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Magellan, Chatwin, von Humboldt: Von großen Reisenden lernen

Magellan, Chatwin, von Humboldt : Von großen Reisenden lernen

Forscher, Entdecker, Seefahrer: Die Abenteuer von Alexander von Humboldt, Charles Darwin oder Ferdinand Magellan faszinieren noch heute. Und lehrreich sind sie sowieso.

Sie waren dann mal weg – oft über Jahre. Forscher und Entdecker stachelte Abenteuerlust an, die Aussicht auf Ruhm und Ehre. Sie stellten sich in den Dienst der Wissenschaft, nahmen Gefahren auf sich, machten Grenzerfahrungen, manchmal bis an die Schwelle des Todes. Indem diese Reisenden vergangener Tage neue Wege ebneten, richteten sie manchmal auch Schäden an – ohne die Langzeitfolgen zu erahnen. Ihre Pioniertaten, Berichte und Bücher machten Neugier auf entlegene Erdteile und fremde Völker, denen es ohne Nachfolgebesucher in vielen Fällen mit Sicherheit besser ergangen wäre. Dennoch waren große Reisende oft Vorbilder. Und auch der Reisende von heute kann von ihnen etwas lernen.

Alexander von Humboldt: deutscher Naturforscher (1769 – 1859)

Portrait von Alexander (Alexandre) von Humboldt. Foto: imago/Leemage/imago stock&people

„Jeder fühlte sich schlecht. (...) Außerdem bluteten uns das Zahnfleisch und die Lippen. Das Weiße unserer Augen war blutunterlaufen. (...) Wir fühlten alle eine Schwäche im Kopf, einen ständigen Schwindel. (...) Wir konnten vor Kälte nicht weiter.“ Die Skizzen des vergeblichen Versuchs, den Chimborazo zu bezwingen fesseln bis heute. Im Juni 1802 wagte Alexander von Humboldt (1769-1859) mit einem Expeditionstrupp die Erstbesteigung von Ecuadors höchstem Berg. Die Männer passierten die Grenze des ewigen Schnees, kämpften sich über Felskämme, spürten kaum mehr die Füße. Letztlich waren die Strapazen zu groß, die Symptome der Höhenkrankheit zu bedrohlich. Deutlich unterhalb des knapp 6300 Meter hohen Gipfels brachen sie ihr Unternehmen vor einer Gletscherspalte ab.

Scheitern ist ein Wort, das negativ belegt ist. Sich unterwegs einzugestehen, dass es nicht mehr weitergeht, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Der Sieg der Vernunft über den Willen muss keine Niederlage bedeuten. Besser den Rückweg antreten als sich in große Gefahr zu begeben. Humboldt verdanken auch diese Reiselektion, eine der wichtigsten überhaupt.

Charles Darwin: britischer Naturforscher (1809 – 1882)

Portrait von Charles Darwin. Foto: imago stock&people

Es war Ende 1831, als das Vermessungsschiff „Beagle“ in England auf Weltumsegelung ging. Mit an Bord: der junge Charles Darwin (1809-1882). Er skizzierte Tiere und Landschaften mit wissenschaftlicher Schärfe, sammelte Pflanzen, Steine und jede Menge Erkenntnisse.

Keiner wird heute wie Darwin seinerzeit die Geschichte der Biologie neu schreiben. Und niemand wird – wie der Entdecker während des Aufenthalts im Archipel von Galapagos – zu Experimentalzwecken auf die Panzer von Riesenschildkröten steigen und eine Meerechse in hohem Bogen fortschleudern. Doch die Detailversessenheit und aufrichtige Bewunderung, mit der sich Darwin die Natur erschloss, macht ihn zum Paten für eigene Unternehmungen.

Auf San Cristóbal erlebte der Forscher ein besonderes Abenteuer, („Eine Nacht schlief ich am Ufer auf einem Teile der Insel“). „Der Tag war glühend heiß und das Kriechen über die raue Fläche und die verwirrten Dickichte sehr ermüdend; ich wurde aber durch die fremdartige zyklopische Szenerie reichlich belohnt.“ Darwin berauschte sich an der „Großartigkeit von Brasilien“, der „vollkommensten Eleganz“ von Mauritius, der Exotik Tahitis. Dabei war der begnadete Naturforscher ursprünglich studierter Theologe. Das zeigt, wie ein Aufbruch in die Ferne dazu beflügeln kann, sich zu wandeln, zu wachsen, seine innere Stimme zu ergründen – bei sich selber anzukommen. Ein wichtiges Reisemotiv dieser Tage.

