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Vom achten Weltwunder und schweren Wasser

Vom achten Weltwunder und schweren Wasser

Oslo. Söndre Nordheim, sagten die Leute, war ein Tunichtgut. Anstatt seinen Eltern auf dem Hof zur Hand zu gehen, war er ständig auf Skiern unterwegs. Doch da machte ihm keiner etwas vor.

Der 1825 in dem norwegischen Bergdorf Morgedal Geborene entwickelte nicht nur die Skibindung, sondern auch die Technik des Skifahrens weiter. Kaum einer, der den nach seiner Heimat benannten „Telemark” nicht kennt. Söndre ging als Vater des modernen Skisports in die Geschichte ein.

Wenngleich die norwegische Provinz Telemark als Wiege des Skisports einen internationalen Klang hat - in der schneefreien Zeit nehmen Touristen die Region westlich von Oslo kaum wahr. „Alle wollen an die Westküste”, beklagt Torstein Lindheim. Dabei gelte Telemark als Klein-Norwegen, sind hier doch alle Landschaften vertreten, die Norwegen zu bieten hat. Der Bezirk reicht von der Schärenküste am Skagerrak bis auf die Hardangervidda, Europas höchstes Hochgebirgsplateau mit dem größten Nationalpark des Landes.

Dazwischen liegen ausgedehnte Wiesen und Felder, enge Täler, steile Berghänge, wilde Flüsse und unzählige Seen. Die herrliche Natur eignet sich nicht nur zum Beerenpflücken und Pilzesammeln, zum Wandern von Hütte zu Hütte auf markierten Pfaden oder zum Radfahren. Sie sei ein Paradies für Camper und Familien, ist Torstein überzeugt. Deshalb hat er im Norsjö-See mit einer Arena zum Wasserskifahren und Wakeboarding die Möglichkeit für sportliche Aktivitäten geschaffen.

Dass Telemark als Norwegens Kulturregion Nummer eins von sich reden macht, ist für den Apfelplantagenbesitzer hingegen nicht wichtig. Die Musikfestivals zögen zwar Gäste an. Aber wer wolle in den Ferien schon ständig lernen oder gar die Kriegsgeschichte von Rjukan hören?

Kulturtouristen sehen das anders und nutzen die Konzentration an Museen, Ausstellungen, Handwerkszentren und Kirchen. So begrüßt Torrill Hegna in der Stabkirche von Heddal nicht nur Hochzeitspaare. Die größte und besterhaltene der rund 30 noch vorhandenen Stabkirchen Norwegens ist ein Touristenmagnet. Die Bezeichnung rührt von der Bauweise her, da die tragenden Holzpfeiler senkrecht stehen. Der Chorraum wurde bereits um 1150 gebaut. Ein Bischofsstuhl stammt aus dem 13. Jahrhundert. Seine Rückenlehne ziert eine Abbildung von Brunhild, Siegfried und Gunther mit dem Ring des Nibelungen.

Nur wenige Gehminuten entfernt zeigt das Freilicht-Heimatmuseum traditionelle Holzhäuser. Beim Passieren der Schleusen des Telemarkkanals, der bei seiner Fertigstellung 1892 als achtes Weltwunder galt, lässt sich ebenfalls Kulturgeschichte erleben. Die Anlagen sind original erhalten und die Schleusentore werden teilweise noch per Hand bewegt. Auf einer Distanz von 105 Kilometern wird mit 8 Schleusenanlagen und 18 Schleusenkammern ein Höhenunterschied von 72 Metern bewältigt.

Der mancherorts in den Felsen gehauene Kanal verbindet die Städte Dalen in der Mitte Südnorwegens und Skien. Weite Strecken führen über den Norsjö und andere Seen. Höhepunkt der Fahrt sei zweifellos die Schleuse von Vrangfoss mit fünf Kammern, womit 23 Meter überwunden werden, meint Arold Nonme, Käptn der „Victoria”. Die „Königin des Kanals” wurde 1882 als Dampfschiff gebaut und ist von Anfang an dabei. Aber auch die „Henrik Ibsen” fährt auf der alten Lebensader von Telemark und erinnert daran, dass der Schriftsteller 1828 in Skien geboren wurde. Die Stadt war schon in Wikingerzeiten eine Handelsniederlassung und erhielt 1358 Stadtrecht.

Dass Rjukan mitunter als Wiege des norwegischen Fremdenverkehrs bezeichnet wird, liegt vielleicht an dem mächtigen Wasserfall Rjukanfossen (104 Meter). Schon im 18. Jahrhundert lockte er als eine der größten Naturattraktionen Europas Touristen an. Vielleicht liegt es auch an Nordeuropas ältester Drahtseilbahn.

Die 1928 von der weltweit größten Seilbahnfirma Adolf Bleichert aus Leipzig gebaute Krossobanen war ein Geschenk der Hydrogenfabrik an die Arbeiter Rjukans. Alle sollten die Möglichkeit haben, im Winter die Sonne zu sehen. Noch heute bringen die wegen ihrer roten und blauen Farbe Preisel- bzw. Blaubeere genannten Kabinen die Passagiere auf die Hochebene (886 Meter).

Von der Bergstation mit dem Gvepseborg-Café hat man eine großartige Sicht auf die Stadt, die derzeit um den Unesco-Welterbetitel als Industriedenkmal kämpft. Der Blick reicht über die Bergwelt bis Vemork, das bei Fertigstellung 1911 das größte Wasserkraftwerk der Welt war. Der einzige Platz der Welt, wo über Jahrzehnte schweres Wasser produziert wurde, ist jetzt Industriearbeitermuseum.

Weil es im „atomaren Wettlauf” eine Rolle spielte, wurde die im Zweiten Weltkrieg deutsch besetzte Fabrik Schauplatz von Sabotageakten.

Eine neue Attraktion verspricht die Seilbahn im Berginneren des Gaustatoppen zu werden, der über Rjukan in den Himmel ragt. „Lange war alles geheim”, erzählt Betriebsleiter Vidar. Aber jetzt sollen Touristen die im Kalten Krieg von der Nato in den 1950er Jahren gebaute Gaustabahn nutzen. Zunächst geht es mit einem Waggon in den Berg etwa 850 Meter hinein.

Dann heißt es umsteigen. Eine Pendelbahn überwindet rund 1050 Meter bei 40 Prozent Steigung und bringt die Gäste auf 1800 Meter. Von da sind es nur wenige Schritte zur Steinhütte des Wanderervereins von 1893. Jährlich wagen etwa 30.000 Wanderer den etwa zweistündigen Aufstieg zu Fuß. Die Mühe wird nicht nur durch den Blick belohnt.

Zur Stärkung reicht Annemarie Waffeln über den Tresen, an manchen Tagen bis zu 800. Bei guter Sicht ist im Osten Schweden und im Süden die Küste zu sehen. Das Panorama umfasst ein Sechstel Norwegens.

Die Autorin war auf Einladung von Innovation Norway unterwegs.