1. Leben
  2. Reisen

Berlin: Unten oben ohne: Mit dem U-Bahn-Cabrio durch Berlin

Berlin : Unten oben ohne: Mit dem U-Bahn-Cabrio durch Berlin

Auf dem U-Bahnhof Berlin-Alexanderplatz schieben sich die Pendler in die Züge, hetzen die Treppen hinauf und hinunter. Immer wieder ertönt das Signal, das anzeigt, dass sich die Türen der Bahnen gleich schließen.

Auf Gleis 4 herrscht dagegen gespannte Ruhe. Rund 150 Personen - Touristen, aber auch etliche Berliner - warten. Auf dem Gleis steht ein Gefährt, das so gar nichts mit den berlintypischen U-Bahnen gemeinsam hat: vorne und hinten eine rote Lok, dazwischen drei große offene Wagen, auf denen Sitze montiert sind. Dach und Seitenwände gibt es nicht. Als „ungewöhnlichste Rundfahrt durch Berlin” bewerben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) die Fahrt mit dem sogenannten U-Bahn-Cabrio.

Einsteigen bitte! Vor der Abfahrt gibt es noch für alle Mitfahrer gelbe Helme und Kopfhörer. Punkt 19.00 Uhr springt das Signal auf Grün. Zwei Stunden lang fährt die Bahn kreuz und quer durch die Hauptstadt. Die Idee für die außergewöhnliche Tour entstand, als die BVG vor einigen Jahren Journalisten unterirdische Baustellen zeigen wollten und dafür auf einer Arbeitslore Bürostühle befestigte. Die Idee kam so gut an, dass sie zu einer regelmäßigen Einrichtung wurde.

Zum Start gibt es noch die nötigen Sicherheitshinweise. Am wichtigsten - trotz der gelben Helme, die jeder Teilnehmer tragen muss: „Während der Fahrt bitte nicht aufstehen”, ermahnt die Stimme im Lautsprecher, die sich als „Herr Jäger” vorstellt und in den kommenden zwei Stunden kaum aufhört zu reden. Viel Interessantes bekommen die Besucher so zu hören.

Zunächst einmal ist aber vor allem das spannend, was es zu sehen gibt - und was bei einer normalen U-Bahn-Fahrt in der Regel verborgen bleibt. Extra für das U-Bahn-Cabrio ist die Beleuchtung in den Tunneln eingeschaltet. Normalerweise ist es hier unten stockdunkel. Blaues Licht weist hin und wieder den Weg zu den Notausgängen. Zu dem, was man als normaler Fahrgast eigentlich nie zu Gesicht bekommt, gehören die Überführungstunnel. Denn das komplette Netz der Berliner U-Bahn ist miteinander verbunden.

Am lustigsten aber sind die Durchfahrten an den Haltestellen. Wie hatte Herr Jäger doch gesagt: „Es gilt das Gleiche wie im Zoo: winken erlaubt, füttern verboten.” Und so herrscht fast immer ein großes Hallo, wenn der Wagen im langsamen Tempo vorbeifährt: Da zupfen Kinder begeistert ihre Eltern an der Jacke, Jugendliche wollen auf den Wagen aufspringen, Betrunkene rufen dem Zug lauthals hinterher - aber vor allem gibt es fast an jeder Station fröhliches Winken und überraschte Blicke ob des seltsamen Gefährts.

Die Fahrt zeigt eindrucksvoll das unterschiedliche Design der U-Bahnhöfe: Mal zieren orangene Fließen die Wände, mal blaue Platten, mal gibt es flache Decken, mal hohe, manchmal ist die ganze Station einem Motto unterworfen. So zum Beispiel die Osloer Straße, die komplett in den Nationalfarben Norwegens gehalten ist. Herr Jäger hat natürlich zu jeder Station etwas zu erzählen.

Nach etwa einer Stunde legt das U-Bahn-Cabrio am Bahnhof Seestraße eine Pause ein. Die Schlange vor der Toilette der U-Bahn-Fahrer ist lang. Andere Fahrgäste nutzen die 15 Minuten für ein Erinnerungsfoto vor der Bahn.

Weiter gehts durch die Geschichte der Stadt. Da ist zum Beispiel der Bahnhof Voltastraße, der fertig war, lange bevor die Strecke es wurde und dann als Kartoffelkeller diente - inklusive Zugang für Pferdefuhrwerke. Einmal weist Herr Jäger auf einen Geisterbahnhof hin. Er wurde nie fertiggestellt, diente ab 1941 dann als Bunker. Dann ist da der Bahnhof Pankstraße, der sich zum Atombunker umfunktionieren ließ. Noch heute sind an den Gleisen die riesigen Schwenktore zu sehen. Im Notfall hätten im Kalten Krieg hier an den Bahnsteigen bis zu 3340 Personen Platz gefunden.

Und natürlich sind an etlichen Stellen die Spuren der Teilung zu sehen: zum Beispiel noch immer zugemauerte Tunnelabzweige, weil sie zu nah an der Grenze lagen. Etliche Bahnhöfe wurden während der Teilung auch nicht angefahren: Es handelte sich um West-Berliner Linien, die Bahnhöfe lagen aber unter Ost-Berliner Territorium. Grenzschutztruppen der DDR bewachten die Bahnsteige.

Nach knapp zwei Stunden wird es langsam etwas frisch auf dem offenen Zug. Der Fahrtwind weht kräftig - vor allem auf der Strecke der U9, die fast komplett ohne Kurven gebaut ist und wo bis zu 70 km/h erreicht werden. Am kältesten sind jedoch die Abschnitte, die unter der Spree hindurch führen. Das Wasser sorgt für konstante Kühlung. Noch ein letzte Mal durch den Kehrtunnel, dann ist der Alexanderplatz schon wieder erreicht. Die nächsten 150 Fahrgäste warten schon am Bahnsteig.

(dpa)