Ferdinand Magellan: portugiesischer Seefahrer (1480 – 1521)

Portrait von Fernand de Magellan. Foto: imago images / Leemage/imago stock&people

„Generalkapitän Fernando de Magallanes hatte beschlossen, eine lange Schifffahrt auf einem Meer zu unternehmen, das von wütenden Winden und furchtbaren Stürmen beherrscht wird, und nach Eilanden zu suchen, auf welchen Menschenfresser leben und Tiere hausen, denen keiner gewachsen ist, weil sie fast so groß wie ein Schiff sind.“ Dieser Auftaktsatz aus Antonio Pigafettas Augenzeugenbericht der ersten Weltumsegelung (“Mit Magellan um die Erde“) wirft ein Licht auf die Essenz des Reisens. Man ist vorbereitet, man stellt sich auf Gefahren ein. Den Rest lässt man auf sich zukommen. Das Wichtigste: Aufbrechen! Im Falle von Ferdinand Magellan (1480-1521), der auf der Suche nach dem Westweg zu den Molukken eine nautische Meisterleistung vollbrachte, nahm das Ganze einen tragischen Ausgang. Er fiel auf den Philippinen im Kampf gegen die Ureinwohner. Die Lehre daraus: Konflikte vermeiden,  defensiv bleiben, persönliche Weltanschauungen hinten anstellen. Sonst ist man kein Reisender, sondern Eindringling.

David Livingstone: schottischer Missionar und Afrikaforscher (1813 – 1873)

Portrait von David Livingstone. Foto: imago/Leemage/imago stock&people

„Entdecker“, „Missionar“ und “Befreier“ steht oberhalb der Victoriafälle in Simbabwe zu Füßen des Denkmals für David Livingstone (1813-1873). Hierher, an die donnernden Abstürze des Sambesi, drang er 1855 vor und wandelte den „Rauch, der donnert“ (Mosi-oa-Tunya) in den schnöden Namen der britischen Monarchin um: Victoria Falls. Der Antrieb des Schotten war eine Melange aus Missionseifer, Forschertrieb und humanitärer Leidenschaft im Kampf gegen Sklaverei. Livingstone gründete zunächst Missionsstationen und nahm sich medizinischer Fälle an. Er scheiterte mit Vorstößen in unbekannte Gegenden und schickte seine Familie nach einem gefährlichen Unternehmen aus Kapstadt zurück in die Heimat. Das unterstreicht: Wer reist, muss sich immer wieder neu aus- und aufrichten, Risiken abwägen und Entscheidungen treffen. In dunklen Stunden schöpfte Livingstone aus dem Gottesglauben  Zuversicht. Er notierte einmal: „Aber ich las die Worte Christi: ‚Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum geht hin, und lehret alle Völker – und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.‘ Ich nahm dies als sein Ehrenwort an.“Solche stillen Kraftquellen funktionieren auch überkonfessionell –  auf Reisen braucht man sie. Es ist unmöglich, nur an sonnigen Tagen unterwegs zu sein.

Bruce Chatwin: britischer Schriftsteller (1940 – 1989)

Portrait von Bruce Chatwin in Paris. Foto: imago/Leemage/imago stock&people

Es ist oft nur ein Detail, das genügt, um Fernweh zu wecken. „Im Wohnzimmer meiner Großmutter stand ein kleines Schränkchen mit einer Glastür, und in dem Schränkchen befand sich ein Stück Haut.“ So beginnt sein weltberühmtes Reisebuch „In Patagonien“. Das Bild jenes ledrigen, borstenhaarigen Hautfetzens, das mit einer Nadel an einer Postkarte befestigt war und von einem Riesenfaultier namens Mylodon stammte, ließ den Briten Bruce Chatwin (1940-1989) nicht mehr los. Es entfachte eine unbestimmte Sehnsucht, einen Traum, so wie man sich nun durch ein einzelnes Foto auf Instagram inspiriert fühlen mag.

Chatwin brach in die Heimat des ausgestorbenen Tieres auf: nach Patagonien, in jene entlegene Großregion in Südamerika.

Neugierig, aber voller Feingefühl begegnete Chatwin den Menschen, die Türen und Herzen öffneten. Er wanderte umher, schlief unter Tagelöhnern, mischte sich unter Gauchos und Einwanderer, schaffte es bis nach Feuerland. Er stellte keine Ansprüche, urteilte nicht, hörte unvoreingenommen zu und war sich bewusst, dass er der Gast war, der sich auf das Land und seine Bewohner einzustellen hatte – und nicht umgekehrt. Das ist bis heute der entscheidende Schlüssel für wahres Reisen.