beim Maßnehmen an: Manch einer ist in fünf Minuten fertig, andere brauchen eine Stunde. Dann noch die Entscheidung für die Art des Huts - das hängt auch davon ab, zu welcher Tracht ihn der Träger aufsetzen möchte. „Es gibt bestimmte Richtlinien”, sagt Wiesner. Über Farben- und Kordelwahl braucht es zusätzlich Entscheidungs- und Beratungsbedarf. Da seien die Männer teils komplizierter als die Frauen, erzählt Wiesner.

Trotz des großen Aufwands sollen die Hüte bezahlbar bleiben - denn Wiesner will auch die Einheimischen ansprechen, nicht nur die urlaubende Schickeria aus der Stadt. Ein maßgeschneiderter Hut kostet bei ihm 190 Euro. Und wer einen haben will, muss nach Kreuth kommen. „Wir verschicken nichts.” Einen Internetshop hat das Unternehmen nicht.

In der Büttenpapierfabrik im nahen Gmund wird hingegen fleißig verschickt - bis ins ferne Los Angeles. „And the Oscar goes to...” - wenn diese Worte erklingen, wandern die Aufmerksamkeit vieler Millionen Menschen auf einen Umschlag. Das Papier, aus dem der Umschlag gemacht ist, kommt aus dem kleinen Gmund. Seit ein paar Jahren hat die Papierfabrik den Auftrag für die goldenen Umschläge - beziehungsweise für deren Material. „Die Umschläge macht ein Designer aus den USA”, erklärt Anja Wackerhage. Sie führt Besucher durch die Papierfabrik, natürlich landestypisch in Dirndl.

Im Shop der Fabrik glänzt ein falscher Oscar neben dem berühmten Umschlag auf einem der Tische. Hier unten ist es ruhig. Der Lärm der großen Papierpressen und- walzen dringt bis hierher nicht vor. Durch die offenen Fenster hören Besucher nur das Rauschen der Mangfall, ein Nebenfluss des Inns, der um die Fabrik eine Schleife macht.

Wasser ist für die Produktion von Papier unabdingbar. „Wir brauchen Unmengen an Wasser”, erklärt Wackerhage. Papier bestehe zu einem Großteil daraus. Die Fabrik nutzt eine Quelle, die direkt oberhalb der Fabrik entspringt. Bis zu siebenmal könne man es für die Produktion einsetzen. Dicke Filzrollen ziehen das Wasser wieder aus dem Papier - 120 Meter in der Minute spuckt die Anlage aus. Im Vergleich zur Zeitungsproduktion sei das sehr wenig, sagt Wackerhage: Dort rollen bis zu 1,8 Kilometer Zeitungspapier in der Minute vom Band.

Die Gmunder Papierfabrik stellt 100 000 verschiedene Papiere her. Sie unterscheiden sich nach Farben, Dicke, der Prägung. Allein mehr als 120 Arten zu prägen gebe es, sagt Wackerhage. Leinen-, Bienenwaben-, Holzstruktur - all das könne aufs Papier gebracht werden. Dann noch die Wahl aus 100 Farben. Aber am meisten verkaufe sich Weiß.

Sie streicht über eine der Meterdicken Rollen, die in einer großen Halle lagern. Wackerhage ist eine von mittlerweile rund 110 Mitarbeitern. Seit 1904 ist die Fabrik ein Familienbetrieb und hat sich als Produzent eher edler Papiere einen Namen gemacht. Dafür laufen die Maschinen 24 Stunden durch, nur an Wochenenden werden sie normalerweise ausgeschaltet.

Nur eine Kurve von der Fabrik entfernt, aus dem Wald bei der Mangfall heraus, steht eine Maschine gerade still. Silberglänzende Röhren und Kolben laufen ineinander und formen ein komplexes Gebilde, viel feingliedriger als das der dicken Walzen und Rollen aus der Papierfabrik. Hier wird nicht gepresst, sondern destilliert. Auf dem Hügel in Schafstatt brennen Anna-Maria und Andreas Liedschreiber Liköre.

Die Tradition gehe vier oder fünf Generationen zurück, sagt Andreas Liedschreiber. „Wir haben das Brennrecht auf dem Hof.” Dieses Recht ist immer an den Hof gebunden. Liedschreiber und seine Frau verkaufen ihre Produkte direkt bei ihnen zu Hause, in der Tegernseer Gastronomie und - anders als Hutmacher Wiesner - auch im Internet.

Rund 4000 bis 5000 Flaschen verkaufen sie pro Jahr. „Wenn man größer wird, leidet die Qualität drunter”, sagt Andreas. Schließlich brauche man auch das Obst irgendwoher, aus dem die Liköre gemacht werden. Liedschreibers verwenden Früchte aus der Region und ausschließlich Tafelobst. „Die Frucht ist sehr wichtig”, sagt Andreas. „Aus 100 Kilogramm Früchten bekommt man 4 Liter reinen Alkohol.”

Anna-Maria macht gerne Liköre, die nicht so süß sind. Man müsse pro Liter 100 Gramm Zucker zufügen, sagt sie. Viele nehmen mehr. „Das ist die Abneigung, die viele haben.” Sie und ihr Mann schenken den Gästen einen Sauerkirsch-Likör zum Probieren ein. Danach folgt ein Haselnuss-Geist. Nach dem dritten Hochprozentigen müssen einige Besucher doch zurückstecken und etwas aus ihrem Glas in das Eimerchen auf dem Tisch schütten, um Platz für die nächste Probe zu machen.

Dann geht es für sich auf mehr oder weniger sicheren Beinen zurück ins Tal, an den See. Dort sind viele Einheimische in Trachten unterwegs: Es ist Seefest. Einige der Trachtenhüte dürften Marke Wiesner sein.

(dpa)