Funchal: „Unten ohne” im Winter: Barfuß auf der Blumeninsel Madeira

Funchal: „Unten ohne” im Winter: Barfuß auf der Blumeninsel Madeira

Fiona beißt die Zähne zusammen. Steine bohren sich in ihre Fußsohlen. Auch Esther verzieht das Gesicht, als sie mit der Last ihres gesamten Körpers barfuß auf den Pinienzapfen steht, die gewaltig pieken. Nur Dirk, der einzige Mann der Gruppe, zeigt keine Regung.

Dabei hat auch er Mühe. Im Abschnitt mit dem glitschigen Schlamm, der besonders bei Kindern beliebt ist, fällt es ihm sichtlich schwer, den nötigen Halt zu finden. Allen voran schreitet Celina, als mache es ihr überhaupt nichts aus. Sie, das Naturkind aus dem Norden der Atlantik-Insel Madeira, hat das nötige „Zehenspitzengefühl”. Mehr noch: Der rund 800 Meter lange Barfußweg mit seinen 17 verschiedenen Stationen ist so etwas wie ihr „Baby”. „Wir Portugiesen sind bekanntlich Entdecker und immer auf der Suche nach Neuem”, sagt sie.

Celina Sousa erinnert sich noch gut daran, wie sie als Kind Wasser auf dem Kopf getragen hat. 30 Kilogramm, schätzt sie. Bis in die 1980er Jahre sei ihr kleines Dorf ohne Strom und fließendes Wasser gewesen, erzählt die 48-Jährige. Die Naturverbundenheit hat die Hotel-Managerin geprägt. Sie will ihre Gäste daran teilhaben lassen. Kein Wunder, dass ihr „Jardim Atlantico” mit der EU-Blume, dem europäischen Umweltlabel, ausgezeichnet wurde.

Hotel und Barfußweg liegen an der Südwestküste Madeiras etwa 40 Kilometer von der Inselhauptstadt Funchal entfernt wie ein Adlerhorst auf einem Bergrücken mitten in der Natur. Die fantastische Lage knapp 480 Meter über dem Atlantik eröffnet einen herrlichen Panoramablick auf das Meer und die kleinen Fischerdörfer Paul do Mar und Jardim do Mar, auf Terrassenfelder und das Gebirge. Eine gute Basis für Wanderungen im Westteil der Insel.

Unter dem steil in den Atlantik abfallenden Fels ist schon der erste Wanderweg zu erkennen. Früher war er wichtiger Verbindungspfad, über den Güter ausgetauscht wurden - Gemüse gegen Fisch. Zum kleinen Ort Prazeres auf 600 Meter Höhe sind es etwa 1,5 Kilometer. Das einzige erwähnenswerte Gebäude am Weg ist eine doppeltürmige Pfarrkirche aus dem 18. Jahrhundert. Sonst nur Pflanzen und Tiere - Ruhe, Entspannung, Erholung. Nach zwei Kilometern ins Landesinnere beginnt ein Naturpark. 60 Prozent der Oberfläche der Inselgruppe sind Naturschutzgebiet. In einer anderthalbstündigen Wanderung sind der Jachthafen und der aufgeschüttete Sandstrand von Calheta zu erreichen.

„Mittlerweile gibt es auch fast in jedem deutschen Bundesland einen Barfußpfad”, räumt Celina ein: „Aber nur auf unserer Insel des ewigen Frühlings kann man auch im Winter unten ohne gehen.” Ohne Schuhe an den Füßen zu laufen, erzeuge eine wunderbare Nähe zur Natur. Jeder Muskel werde beansprucht, erklärt sie. Die Fußreflexzonen würden durch den verschiedenartigen Untergrund auf natürliche Weise stimuliert, die Durchblutung werde angeregt und das körpereigene Abwehrsystem gestärkt.

Weil auf ihrem Barfußweg nur einheimische Naturelemente verwendet wurden, erhält man auf den 800 Metern einen Vorgeschmack auf die gesamte Insel. Neben Steinen vulkanischen Ursprungs wie Basalt und Lava sind Teilstrecken mit Kies, Schotter oder Strandkiesel belegt. Auch heller und dunkler Sand findet sich. Aber der komme von der nur 40 Kilometer entfernten Nachbarinsel Porto Santo, denn auf Madeira selbst seien fast alle Strände steinig, erklärt Celina.

„Die meisten Gäste kommen zum Wandern in unser Natur-Paradies mit seinen dichten, von Wasserläufen durchzogenen Lorbeerurwäldern und Pinienhainen”, sagt sie. Neben Pinienzapfen und Piniennadeln gebe es auf dem Barfußweg deshalb auch einen Abschnitt mit Lorbeer. Der urzeitliche Lorbeerwald aus dem Tertiär wurde von der Unesco zum Weltnaturerbe erhoben. Ein Wasserkanal symbolisiert die berühmten Levadas. Die teils gemauerten oder aus Felswänden herausgeschlagenen Wasserkanäle durchziehen mit einem Netz von rund 2400 Kilometer Länge die gesamte Insel. Im 16. Jahrhundert erbaut, sind sie Bestandteil eines ausgeklügelten Bewässerungssystems, mit dem das kostbare Nass aus regenreichen in trockenere Zonen transportiert wird.

Als Belohnung für die Bewältigung der ungewohnten Barfußstrecke haben sich alle ein Gläschen Ponchas verdient. Der Zuckerrohrschnaps mit Bienenhonig versöhnt mit der Herausforderung. Vor den nächsten Aktivitäten gilt die Aufmerksamkeit den Blumen. Portugals „schwimmender Garten” beherbergt 400 einheimische, für Madeira typische Gewächse. Darunter sind auch seltsame Früchte wie Bananenananas und Maracujabanane, Exoten wie der blaulila blühende Storchenschnabel und natürlich die Strelizie, die auch als Paradiesblume bekannte farbenprächtige Nationalblume Madeiras.

Dann kommen endlich die Sportbegeisterten zu ihrem Recht. Nicht nur Wanderer aller Schwierigkeitsgrade finden in den außergewöhnlichen landschaftlichen Strukturen den idealen Rahmen, die traumhaft schöne Insel kennenzulernen. Für diejenigen, die ihren Adrenalinspiegel erhöhen wollen, gibt es Möglichkeiten zum Klettern, Trekking, Kanufahren, Mountainbiking und Paragliding. Wasserratten können surfen, segeln und tauchen. Zwar sind das nicht eben „nackte Vergnügen”, aber „unten ohne” - barfuß - auf alle Fälle.

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