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Bismarck: Unbekanntes North Dakota: Reise zum Mittelpunkt Nordamerikas

Bismarck : Unbekanntes North Dakota: Reise zum Mittelpunkt Nordamerikas

North Dakota sieht nicht gerade wie der Mittelpunkt Nordamerikas aus. Dabei ist er genau hier, zumindest geografisch gesehen. Ansonsten ist der Bundesstaat ein ruhiger Flecken Erde, weit ab von den hektischen Metropolen Kaliforniens oder der Ostküste - und genau deshalb attraktiv für Touristen.

Die Hauptstadt des gewaltigen Bundesstaates hat einen für Deutsche sehr vertrauten Namen: Bismarck. „Ja, es gab früher sehr viele deutsche Einwanderer. Man sieht es immer noch an den Namen hier in der Gegend”, sagt Mike Seminary. Seminary, der sich selbst einen Althippie nennt („Die Hörgeräte habe ich meinen Jahren in der Rockband zu verdanken.”) ist der Bürgermeister der größten Stadt in North Dakota. „Unsere wichtigsten Industrien sind immer noch Landwirtschaft und Öl. Aber gleich danach kommt der Tourismus.” Die allermeisten Besucher sind Amerikaner. „Aber immer mal wieder kommt auch ein Deutscher und fragt dann, warum wir ausgerechnet Bismarck heißen.”

Bekannt wurde Fargo durch den gleichnamigen Film der Coen-Brüder. Für ihren Film erhielten sie 1997 den Oscar für das beste Originaldrehbuch.
Bekannt wurde Fargo durch den gleichnamigen Film der Coen-Brüder. Für ihren Film erhielten sie 1997 den Oscar für das beste Originaldrehbuch. Foto: Jose Medina

Echte Preußen könnten enttäuscht sein. Denn das Erbe des großen Staatsmannes wird hier nicht gerade gepflegt. Weder Straßennamen noch eine Schule sind in seinem Sinne benannt, und eine Büste sucht man auch vergebens. „Ja, eigentlich darf man das keinem erzählen”, sagt Seminary. „Aber im Grunde hatte Otto von Bismarck mit unserer Stadt auch gar nichts zu tun. Es waren eben Verehrer, die sie gegründet haben.” Der Fürst selbst hat es nie bis Amerika geschafft.

Die größte Sehenswürdigkeit sind für den Bürgermeister die Menschen selbst. „Es geht hier locker und unkonventionell zu. Überall stehen die Türen offen, und so etwas wie Security gibt es hier nicht.” Und die Leute sind ungezwungen: „Wenn Sie den Gouverneur treffen, würde der als erstes sagen „Nennen Sie mich Jack!”. Und ich möchte auch nicht mit „Herr Bürgermeister” angeredet werden.”

In der Tat kann man in das State Capitol, quasi den Landtag von North Dakota, einfach so hineinspazieren. Die Angestellten interessieren sich für den Besucher nur, wenn er an einem der kostenlosen Rundgänge teilnehmen möchte. Jeder kann in beide Gesetzeskammern reingucken, wann immer er will, und selbst der Konferenzraum des Gouverneurs steht offen. Metalldetektoren und Kontrollen? Gibt es hier nicht!

Das Gebäude selbst ist auch interessant. 50 State Capitols stehen in den USA und fast alle sehen aus wie das in Washington: ein mächtiger Bau mit einer großen Kuppel im Stile des Klassizismus. In North Dakota ist alles anders. Hier wurde das Kapitol in den 1930er Jahren erbaut, und es ist schlicht und kantig gehalten. Zu Weihnachten werden die Lichter nachts so angelassen, dass die Fassade des Hochhauses wie ein Weihnachtsbaum aussieht. Die Menschen in North Dakota hatten anfangs ein paar Probleme, sich an das neue Haus zu gewöhnen. Jetzt sprechen sie stolz vom „Wolkenkratzer in der Prärie”.

Wer sich in Bismarck verabredet, sollte übrigens die genaue Zeit klären. Denn durch die Stadt und ihre Vororte geht die Grenze zwischen Central und Mountain Time. Wer Richtung Westen über den Missouri River fährt, hat plötzlich eine Stunde gewonnen - die auf der Rückfahrt natürlich genau so schnell wieder verloren ist.

„Wenn Sie nicht gern Auto fahren, kommen Sie nicht hierher”, sagt ein Tankwart grinsend. Denn auch wenn man fast überall in den USA ein Auto braucht, in North Dakota braucht man es ganz besonders. Denn der Staat ist gut halb so groß wie Deutschland, hat aber nur etwas mehr als 700 000 Einwohner. Neben dem kleinen Bismarck gibt es in North Dakota noch andere interessante Ziele bereit. Zum Beispiel die Stadt Fargo, die durch die Krimigroteske der Coen-Brüder weltbekannt wurde.

Ein paar Minuten südlich von Bismarck liegt das Fort Abraham Lincoln. Gegründet wurde es 1872. Was heute zu sehen ist, sind zum größten Teil originalgetreue Nachbauten. Das Fort beherbergte vor allem Kavallerie, weshalb der Exerzierplatz mit dem großen Fahnenmast gewaltig ist. Dahinter steht das letzte Wohnhaus des vielleicht berühmtesten Kavallerieoffiziers der Indianerkriege: George Custer war hier Kommandant, bevor er seine Männer in der Schlacht am Little Bighorn in den Untergang führte.

Gleich hinter dem Fort steht der Nachbau eines Indianerdorfes. Ein Schild belehrt, dass man sich auf heiligem Grund der Ureinwohner befindet und man sich auch so benehmen möge. Auf die Indianer ist man hier stolz, vor allem auf den berühmtesten von allen: Sitting Bull.

Er war jahrzehntelang die treibende Kraft des Widerstandes der Indianer. Später trat er in Wild-West-Shows auf und setzte sich für die Versöhnung ein. Heute gibt es gleich zwei Gräber für den großen Indianerführer. Beide liegen am Westufer des Missouri. Der nördliche wird nur noch als Bestattungsort bezeichnet. Hier wurde Sitting Bull beigesetzt. Heute ist die Stelle kaum noch zu finden, abseits liegt sie in einem kleinen Ort neben ungepflegten Grundstücken.

Doch 1953 wollten seine Stammesbrüder den großen Häuptling würdiger bestattet sehen. Also exhumierten sie das, was sie für seine Leiche hielten, und schafften es zu einem anderen Platz am Missouri in der Nähe des Geburtsortes von Sitting Bull. Eine schlichte Säule mit einer Büste des Häuptlings steht heute dort.

Ob man die richtigen Überreste ausgegraben hat, weiß allerdings niemand. Zudem liegt der jetzt offiziell als Bestattungsstelle ausgezeichnete Ort schon in South Dakota. Aber Grenzen sucht man in diesem Teil Amerikas ohnehin vergebens.

(dpa)