1. Leben
  2. Reisen

Neuhaus am Rennweg: Vater aller Wanderwege: Auf dem Rennsteig durch Thüringen

Neuhaus am Rennweg : Vater aller Wanderwege: Auf dem Rennsteig durch Thüringen

„Die Gegend ist herrlich”, schwärmte schon Johann Wolfgang Goethe. Auch nach mehr als 200 Jahren kann man dem Dichterfürsten nur zustimmen. Noch immer steht der Thüringer Wald still und schweigt majestätisch - einsam und wunderbar geht der Blick über Täler, Schluchten, Flüssen, Felsen und Wälder.

Und mit dem Rennsteig gibt es hier einen der schönsten Höhenwanderwege Deutschlands. Ein weißes „R” auf den Stämmen der Bäume und Schilder ist das Zeichen für den Vater aller Wanderwege.

„Ausgedehnte Wanderungen sind die beste Art, um den Thüringer Wald zu erkunden”, erklärt Lothar R. Richter der kleinen Gruppe von Touristen. „Da erleben Sie die Natur hautnah, bewegen sich in frischer Luft und tun auch etwas für Ihre Gesundheit”, erzählt der Wanderführer weiter. „Es muss ja nicht gleich die gesamte Strecke des Rennsteigs sein. Sie können sich einzelne Etappen vornehmen und andere Abschnitte fürs nächste Jahr aufheben.”

Ein idealer Ausgangspunkt für Wanderungen ist Neuhaus am Rennweg. 835 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, ist sie die höchstgelegene Stadt Thüringens. Schon nach einigen Minuten erreichen die Wanderer mit dem Weidmannsheil einen der schönsten Aussichtspunkte des Höhenwanderwegs. Hier wie im gesamten Verlauf des Rennsteigs laden Bänke und Tische zur Rast ein. Richter setzt sich, öffnet den Rucksack und bietet den Wanderern selbst geschmierte Brote und herzhafte Würste an. Aus einer Tasche holt er noch Limonade und Bier hervor, und alle freuen sich über das unverhoffte Picknickerlebnis.

„Für mich ist das hier der schönste Panoramablick, hier muss ich immer verweilen”, sagt Richter. „Schauen Sie selbst - unten im Tal glänzt das dunkle Wasser der Schwarza-Talsperre, dahinter liegt der kleine Ort Scheibe-Alsbach und sonst sehen Sie nur Wald, so weit das Auge reicht”. Eine Tafel informiert zum Beispiel darüber, dass erst 1937 mit dem Bau der Staumauer begonnen wurde und sich bis dahin lediglich ein kleiner Flößerteich an jener Stelle befand. Heute dient die Talsperre der Trinkwasserversorgung.

Zeit zum Aufbruch. Nächstes Etappenziel ist der Dreistromstein. Der Obelisk markiert den Punkt, von dem aus die hier entspringenden drei Wildbäche in drei verschiedene Strombereiche fließen. „Eine solche Wasserscheide ist einmalig in Deutschland”, erklärt Richter. „Hätten Sie gewusst, dass die Bäche von hier zum Rhein, zur Weser und zur Elbe fließen?”

Auf teilweise schmalen Waldwegen wandert die kleine Gruppe über die Plattleite und erreicht die in Stein gefasste Quelle der Werra. Durch das Maul eines Löwen tritt das Wasser des Flusses ans Tageslicht. 298 Kilometer weiter vereinigt er sich im niedersächsischen Münden mit der Fulda und wird von dort an zur Weser. Nächster Höhepunkt ist die Rennsteigwarte. Dort befindet sich der einzige Aussichtsturm, der direkt am Rennsteig liegt. 150 Stufen sind es hinauf zur Plattform, doch der Aufstieg wird mit einer großartigen Aussicht belohnt. Bei klarem Wetter wie jetzt im Herbst reicht der Blick bis zur Rhön und nach Coburg.

„Es gibt nur wenige Aussichtspunkte oder Sehenswürdigkeiten, die direkt am Rennsteig liegen”, erklärt Richter. „Zumeist führt der Weg durch den Wald, was ja auch seinen besonderen Reiz ausmacht.” Aber links und rechts vom Rennsteig warten historische Residenzstädte und Ortschaften mit Burgen, Schlössern und Museen auf Besucher. Insgesamt 40 „Rennsteig-Leitern” führen deshalb zu Sehenswertem in der Umgebung. Ganz in der Nähe von Neuhaus am Rennweg zum Beispiel weist eine dieser Leitern den Weg hinab in die Glasbläserhochburg Lauscha.

Der Ort gilt als Wiege des Christbaumschmucks. Schon 1597 wurde dort die erste Glashütte gegründet. Seit über 150 Jahren produziert die Farbglashütte Lauscha in aufwendiger Handarbeit Farbglasröhren und -stäbe, aus denen Glasbläser dann ihre Kunstwerke herstellen. „Sie können den Arbeitern über die Schulter schauen oder sich selbst im Glasblasen versuchen und vielleicht eine Glückskugel als persönliches Erinnerungsstück mit nach Hause nehmen”, erklärt Geschäftsführerin Rita Worm. „Wir sind außerdem eine der letzten Hütten in Deutschland, die Kryolithglas produzieren. Es ist das Material, aus dem Augenprothesen, also Glasaugen, hergestellt werden.”

Doch zurück zum Rennsteig. „Friedrichroda ist ein richtiges Wanderparadies”, sagt Bettina Stötzer von der örtlichen Tourismusinformation. „Wir haben hier nicht nur klare Luft zum Auftanken, einen schönen Kurpark und ein Schaubergwerk mit einer der schönsten Kristallgrotten Europas, sondern ein dichtes Netz an Wanderwegen”, erzählt sie weiter. Eine Besonderheit sind Wanderungen mit einer Klimatherapeutin. „Dabei werden Schon- und Reizfaktoren mit Bewegung und zwar für jede Konstitution kombiniert”, sagt Stötzer. Ihr Lieblingsweg ist allerdings nach wie vor der Rennsteig, der am Ortsrand vorbeiführt. „Ich habe immer Wanderschuhe und Rucksack im Kofferraum des Autos, und wenn es meine Zeit zulässt, bin ich dort auf Schusters Rappen unterwegs.”

Info-Kasten: Rennsteig

Anreise: Mit dem Auto geht es über die A 4, A 71 und A 73. Viele Orte haben Bahnanschluss.

Unterkunft: Vom komfortablen Hotel bis zu einfachen Wanderhütten.

Reisezeit: Zum Wandern von Mai bis Oktober, im Winter zum Langlauf.

Informationen: Thüringer Tourismus GmbH, Willy-Brandt-Platz 1, 99084 Erfurt (Tel.: 0361/3742200, E-Mail: info@thueringen-tourismus.de).

(dpa)